Solche Leute, die sich nur mit Ausübung innerer Heilkunde beschäftigen, ohne Thaleb, Faki oder Scherif zu sein, giebt es daher sehr wenige in Marokko, eher schon stösst man auf Chirurgen von Profession, die es durch Uebung in irgend einem Zweige der Wundarzneikunde zu einem mehr oder weniger verdienten Rufe gebracht haben.

Meinen grossen ärztlichen Ruf in Marokko verdankte ich denn auch nicht dem Umstände, dass ich Medicin studirt hatte, oder Militärarzt des Sultans, später sogar dessen Leibarzt war, sondern es hatte das seinen Grund darin, dass ich vorher Christ gewesen war. Nach dem Glauben der Mohammedaner ist Jesus der grösste Arzt gewesen, und sie meinen, er habe den Christen eine Menge wunderthätiger Heilmittel hinterlassen. So wurden denn oft zu mir die verzweifeltesten Fälle gebracht. "Der Sohn des Jesus (uld ben Aissa) wird uns schon helfen können," meinten sie. Ebenso giebt es nirgends eigentliche Apotheken oder Pharmacien. Der Arzt bereitet immer selbst seine Arzneien und giebt sie dann dem Kranken. Ist er unbekannt und die erkrankte Persönlichkeit eine einflussreiche, so muss er unabänderlich von der Arznei vorher kosten, oft sogar die Hälfte geniessen. So hatte ich die Unannehmlichkeit, mich eines Tages mit dem Bascha von Fes, Ben-Thaleb purgiren zu müssen. Derselbe hatte ein Abführungsmittel verlangt, ich brachte ihm eine Schale mit aufgelöstem Bittersalz, aber um sicher zu sein nicht vergiftet zu werden, musste ich die Hälfte vor seinen Augen austrinken; vorher davon unterrichtet, hatte ich die Dose stark genug gemacht, um für uns beide eine Wirkung zu erzielen, im entgegengesetzten Falle würde mein Ruf gelitten haben.

Indem wir hier nur die am häufigsten in Marokko vorkommenden Krankheiten vorführen, beginnen wir mit der, welche am verbreitetsten ist, so verallgemeinert, dass heute fast keine Familie in Marokko nördlich vom Atlas existirt, welche von dieser Krankheit unberührt geblieben wäre: Syphilis.

Unter Syphilis verstehen die Marokkaner vom Ulcus syphiliticum an alle jene Krankheiten, welche wir als Syphilis universalis, constitutionelle Syphilis und ihre Producte bezeichnen. Der Marokkaner nennt diese Krankheit "die grosse," Mrd-el-kebir, oder die "Frauenkrankheit," Mrd-el-nssauïn. Einzelne Formen, z.B. das Ulcus syphiliticum nennt er Grah, ohne aber diese, wie andere syphilitische Erscheinungen, z.B. Bubonen, Ulcerationen im Schlunde, Ausschläge herpetischer Art, für Syphilis zu halten; ebensowenig rechnet der Marokkaner zum Mrd-el-kebir die Krankheiten der Harnröhre und Scheide. Also unseren secundären und tertiären Erscheinungen entspricht das Mrd-el- kebir, um so mehr tritt dies heraus, als selbst nicht sichtbare, sondern nur fühlbare Erscheinungen, die nächtlichen Knochenschmerzen (satar) von dem Marokkaner zum Mrd-el-kebir gerechnet werden.

