Das kleine Fest, aid el sserir, beendigt den Fastenmonat Ramadhan; es findet vom 1. bis zum 7. Schual statt. Bei diesem Feste werden, wie schon erwähnt, grosse Almosen gegeben, und man hält sodann ein grosses öffentliches Gebet im Freien. Zu dem Ende hat jede Stadt in Marokko ausserhalb des Weichbildes einen gemauerten, weiss angekalkten Gebetsplatz, Emssala genannt. Eine 5 bis 6 Fuss hohe crenelirte Mauer, 20 Schritt lang, hat in der Mitte einen steinernen Mimbr, d. h. eine Treppe, die für den Fakih, der die Predigt hält, bestimmt ist. Darf man Ali Bey Glauben schenken, so wohnte er einem solchen Gottesdienste bei, wo zu gleicher Zeit 250,000 Menschen sich vor Gott zur Erde beugten; es war dies in Fes zur Zeit der Regierung des Sultans Sliman. Ich wohnte in Uesan einem solchen religiösen Feste zweimal bei; der Grossscherif, Sidi-el-Hadj Abd- es-Ssalam, war die Hauptperson dabei; im Ganzen mochten 20,000 Menschen anwesend sein. Nach der Predigt und nach dem Gebete war ein grosses lab-el-barudh, d. h. ein Pferdewettrennen mit Flintenschüssen. Dies Fest findet am 1. Schual statt; die übrigen sechs Tage zeichnen sich nur dadurch aus, dass man aussergewöhnlich grosse Quantitäten Nahrung zu sich nimmt und dem süssen Nichtsthun huldigt.

Am 10. Dulhaja ist das grosse Fest oder aid el kebir zur Erinnerung des Opfers Abraham's; zugleich ist es jetzt für die, welche nicht nach Mekka pilgern, eine Mitfeier des dort stattfindenden grossen Festes. Dasselbe dauert drei Tage. Man verrichtet zuerst sein Gebet in der Moschee und geht sodann nach Hause, um ein Schaf zu opfern, d. h. zu schlachten und zu verspeisen. In nicht reichen Familien hält man für genügend, ein Schaf für Alle zu schlachten, in reichen Familien aber opfert jedes männliche Mitglied ein Thier. Der ganz arme Mann holt sich sein Viertel bei dem Reichen, kurz, an dem Tage ist Niemand ohne Fleischkost in Marokko. Höst meint, dass an jenem Tage in Fes 40,000, in Maraksch 20,000 Schafe geschlachtet werden, und nach der Zahl zu urtheilen, die in Uesan geopfert wurden (Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam z. B. liess von einem seiner Duar 500 Schafe zum Opfern bloss für seinen Haushalt nach Uesan kommen), möchte ich glauben, dass jene Zahlen eher zu niedrig als zu hoch gegriffen seien. An diesem Tage werden dem Sultan ebenfalls grosse Geschenke gemacht, von jeder Stadt und jeder Ortschaft. Die beiden folgenden Tage zeichnen sich ebenfalls durch Schmausereien aus, und Unverdaulichkeit, allgemeines Kranksein und Unfähigkeit, irgend etwas zu thun, sind immer Folge dieser Feier, namentlich für solche, die so wenig an animalische Kost gewöhnt sind, wie die Marokkaner.

Ein halb religiöses, halb weltliches Fest ist das aid el tholba, das Fest der Schriftgelehrten. Es findet im Frühjahr zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche statt; sämmtliche Tholba und Fakih ziehen zur Stadt hinaus und lagern während einer Woche unter Zelten. Obschon Koranlesen und Beten der ursprüngliche Zweck dabei sein soll, konnte ich davon in der heiligen Stadt Uesan, aber vielleicht gerade weil Uesan eine heilige Stadt ist, nichts merken; im Gegentheil, bei Tage beschäftigten sich die Doctoren und Schriftgelehrten damit, Almosen zu empfangen in Gestalt von Geld, Thee, Zucker, Lebensmitteln aller Art und leckeren Gerichten, welche die andächtigen Frauen aus der Stadt heraussandten. Inzwischen wurde enorm gegessen, und wenn Abends profane Blicke der Bauern aus der Umgegend nicht zu befürchten waren, gab man sich fleissig dem Wein und Schnaps hin. War am andern Morgen ein Doctor oder Schriftgelehrter durch Trunkenheit oder Katzenjammer unfähig, sich irgend wie vernünftig mit Almosen bringenden Leuten aus dem Gebirge und der fernen Umgegend zu unterhalten, so wuchs sein Ruf, man glaubte, er habe sich durch Nachtwachen derart in einen überreizten und heiligen Zustand versetzt, dass er dem gewöhnlichen Erdenleben entrückt sei.

