Mittlerweile hat unser Specialarzt mehrere Eisenstäbe, zwei Fuss lang und mit sonderbaren Knöpfen, Haken und anderen Formen am heisszumachenden Ende versehen, in das vor ihm stehende Feuer geschoben. Mit dem Schlauche facht er die Gluth besser an, endlich ist das Eisen weiss. Der Kranke hat sich unterdessen auf den Bauch gelegt, seine Kleidungsstücke in die Höhe schiebend, und die Vorbeigehenden, welche sehen, dass einer "das Feuer bekommen" soll, bilden einen dichten Haufen. Der wichtige Augenblick ist da, der Doctor ergreift ein Eisen und mit dem Ausrufe "Bi ism Allah" macht er bedächtig mit demselben auf dem Rücken und der Kreuzgegend einige Striche, es zischt und ein unangenehmer Geruch von verbrannter Haut zieht den Umstehenden in die Nase. Der Patient zeigt bei dieser Operation, welche Si-Edris mit wundervoller Langsamkeit vornimmt, weil er glaubt zu grosse Eile schade seinem Ansehen, die grösste Ausdauer und Standhaftigkeit, er beisst die Zähne zusammen und allein die stark ausbrechenden Schweisstropfen verrathen seinen Schmerz.

Wie vernichtet bleibt er nach beendeter Operation eine Zeit lang auf dem Boden liegen, aber keine Klage berührt das Ohr der Umstehenden, die den Rosenkranz durch die Finger laufen lassen und mit den Lippen Gott und Mohammed preisen. Aber was geschieht? Der Patient, der wohlhabend sein muss, dreht seinen Kopf: "Si-Edris, Si-Edris," ruft er.—"Malk, was willst du?" ist die kurze Antwort des berühmten Arztes.—"Masal-en-nar, noch ein Feuer!—" "Mlech attini haki, gut, gieb mir mein Honorar",[50] erwiedert der Doctor. Unter Seufzen und Aechzen holt der Kranke aus irgend einer Falte eines Kleides eine Mosona (ungefähr einen viertel Groschen), reicht sie dem Doctor und die Feuerkur beginnt aufs Neue. Si-Edris lässt sich wie alle marokkanischen Aerzte immer im Voraus sein Honorar zahlen; sein grosser Ruf hat ihn übrigens übermüthig gemacht, er lässt nicht mit sich dingen. Während alle anderen Aerzte und auch die Feuerdoctoren, immer mit sich handeln lassen, thut dies Si-Edris nicht, von dem festen Preise: für ein einmaliges Feuer eine Mosona zu nehmen, ist er seit Jahren nicht herabgekommen.

[Fußnote 50: Wörtlich: gieb mir mein Recht.]

Der grosse Ruf, dessen sich als Heilmittel in Marokko das Feuer erfreut, liegt eben darin, dass in vielen Fällen recht gute Erfolge erzielt werden.

Aber welche Revolution brachte ich unter Fes' Aerzte, als sich auf ein Mal das Gerücht verbreitete, ich habe "en-nar-bird" kaltes Feuer und der Segen des kalten Feuers sei bedeutend grösser. Ich fürchtete, da, alle Patienten zu mir kamen, um sich mit kaltem Feuer[51] brennen zu lassen, dass meine Collegen irgend etwas gegen mich unternehmen würden, und obschon ich noch Vorrath von Höllenstein hatte, gab ich vor, das kalte Feuer sei zu Ende, und schickte von da an alle Kranke, die sich brennen lassen wollten, zu meinen würdigen Collegen.

[Fußnote 51: Lapis infernalis.]

Ebenso erzielte ich später mit spanischem Fliegenpflaster wenn nicht Erfolge, so doch das grösste Renommé. Der Marokkaner liebt es sich selbst zu quälen mit starken Mitteln, und wenn ein Zugpflaster nach vierundzwanzigstündigem Liegen auf dem Rücken, auf dem Bauche oder auf dem Kopfe (der Marokkaner trägt den Kopf ganz glatt rasirt) eine mächtige mit Wasser gefüllte Blase bildete, war er zufrieden, einerlei ob er geheilt war oder nicht. Merkwürdig genug, obschon überall in Marokko die spanische Fliege[52] käuflich zu haben ist, so kennt der Marokkaner die guten medicinischen Eigenschaften derselben nicht. Sie dient nur dazu Begierden anzustacheln, indem Cantharidenpulver mit anderen Gewürzen und Haschisch durch Honig oder Zucker zu einer Paste verbunden wird, Madjun genannt, welche sie angeblich gegen Impotenz einnehmen oder auch um die Potenz zu erhöhen. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, welch' entsetzliche Folgen oft aus dem Genuss dieses Madjun entspringen.

[Fußnote 52: In den sumpfigen Niederungen von L'Areisch kommt die spanische Fliege häufig vor.]

Lungenkrankheiten, namentlich Tuberculose sind in Marokko fast ganz unbekannt, leichtere Affectionen dieser Art werden nur durch Amulette geheilt, d.h. man lässt die Natur walten.

Ein allgemeines Uebel ist noch Wassersucht in ihren verschiedenen Vorkommnissen. Die Ursache dazu liegt wohl zum Theil in der mangelhaften Kleidung, wo bei plötzlich eintretender Kälte oder schnell wechselnder Witterung, die Hautausdünstungen nicht mehr regelrecht vor sich gehen können und Unterdrückung des Schweisses stattfindet. Zum Theil ist, und dies gilt namentlich von den Städtern, durch die vielen heissen Bäder die Haut äusserst empfindlich geworden. Syphilitische Einflüsse mögen zur Häufigkeit der Hydropsie auch noch mit beitragen. Viele Eingeborene schreiben auch einer bestimmten Oertlichkeit und deren Trinkwasser die Ursache zu; so steht das Trinkwasser von Tanger im Rufe, Wassersucht zu erzeugen, ob mit Recht, lasse ich dahin gestellt sein. Vernünftig genug wendet man in diesem Falle Purgantien an, ohne indess allein mit diesen eine Heilung herbeiführen zu können. Diuretica sind nicht gebräuchlich. Ebensowenig ist die Paracentese bekannt.