Mercur wird äusserst selten gebraucht, und fast nur in den Städten. Man kennt dort, wo europäische Apotheken sind, die einfache Mercurialsalbe und macht örtliche Einreibungen. Auch Juden in den Städten des inneren Landes präpariren und verkaufen Ung. mercuriale cinerum. Am häufigsten wird das Quecksilber angewandt, indem man es in seiner wahren Gestalt in eine stark erhitzte Pfanne schüttet und dann die Quecksilberdämpfe einathmet. Aber wenn auch manchmal sowohl von den örtlichen Einreibungen, wie von den Inhalationen Besserung erfolgt, so unterliegen dann aber die Meisten den Folgen der Mercurialvergiftung. Jod und seine Verbindungen sind gänzlich unbekannt. Am gebräuchlichsten ist noch die Sarsaparilla, nicht nur das Decoct der Wurzel, sondern auch diese selbst im pulverisirten Zustande wird genossen. Aber nur Wenige in Marokko sind im Stande, eine durchgreifende Kur mit diesem für dortige Verhältnisse recht kostspieligen Medicament, welches die Portugiesen importiren, machen zu können. Man hält sodann ausserordentlich viel auf Ortsveränderung, Diät und Schwitzen, d.h. Ortsveränderung wird nur insofern gepriesen, als die Leute dabei in heissere Gegenden gehen, meist südlich vom Atlas. Die dann erfolgende grössere Transpiration soll manchmal Heilung bewirken. Entziehung der Nahrung bringt indess nach den Aussagen der Marokkaner nur Stillstand der Krankheit herbei. Jackson erzählt, dass zur Zeit, als er in Agadir war, der dortige Bascha, Namens Hayane, seine schwarzen Soldaten dadurch von der Krankheit heilte, dass er sie schwere Lasten bergauf tragen liess, welches eine mächtige Schweissbildung hervorbrachte. Innerlich giebt man an einigen Orten auch eine Abkochung der Rinde von Coloquinthen (Cucumis colocynthis). Dieses drastische Purgirmittel soll das Gift des Mrd-el-kebir aus dem Körper entfernen, aber nie habe ich gehört, dass es irgend gewirkt hätte.

Ebenfalls giebt man diese Decoction gegen blennorrhoïsche Affectionen, in der Regel aber werden diese durch eine Abkochung von Melonenkernen behandelt, welches unschuldige Mittel innerlich gegeben wird. Injectionen bei dieser Krankheit werden nie angewandt. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass nebenher Amulette und Zaubersprüche hier wie bei allen Krankheiten in Anwendung sind. Kleine Zettelchen mit Koran- oder anderen Sprüchen werden in die Kleidungsstücke oder in kleine lederne Säckchen genäht und diese umgehangen, oder ein solches beschriebenes Papierchen wird in einer Tasse mit Wasser abgewaschen und dies dem Patienten zu trinken gegeben, oder endlich das Amulet selbst wird als Medicin hinabgeschluckt; man denke sich, welche Wirkung es haben muss, wenn der Kranke einen Koran- Spruch gegessen hat.

Fälle von constitutioneller Syphilis, die ich selbst behandelte mittelst Jodkali und Mercur, hatten die überraschendsten Erfolge. Aeusserlich wandte ich die Inunctions-Kur, innerlich Jodkali an, mit 0,5 anfangend, bis zu 3 oder 4 Gr. auf einmal täglich, in Wasser gelöst, gegeben. Aus Mangel an Medicamenten musste ich indess auch bald zu den Amuletten greifen.