Wir haben oben bemerkt, dass in Marokko nur rechtgläubige Mohammedaner malekitischen Bekenntnisses sind, denn die wenigen Choms (eine nicht den vier orthodoxen Secten huldigende fünfte Partei) im Gebirge sind kaum erwähnenswerth. Aber in dieser malekitischen Sekte haben sich nun wieder zahlreiche religiöse Genossenschaften gebildet, religiöse Innungen, so dass man fast sagen kann, ein jeder Marokkaner gehört einer solchen an.

In gewisser Beziehung haben solche religiöse Verbindungen Aehnlichkeit mit den christlichen, besonders insofern, als ihnen speciell eine gewisse Verpflichtung obliegt, gewisse Privatgesetze gemein sind, Viele noch besondere additionelle Gebete verrichten, gewisse Fasten halten, mancher Speise insbesondere sich enthalten. Sie unterscheiden sich aber am deutlichsten von christlich-religiösen Genossenschaften dadurch, dass jedes Mitglied einer solchen Innung[42] verheirathet ist, weil Mohammed das Heirathen an und für sich als verdienstlich und gut hinstellt. Leute unter den Mohammedanern, die nicht verheirathet sind, werden daher unter allen Umständen verächtlich angesehen.

[Fußnote 42: Mir wurde in ganz Marokko nur von einer religiösen Genossenschaft Kunde gegeben, deren Mitglieder unverheiratet sein mussten, diese nannten sich Fokra el mulei Abd Allah el Scherif in Uesan. Diese Brüderschaft war äusserst schwach, die Mitglieder waren alle gelehrt und (dem Anscheine nach) sittenreine Leute. Leo, Bd. I, S. 251, Ausgabe von Loosbach, spricht aber von den sogenannten Romiti (Marabuten), welche ebenfalls nicht heirathen dürfen, aber deren Lebenswandel nach seiner Beschreibung eben nicht sehr erfreulich und tugendhaft gewesen sein soll.]

Die verschiedenen religiösen Genossenschaften zu beschreiben werde ich andernorts Gelegenheit haben, hier genüge, dass die vornehmste religiöse Innung die der Muley Thaib in Uesan ist, die ausgebreitetste im ganzen Nordwesten von Afrika. Es kommt sodann die Corporation der Sidi Hammed ben Nasser mit dem Centralsitze von Tamagrut in der Draa-Oase; die der Sidi Abd-es-Ssalam-ben-Mschisch mit der Hauptstadt Sauya, im Djebel Habib, südöstlich von Tanger; die von Sidi Mussa in Karsas, und viele andere. Ohne religiöses Centrum, Sauya[43], sodann ist der Orden der Aissauin, d. h. der Jesuitenorden, zu erwähnen. Da wir gleich auf letztere etwas näher eingehen wollen, erwähne ich nur, dass alle übrigen religiösen Genossenschaften als alleinigen Zweck haben, sich die Menschen zu unterwerfen und dieselben auszubeuten. Indem sie vorgeben, dass wer ihrem Orden beitrete, d. h. die und die Ceremonie mitmache, dies oder jenes Gebet ausserdem verrichte, an die Fürbitte dieses oder jenes Heiligen besonders glaube, den oder jenen Festtag extra halte und, worauf es besonders ankommt, freiwillige oder bestimmte Gaben der Sauya oder dem Oberhaupte darbiete, suchen sie sich mehr oder minder der Herrschaft über die Geldbeutel und damit über die Leute selbst zu bemächtigen. Aeusserlich unterscheiden sich die Genossen einer religiösen Innung von denen einer andern nicht, höchstens findet man einen Unterschied im Rosenkranz. Die Mohammedaner haben mit den Katholiken gemein die Hantirung eines Rosenkranzes, der aus hundert Perlen besteht. Die Mohammedaner beten freilich nicht bei jeder der Hand entgleitenden Kugel ein Ave oder Paternoster, sondern rufen bloss Gott an (es ist vorhin gesagt, wie verdienstvoll es ist, den Namen Gottes auszusprechen), bei jeder Perle z. B. "Gott ist gross" oder "Gott ist allbarmherzig" etc. Als Unterschied von übrigen religiösen Orden haben die Brüder des Mulei Thaib einen grossen Messingring am Rosenkranz, die des Sidi Hussa in Karsas eine grosse Perle von Bernstein, und andere ähnliche Abzeichen.

