Eine Abzapfung, die ich in Tafilet bei einer alten Frau mit einer gewöhnlichen Schusterahle und eigends dazu angefertigten Cannule aus Blech machte, hatte den besten Erfolg: mehrere Moschee-Eimer Flüssigkeit würden abgezapft, und ich galt als der erste Arzt der Welt. Als ich ein Jahr später den Ort wieder besuchte, hatte indess eine neue Wasseransammlung die Frau getödtet. Da die Einwohner aber nur Gedächtniss für den augenblicklichen, für sie überraschenden Erfolg bewahrt zu haben schienen, so war ich dort nach wie vor als ein wahrer Wunderdoctor von Kranken aller Art überlaufen, so dass ich wirklich froh war, als ich dem Orte für immer Lebewohl sagen konnte.

Die levantische Pest, die in früherer Zeit oft genug in Marokko auftrat, wahrscheinlich eingeschleppt durch die Mekka-Pilger, und welche der Marokkaner mit dem bezeichnenden Worte "er ist befallen", oder "davon betroffen" "medrub" ausdrückt, scheint jetzt seit Langem nicht mehr beobachtet worden zu sein. Die letzte bedeutende durchs ganze Land verbreitete Pest war im Jahre 1799, im April dieses Jahres starben daran zuerst Leute in Fes und die Krankheit soll derart gewüthet haben, dass allein in dieser Stadt 65000(?) Menschen, wenn man Jackson trauen darf, gestorben sind. Wenn aber eine solche Seuche auftritt, erniedrigt sich der dünkelhafte Mohammedaner soweit, dass er demüthig den "Rabiner" bittet, in den Medressen der Juden öffentliche Gebete zum Aufhören der Krankheit abzuhalten, und gemeinsam durchziehen Mohammedaner und Juden die Strassen, um Gott und die Heiligen um Schonung zu bitten. Der Jude muss hinterher allerdings büssen, der glaubensstolze Mohammedaner erinnert sich, dass er sich so weit erniedrigte, mit Juden gemeinschaftliche Sache gemacht zu haben, und wehe dem Juden, der sich dann unter Mohammedaner wagt. Mittel sind keine in Gebrauch, man kennt nur das resignirte Sichdreingeben.

Merkwürdigerweise kommt Typhus nur selten und an bestimmte Oertlichkeiten gebunden, Hundswuth aber nie vor. Typhus, Ruhr, Dysenterien, die der Marokkaner kaum von einander unterscheidet, werden stets mit Olivenöl, innerlich getrunken, behandelt. Fehlt das Oel, so wird es durch ungesalzene flüssige Butter ersetzt. Man zwingt den Kranken, Oel hinabzutrinken bis zu zwei Flaschen des Tags. Wirklich habe ich nach diesem Mittel manchmal Heilung eintreten sehen; wage aber nicht zu sagen, ob es die Natur oder das Oel waren, welche Heilung bewerkstelligt hatten.

Dass die Hundswuth bei den Hunden in Marokko noch nie beobachtet worden, ist wieder eine Bestätigung, dass rohes Fleisch fressende Hunde nicht spontan von dieser Krankheit befallen werden.

In neuerer Zeit ist mehrfach Cholera in Marokko beobachtet worden, so noch im Jahre 1860, wo sie in verschiedenen Städten des Innern zahlreiche Opfer forderte. Der Marokkaner hat keinen Namen für diese Krankheit und man sagte mir, es sei eine Art vom medrub (Pest). Man begnügt sich damit, sobald man von der Krankheit befallen ist, zu sagen: "Gott ist der Grösste" oder "es stand geschrieben".

Gemüths- und Geisteskrankheiten kommen in Marokko selten vor: im ganzen Lande ist nur ein Gebäude, um Tobsüchtige aufzunehmen. Leichte Fälle von Gemüthskranken lässt man frei umherlaufen, sie werden als Heilige verehrt. Und die Tobsüchtigen, d.h. solche, welche ihre Mitmenschen schädigen, werden, sind sie in oder in der Nähe der Hauptstadt in ein eigenes Gebäude in Fes eingesperrt, von einer medicinischen Behandlung ist aber nicht die Rede; das Haus ist weiter nichts als ein Gefängniss für jene Unglücklichen.

Die durchnarbten Gesichter der Marokkaner allein geben hinlänglich Zeugniss, wie mächtig in diesem Lande zu Zeiten die Blattern (Djidri genannt) herrschen. Für diese hat man nur Amulette in Gebrauch.

Prophylaktisch übrigens kennen die Marokkaner die Kuhpockenimpfung, welche Heilart, wie die Marokkaner behaupten, ihre arabischen Vorfahren schon von ihrer Heimathsinsel mit hergebracht haben. Die Vaccination wird leider in Marokko gar nicht regelmässig vorgenommen, der Mohammedaner ist viel zu sehr Fatalist, als dass er, ohne dazu gezwungen zu sein, aus freiem Antriebe zu einem solchen Schutzmittel greifen sollte. In den arabischen Triben, wo man vaccinirt, wird folgendes Verfahren angewandt: Mit einer geschärften Kante eines Feuersteins werden die Zwischenräume der Finger an deren Wurzeln geritzt, gewöhnlich nimmt man nur die rechte Hand, weil die linke an und für sich als unrein gilt. Die Lymphe wird direct von der Kuh genommen, und man hat Acht, dieselbe wohl einzureiben. Uebertragen der Lymphe von dem Menschen auf den Menschen kennt man nicht.

Wie in früheren Jahren die Pest öfter in Marokko und zwar bedeutend allgemeiner auftrat, so auch der Aussatz. Lepra orientalis, bekannt in Marokko unter dem Namen Djidam, kommt in den nördlichen Theilen von Marokko fast gar nicht vor. Allerdings begegnet man in Fes, Mikenes und anderen nördlichen Städten Leuten mit Elephantiasis; ob aber diese Krankheit immer Folge des Aussatzes ist, wage ich nicht zu behaupten. Die mit Elephantiasis Behafteten leben überdies nicht abgesondert von der übrigen Menschheit, sondern verheirathen sich mit Gesunden. Meistens aber wird dann beobachtet, dass von den Kindern einer solchen Ehe, eines oder das andere angeborene Elephantiasis besitzt.

Die Leprösen dürfen aber nur unter sich heirathen, sie dürfen keine Stadt bewohnen, sondern müssen sich immer im Freien aufhalten.[53] Da Niemand etwas von ihnen kaufen würde, treiben sie kein Handwerk oder Gewerbe, sie leben von den Almosen ihrer Mitmenschen. Man findet sie einzeln oder in Familien am Wege, schon von Weitem rufen sie dem Vorbeikommenden "Medjdum", d.h. ein mit Aussatz Behafteter, zu, stellen ein Tellerchen an den Weg und das Almosen in Geld oder in Lebensmitteln wird hinein geworfen. Einzelne grössere aussätzige Familien besitzen sogar Heerden und ackern.