Intermittirende Fieber[46] kommen in den Niederungen längs der Flüsse, in den sumpfigen Ebenen beständig und zu jeder Jahreszeit vor. Der Marokkaner wird ebenso gut davon befallen wie der Europäer, und das krankhafte Aussehen von Kindern und Frauen der Rharb-Provinzen deuten genug an, dass diese hauptsächlich dieser Krankheit unterliegen. Der Grund liegt darin, dass der Mann durch häufigen Ortswechsel seine Gesundheit leichter wieder herstellen kann. Meist ist das Fieber das gewöhnliche, alle 48 Stunden auftretende, sehr häufig beobachtet man auch Febr. quartanae, und die damit Behafteten werden ihr Fieber fast nie wieder los. Man kennt in Marokko den Segen des Chinin nicht, das erste Mittel, zu dem man greift (ausser den Amuletten und Zaubersprüchen), ist eine starke Purganz, die aber natürlich keine Heilung bewirkt. In den marokkanischen Städten, namentlich in den Hafenstädten, hat man in letzterer Zeit angefangen trotz des hohen Preises Chinin zu kaufen.

[Fußnote 46: Fieber: el Homma.]

Weit verbreitet sind Leberleiden und Gelbsucht[47], gegen welche man das Kraut des Kümmel (Cuminum cyminum L.) anwendet, arabisch Schemssuria genannt; als gerühmtes Mittel wird dagegen auch Schih (Art. odorif.) genommen. Häufige Magenbeschwerden, Folgen grosser Unmässigkeiten, die namentlich nach den Festlichkeiten beobachtet werden, und alle die Krankheiten, wie Rheumatismus, Gicht, Kopfschmerz[48], halbseitiger Kopfschmerz, der oft beobachtet wird, alle Arten von Entzündungen, versucht man durch äusserliches Bestreichen mit heissem Eisen zu heilen. Gegen Durchfall, Ruhr, Dysenterie wendet man Gummi arabicum, in Substanz gegessen, dann eine Pflanze "Kebbar" (Capparis spinosa) an, deren Holz gestampft und abgekocht wird, endlich auch rohes Opium.

[Fußnote 47: Gelbsucht, Bu-Sfor, d.h. wörtlich: Vater des Gelben.]

[Fußnote 48: Alle diese Krankheiten, welche bei uns mit Schmerz endigen (arabisch udja), drückt der Marokkaner ebenso aus, z.B. Kopfschmerz udja el ras u.s.w.]

Es ist unglaublich, wie besondere Freunde die Marokkaner von der Feuerkur, überhaupt von allen recht schmerzhaften Heilverfahren sind. In Fes giebt es daher auch eigene Special-Feuerärzte. Man sieht sie auf der Hauptstrasse, welche Neu-Fes mit Alt-Fes verbindet, auf dem Boden hocken. Vor sich haben sie einen kleinen eisernen Topf mit einem Rost darin, worauf sich ein gut unterhaltenes Kohlenfeuer befindet. Nebenan steht ein Körbchen mit Holzkohlen, daneben liegt auch ein Ziegenschlauch, der zum Anblasen dient. Ein Kranker erscheint, er hat Nachts ohne Zelt zubringen müssen, es hat geregnet, und Folge davon war, dass er sich einen Hexenschuss geholt. Er präsentirt sich beim berühmten Feuerdoctor Si-Edris, um so berühmter, da er lesen kann, Thaleb ist: ein dicker neben ihm liegender Foliant, einziges Buch, das er besitzt, bezeugt es. Trotzdem Doctor Si-Edris nur das eine Buch besitzt, hat er es, obschon er sechzig Jahre alt ist, noch nicht ganz durchgelesen. Ist es so schwer zu verstehen? Keineswegs! Aber das hat seine Gründe, erstens hat Doctor Edris es im Lesen keineswegs zu einer grossen Fertigkeit gebracht, er verfährt dabei so rasch wie bei uns ein sechs- oder siebenjähriges Kind, sodann ist der Inhalt des Buches, wenn auch für den Mohammedaner sehr gewichtig und zu wissen nothwendig, doch äusserst langweilig. Das Buch enthält nämlich von hinten bis vorn nichts Anderes als die Phrase: "Lah illaha il Allah Mohammed resul ul Lah", oder: "es giebt mir einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter"[49].

[Fußnote 49: Als die Spanier die Stadt Tetuan einnahmen, fiel ihnen ein Buch in die Hand, welches von Anfang bis Ende nur die Worte "Gottlob", "Hamd-al-Lahi" enthielt.]