[Fußnote 43: Das Wort Sauya bedeutet Kloster, Pilgerort, Schule, Asyl zusammengenommen. Da aber, wie schon gesagt, die Mitglieder einer religiösen Genossenschaft fast immer verheirathet sind, so hat eine Sauya ein ganz anderes Aussehen als ein Kloster. Wichtigkeit haben Sauya besonders, wenn sie Centralstelle eines religiösen Ordens sind, wenn sie todte oder lebendige Heilige haben, wenn sie durch Tradition ein unverletzliches Asylrecht besitzen. Letzteres wird aber dennoch manchmal durch die Unfehlbarkeit irgend eines Sultans, dem ja keine Ueberlieferung heilig ist, gebrochen.]

Die vorhin erwähnten Aissauin oder Brüder vom Orden Jesu (Aissa heisst Jesus) sind eine der merkwürdigsten Verbindungen. Sie haben kein bestimmtes lebendes Oberhaupt, keine bestimmten Ordensregeln, keine Sauya, sie leben nur vom Aberglauben und dadurch, dass sie die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen täuschen. Ihren Namen haben sie vom Propheten Jesus angenommen, den sie auch als geistiges, unsichtbares Oberhaupt anerkennen, und sie behaupten auch, ihre Wunderkraft von ihm ererbt zu haben. Sie fussen dabei auf die Worte Mohammed's im Koran, "dass ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu thun, nicht verliehen gewesen sei, dass aber Jesus sie gehabt habe." Die Aissauin sind sehr zahlreich, und nicht nur in Marokko zu finden, sondern in der ganzen mohammedanischen Welt.

Manchmal sind die Kunststücke, welche ihre wunderthätige Heiligkeit darthun sollen, sehr einfacher Art, z. B. dass sie einen Scorpion in die Hand nehmen, Schlangen auf dem Körper herumkriechen lassen; manchmal aber erregt es Entsetzen, wenn man sieht, wie diese Leute Schlangen lebendig verzehren, zerhackte Nägel, gestossenes Glas, scharfkantige Steine und glühende Kohlen hinunterschlucken, wie sie unter Anrufung von "Gott und Jesus" ihren Körper wund schlagen, dass er blutrünstig wird (ähnlich wie die Flagellanten der Christen etc.), und ausserdem nicht nur gegen ihren eigenen Körper Verbrechen begehen, sondern oft öffentlich und ungestraft gegen die Sittlichkeit mit anderen Menschen und Thieren sich versündigen, dass dergleichen in anderen Ländern als Wahnsinn bezeichnet, oder wollte man es berichten, als erlogen betrachtet würde. Ich unterlasse es deshalb, Beispiele ihrer religiösen Tugend, die ich selbst gesehen, anzuführen, verweise dafür auf Leo Africanus I, S. 253 oder Lempriere's Reise durch Marokko und auf fast alle anderen Schriftsteller, welche über Marokko berichtet haben.