Ein guter Rat.
Ich wußte nicht, sollte ich ihm mißtrauen? Wollte er mich nur los sein? Wer aber bürgte denn dafür, daß mein Nachfolger nicht viel tüchtiger war als ich? So glaubte ich meinem Berater. Heimgekommen erklärte ich meinem Chef, daß ich nach beendeter Lehrzeit ausfliegen würde. Ich sei kein Reisender, würde es so niemals werden, ich müßte noch viel lernen, ehe ich einmal wieder mit dem Musterkoffer wandern würde.
So ging ich und lernte! Und nach vielen Jahren ging mein Traum wirklich in Erfüllung: Ich reiste mit drei großen Musterkoffern und verdiente ein leidliches Geld. Ich hatte aus Fehlern gelernt! Was ich an Erfahrungen gesammelt habe, das will ich nun, schlicht und einfach, wie es mir gegeben ist, allen Handlungsgehilfen mitteilen, die auch auf der Reise sind, oder doch den sehnsüchtigen Wunsch haben, auf die Reise geschickt zu werden.
Denn den Wunsch, der meinen Jugendtraum ausmachte, verstehe ich! Ist auch der Beruf des Reisenden anstrengender als der eines Verkaufs- oder Kontorangestellten, so bringt er doch auch recht viel Abwechslung, er gibt eine freie und selbständige Stellung und — ein guter Reisender wird noch immer recht gut bezahlt!
Wer soll reisen?
Ich sagte in meiner Einleitung schon, daß eigentlich mein erster Mißerfolg die Grundlage abgab dafür, daß ich später ein leidlicher Reisender wurde. Ich sagte ebenfalls, daß der Beruf des Reisenden anstrengender ist, als irgend ein anderer kaufmännischer Beruf.
Davon will ich auch jetzt ausgehen, wenn ich die Frage beantworte: Wer soll reisen?
Unerwünschte Abwechslung.
Heute hier, morgen dort! Bald im dumpfen Eisenbahnabteil, in dem man kein Fenster öffnen darf, weil es „zieht“, bald auf den Stationen, beim Türöffnen, wirklichem Zug ausgesetzt. Bald unerträgliche Hitze — bald wieder empfindliche Kälte. Heute lachender Himmel, morgen das bekannte Hundewetter. Einen Hund, so sagt man, schickt man nicht hinaus! Der Reisende darf nicht fragen, was für Wetter ist. Er muß hinaus. Und kommt er müde in sein Gasthaus, das für ihn das Heim darstellen soll, dann merkt er nur allzubald, daß der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist. Hier wird so gekocht, dort wieder ganz anders. Heiß und kalt wie das Wetter ist, so geht es auch mit den Speisen, alles durcheinander. Dabei trotzdem eine Speisekarte von fürchterlicher Eintönigkeit. Man kommt manchmal auf den Gedanken, daß die Gasthäuser ihre Speisekarten mit aller Gewalt vereinheitlichen wollen.
Dann das Zimmer! Feuchte Bettwäsche ist ja vielfach ein Zeichen von Schlamperei! Wo sie zu finden ist, darf man in neun von zehn Fällen getrost annehmen, daß schon ein anderer Adam von diesem Bettlaken verhüllt wurde. Es wurde dann nur angefeuchtet und stark gepreßt, damit sich die alten Brüche verloren, und nun soll es traulich den neuen Leib umschließen. Aber nicht immer ist das so! In der Reisezeit wird in gut besuchten Gasthäusern die Wäsche knapp. Ist das Wetter nicht gut, trocknet es schlecht, muß so manchesmal zur wirklich gewaschenen Wäsche gegriffen werden, wenn diese noch feucht ist.