Wie in der christlichen Kirche, so hat sich auch im Mohammedanismus ein Heiligenstand entwickelt und namentlich in Marokko steht derselbe in Blüthe. Die mohammedanische Religion spricht aber nicht durch ein bestimmtes Organ, wie z. B. bei den Christen durch den Papst, heilig; ein solches hat die gesammte mohammedanische Religion überhaupt nicht, sondern in einzelnen mohammedanischen Ländern, wie Marokko, wo der Sultan Papst, der Papst Sultan ist, besorgt es das ganze Volk, welches nie Heilige genug haben kann. Die mohammedanische Religion hat nun den Vortheil, dass Menschen schon bei Lebzeiten heilig gehalten oder gesprochen werden, und da jeder Mohammedaner heirathet, so ist die Erblichkeit in das Heiligsein gekommen, d. h. die Nachkommen eines solchen Heiligen werden auch als heilig betrachtet. Ja, im Laufe der Jahrhunderte hat sich dies so eigenthümlich herausgestaltet, dass die Heiligkeit nicht nur erblich, sondern wachsend geworden ist, derart, dass der Nachkomme eines Heiligen stets für heiliger gehalten wird, als er selbst. So sehen wir, dass z. B. in Uesan der directeste Sprössling Mohammed's jetzt für viel heiliger und unfehlbarer gehalten wird, als Mohammed selbst.
Wenn meistens bei Christen und anderen der Glaube obwaltet, es sei um Mohammedaner zu werden, unumgänglich die Beschneidung nothwendig, so ist dies irrthümlich. Im Koran ist für den Moslim die Beschneidung nicht gesetzlich gemacht, und so giebt es denn, namentlich unter den Berberstämmen Marokko's, verschiedene, welche nie die Beschneidung bei sich eingeführt haben. Trotzdem zweifelt Niemand an dem Islam dieser Stämme. Ueberdies wird die Circumcision erst im siebenten oder achten Lebensjahr vorgenommen, und falls die Beschneidung wesentlich zum Islam gehörte, wären sodann Kinder, die jenes Alter nicht hätten, keine Mohammedaner. Es werden nur Knaben in Marokko beschnitten.
Ziehen wir schliesslich einen Vergleich, so finden wir, dass gleiche Lehren und gleicher Glaube auf das Volk dieselbe Wirkung haben. Die Unfehlbarkeit eines Einzelnen, die in Marokko schon seit der Regierung des Sultans Yussuf Ben Taschfin's besteht, hat die grenzenloseste Dummheit des Volkes, den kolossalsten Aberglauben, die grösste Scheinheiligkeit und den Ruin der Nation und des Landes zur Folge gehabt. So hat auch in der jüdischen, der ersten semitischen Religion, die Unfehlbarkeit der Bundeslade, des Hohenpriesters, Jerusalems, d. h. das starre, eiserne Festhalten eines überlebten Grundsatzes Scheinheiligkeit, Aberglauben, Heuchelei, Selbstüberschätzung und dann den Ruin des Volkes zur Folge gehabt. Und bei den Christen sehen wir, dass das feste Anklammern an abgelebte Ideen, das Wiederaufrichten vorweltlicher Lehren, der eingebildete Wahn, den allein seligmachenden Glauben zu besitzen, oder die allein unfehlbare Oberkirchenbehörde zu sein, schliesslich zur "Unfehlbarkeit" eines einzelnen Menschen selbst führte.
5. Krankheiten und deren Behandlung.
Eine der ersten Ursachen, weshalb die Bevölkerung in Marokko so wenig zunehmend ist, vielmehr stationär bleibt, sind die vielen im Lande herrschenden Krankheiten, und die schlechte und unrationelle Behandlung derselben. Ein Land, dessen Bewohner eben nur "Jenseits-Candidaten" sind, falls es sich um Unglücksfälle handelt, die ihr gewöhnlicher durch die mohammedanische Religion erstickter Geist nicht ergründen kann, das Volk eines solches Land muss zu Grunde gehen. Und in Marokko wird eine jede Krankheit als eine Heimsuchung "Allah's" bezeichnet, und die besten Mittel dagegen sind "Gebetsübungen" und "Amulette."
Von den Lehren der grossen Doctoren, welche einst in Spanien und Marokko gelebt, ist heut zu Tage keine Spur mehr vorhanden. Man müsste ihre Werke herausholen aus den Bibliotheken Fes' oder Uesan's, um nur den Namen derselben zu erfahren.
Kein marokkanischer Arzt, geschweige ein gewöhnlicher Marokkaner weiss, dass Abu-el-Kassem-Calif-ben-Abbes (Albucasis) ihr Landsmann ist, dass er der Erfinder der Lithotomie[44] war.
[Fußnote 44: Portal, Histoire de Panatomie et de la chirurgie.]
Der im Dienste des marokkanischen Sultans (Yussuf [Yussuf] ben Taschfin gewesene Arzt Aven-Zoar (Abu-Meruan-ben-Abd-el-Malek-b-Sohr), der es wagte gegen die Vorurtheile seiner Zeit, Chirurgie und Medicin zu vereinigen, welcher zuerst die Idee der Bronchotomie hatte, ist in Marokko verschollen. Weder der ältere noch jüngere (Aven-Zoar's Sohn), der gleichfalls Arzt war, sind auch nur dem Namen nach bekannt. Verschollen ist der noch berühmtere Arzt und Philosoph Averoës (Abu-Uld-Mohammed-ben-Rosch), ein Schüler des älteren Aven-Zoar, welcher unter des Sultans Almansor Regierung nach Marokko berufen wurde und dort starb. Kein Grabstein, kein Andenken solch berühmter Männer ist im Lande zu finden, und wenn die Marokkaner kein Gedächtniss haben für so berühmte Männer, welche einst unter ihnen lebten, wie ist es da zu verwundern, dass auch von anderen minder berühmten jede Spur ausgelöscht ist.
Die heutigen Aerzte von Marokko verdienen in jeder Beziehung die untergeordnete Stellung, die sie einnehmen. Nur dann stehen sie in Ansehen, wenn sie zu gleicher Zeit Tholba, d. h. Schriftgelehrte oder Faki, d. h. Doctoren der Theologie sind. Und noch höher ist ihr Einfluss und ihr Ruf verbreitet, wenn sie zugleich Schürfa, d. h. Abkömmlinge Mohammed's sind. In dieser Eigenschaft liegt zugleich, der Meinung des Marokkaners nach, ärztliche Natur. Und so sieht man denn auch häufig genug Leute zu einem Scherif kommen, um seine Hülfe gegen irgend eine Krankheit zu erflehen, sei es nun, dass diese in einem Gebete oder Segen, in einem Amulet, oder geschriebenen geheimnissvollen Zauberspruche, oder auch in wirklicher medicinischer Substanz besteht.