Es giebt in der That fast kein Individuum in Marokko, das sein Leben ohne diese Krankheit zubrächte. Leo[45] schon meint, dass nicht der zehnte Theil der Einwohner der Berberei dieser Seuche entgehe. Leo behauptet ferner, diese Krankheit sei ehedem nicht in Afrika bekannt gewesen, selbst nicht dem Namen nach; er sagt: "sie fing dort zu der Zeit, als König Ferdinand (der Katholische) die Juden aus Spanien verjagt hatte, an; viele von denselben waren angesiechet, und das Gift steckte die wollüstigen Mauren, die mit Jüdinnen nach ihrer Ankunft in Afrika zu vertraut umgingen, auch an, und griff nach und nach so um sich, dass wohl keine Familie in der Berberei gefunden wird, die das Uebel nicht gehabt hätte, oder noch hätte. Sie halten es für unleugbar, dass es aus Spanien herkomme, und nennen es folglich auch die spanische Krankheit." Wie dem nun auch sein mag, ob diese Krankheit in Marokko erst nach der Judenvertreibung aus Spanien bekannt wurde, oder schon vorher grassirte, heute ist sie unter dem Namen "spanische Krankheit" in Marokko nicht bekannt. Aber Alle, die in Marokko gewesen sind, constatiren das allgemeine Verkommen. So sagt Jackson in seinem Account p. 190: "they call it the great disease and it had now spread itself into so many varieties, that I am persuaded, there is scarcely a moor in Barbary who has not more or less of the virus in his blood."

[Fußnote 45: Leo Africanus, Uebersetzung von Lorsbach.]

Es giebt wohl keine Form der syphilitischen Krankheit, welche in Marokko unbekannt wäre, und da sie keine gründlichen Heilverfahren dagegen in Anwendung bringen, so wird dies Uebel erblich durch ganze Triben fortgesetzt. Häufig genug hört man ein Individuum sagen, "mein Vater war ganz gesund, und ohne Ursache bin ich vom Mrd-el-kebir befallen," forscht man aber nach, so erfahrt man bald, dass mütterlicherseits oder von grosselterlicher Seite her die Krankheit existirte und bei den Eltern nur latent war oder so schwach auftrat, dass sie nicht beachtet wurde.

Als Mittel gegen den Mrd-el-kebir wenden die Marokkaner mit bestem Erfolg die heissen Schwefelquellen von Ain-Sidi-Yussuf an. Da ich nicht selbst jenes bei Fes gelegene, wahrscheinlich das zu den Römerzeiten schon unter dem Namen Aquae Dacicae bekannte Bad besucht habe, so kann ich weder über die Temperatur noch über die Bestandtheile desselben berichten. Nach den Aussagen der Araber ist aber unzweifelhaft Schwefel Hauptbestandteil und ist das Wasser so heiss, dass darin Badende das Bassin, welches die eigentliche Quelle enthält, nicht betreten können, dort soll das Wasser fast siedend sein. Die Badebassins befinden sich in einiger Entfernung davon, nachdem das Wasser auf Umwegen eine Abkühlung erhalten hat. Die das Wasser Gebrauchenden baden in grossen gemeinschaftlichen Bassins, Frauen von den Männern getrennt.

Eine Kur dauert mit täglichem Baden, wobei mau oft stundenlang im Bassin hockt, so lange bis man geheilt ist, oder die Unwirksamkeit glaubt erprobt zu haben. Jahrelanges Baden ist nichts Seltenes, und weniger als eine dreimonatelange Kur wird wohl nie versucht. Die Marokkaner trinken das nach faulen Eiern riechende Wasser nicht. Man kann sich denken, welche Vollheit immer in Ain-Sidi-Yussuf ist, indess campiren alle Leute, für Badeeinrichtung ist nämlich gar nicht gesorgt und auf einem wöchentlich Einmal abgehaltenen Markte ebendaselbst, werden die Lebensmittel und Vorräthe eingekauft. Eine besondere Diät wird bei der Kur nicht beobachtet, was bei der einfachen marokkanischen Kost auch nicht nothwendig ist.

Vom Gebrauche dieser Bäder habe ich die überraschendsten Erfolge gesehen, manchmal nach kurzem (d.h. nach 5-6monatlichem, täglichem, meist zweimaligem Baden, wobei die Leute behaupteten, jedesmal zwei Stunden im Bade zugebracht zu haben), manchmal nach längerem Gebrauche. Indess ist dies Bad wie alle Schwefelbäder kein specifisches Mittel und nicht nur kamen oft genug Rückfalle, Wiederausbruch der Syphilis vor, sondern sehr oft zeigt sich das Bad vollkommen wirkungslos. Der Marokkaner sagt natürlich nie, dass das Wasser des Bades die Heilung bewirkt: Sidi Yussuf oder dessen Segen bewirken die Genesung.