Wo finden wir Detailreisende? In der Konfektions-, der Modewaren-, der Wäsche-, der Wein- und der Buchbranche. Die Zigarrenbranche kommt nur stellenweise in Betracht. Je nachdem wie die Branche ist, wird auch die Kundschaft sein. Der Weinreisende wird seine Kundschaft vornehmlich im bessern Mittelstand und bei den obern Zehntausend finden, der Buchhandlungsreisende sucht sich seine Abnehmer — wenn er keine Spezialwerke vertreibt, die ihm ganz von selbst bestimmte Wege weisen — in den Kreisen der städtischen und staatlichen Beamten, in dem großen Heer der Privatangestellten, d. h. in erster Linie in solchen Kreisen, die über einen starken Bildungsdrang verfügen und Zeit haben, ihn zu betätigen. Auch der qualifizierte Arbeiter kommt für ihn in Betracht. Wo die eigentliche Romanliteratur noch zur Detailreise oder schon zur Kolportage gerechnet werden muß, ergibt sich von selbst. Danach richtet sich dann auch die Kundschaft. Wir wollen uns aber mit den Kolporteuren und auch mit den Bilderreisenden nicht beschäftigen. Der Reisende, der Zeitungen vertreibt, gehört, von einigen Ausnahmen abgesehen, auch nicht in den Kreis unserer Betrachtungen.
Der Konfektionsreisende wird selten mit fertiger Konfektion reisen. Er wird vielmehr Stoffmuster mit sich führen und Maß nehmen können, so daß die Bekleidungsstücke nach seiner Angabe gefertigt werden. Seine Kundschaft wird sich aus allen Kreisen zusammensetzen. Anders ist das schon beim Manufakturwarenreisenden. Hier wird sich fast immer eine Trennung vollziehen, der eine Reisende wird ausschließlich die „feine“ Kundschaft besuchen, der andere die Arbeiter- und die Mittelstandskundschaft.
Je nachdem, wie sich die Kundschaft zusammensetzt, muß sich auch das Benehmen des Reisenden gestalten.
Wer zur Arbeiterkundschaft geht, den „Zylinder“ auf dem Kopf und dann „seine Karte“ abgeben will, der wird lange warten können, ehe er etwas verkauft. Wer wiederum, ohne die üblichen Formen zu beobachten, in einen bessern Haushalt einzudringen versuchte, würde als Tölpel gelten.
Ein ausgesprochenes Taktgefühl ist hier am Platze.
Besuchszeit.
Der Detailreisende muß auf Dinge Rücksicht nehmen, auf die der Reisende schlechthin nicht Rücksicht zu nehmen braucht. Der Reisende kommt in das Geschäftslokal. Das ist dazu da, um Geschäfte abzuschließen. Der Detailreisende tritt in die Wohnung, die doch in der Regel nicht diesem Zwecke dient. Daraus ergibt sich, daß die Besuchszeit für den Detailreisenden anders zu regeln ist. Hat ein Reisender mit Kundschaft aus allen Kreisen oder auch nur aus mehreren Kreisen zu tun, so ist er gut daran. Besucht er nur Lehrer oder nur Handlungsgehilfen oder überhaupt nur bestimmte Berufsarten, so muß er sich so einrichten, daß er die Leute antrifft. Aber auch bei anderer Kundschaft wird er seinen Besuch so einrichten, daß er nicht stört, keine schlechte Laune allein durch seinen Besuch hervorruft.
Wer die Frau Baronin X morgens um 9 Uhr besucht, begeht eine Taktlosigkeit. Wer um die Mittagszeit, wenn alles bei Tisch sitzt, in einen Haushalt eindringt, der darf sich nicht wundern, wenn man ihm die unangenehme Störung entgelten läßt. Das zunächst einmal vorweg geschickt, ergibt sich noch weiteres für die Behandlung der Kundschaft selbst.
Zwischen Tür und Angel.
Kommt man in einen Haushalt, in dem man vom Mann oder der Frau selbst empfangen wird, dann muß man zunächst einmal versuchen, nicht zwischen Tür und Angel abgefertigt zu werden. Hat man den Musterkoffer in der Hand, so erschwert man sich den Einlaß in die Wohnung. Man stelle ihn also zunächst beiseite. Dann sage man ungeniert, man möchte den Herrn oder die Dame des Hauses in einer Angelegenheit sprechen. Bekommt man die Einladung, näher zu treten, so greift man zum Koffer und nimmt ihn mit. Eine einmal ausgesprochene Einladung wird selten wieder zurückgenommen werden.