[Fußnote 53: Bei der Stadt Marokko ist ein eigenes Dorf für Aussätzige und die Insassen dieses Dorfes heirathen freilich nur unter sich, im Verkehr haben sie übrigens die grösste Freiheit mit den übrigen Bewohnern.]
Was das Aeussere dieser ausgestossenen Menschen anbetrifft, so zeigen sie manchmal über den ganzen Körper die widerlichsten weissen Flecke, anderen fehlen einige Partien, die Nase, die Ohren, Augen, noch andere zeigen Jauchen absondernde Wunden, von wulstiger und verdickter Haut umgeben, Krusten und hart anzufühlende Beulen bedecken oft den ganzen Körper. Oft aber ist bei einem Aussätzigen von alle dem nichts zu sehen, man bemerkt keine einzige der angegebenen Erscheinungen, er hat äusserlich vollkommen das Aussehen eines gesunden Menschen.
Nach der Meinung der Marokkaner verursacht der Genuss des Arganöls (Oel vom Baume des Elaeodendron Argan, der auf den westlichen Abhängen des grossen Atlas wächst) diese Krankheit oder begünstigt dieselbe. Ob dies der Fall ist, wage ich nicht zu bestätigen. Die in Mogador und Asfi lebenden Europäer haben nichts von einer solchen Wirkung dieses Oels gemerkt; und was dagegen spricht, ist das, dass in der Provinz Abda und Schiadma, wo doch hauptsächlich der Arganbaum wächst, gar keine Lepröse anzutreffen sind, während andererseits in Haha, wo ebenfalls der Argan vorkommt, die meisten Aussätzigen anzutreffen sind. Auffallend ist, dass die Kranken als Linderung ihrer Schmerzen innerlich einen Absud der Arganblätter nehmen, und auch äusserlich auf offene Wunden zerstampfte Arganblätter legen. Ein Teig aus Henne-Blättern[54] mit Erde gemischt wird ebenfalls zu Verband bei den offenen Geschwüren gebraucht.
Krätze kommt überall vor, aber weniger, als man bei dem entsetzlichen Schmutze, an dem diese Völker Gefallen finden, denken sollte. Aus Krätze wird nicht viel Wesen gemacht, und Heilung wird erzielt durch kräftige Einreibung von brauner Schmierseife und Sand; Schmierseife wird überall in Marokko fabricirt, zu halben Theilen von beiden eingerieben, habe ich selbst Heilung bei verschiedenen Fällen erfolgen sehen.
Eine ungleich widerlichere Krankheit und äusserst verbreitet ist der Kopfgrind. Meistens sind die Knaben damit behaftet, im Alter von zwanzig Jahren verliert er sich von selbst. Ob die Tinea in Marokko Folge des Rasirens ist (jeder männliche Marokkaner trägt den Kopf von frühester Jugend an, rasirt), ist wohl anzunehmen. Der Reiz, der dadurch entsteht bei ganz jungen Kindern, monatlich und noch öfter mit halbscharfem Messer die Haare dicht über der Wurzel zu entfernen, oft abzureissen, kann wohl Veranlassung zu einer solchen Krankheit geben. Bei den Mädchen beobachtet man Grind sehr selten. Man braucht gegen diese Krankheit gar nichts, und sie ist so allgemein, dass Niemand in der Gesellschaft eines Grindigen Abscheu oder Ekel empfindet. Nach dem zwanzigsten Jahre sind die Meisten der Mühe, ihren Kopf zu rasiren, überhoben, da die Krankheit im Kindesalter sie ihrer sämmtlichen Haare beraubt hat.
Von Parasiten kommen nur Kopf- und Kleiderläuse vor, beide haften an jeder Frau, während die männliche Bevölkerung nur den Pediculus vestimenti[55] cultivirt, da sie in der Regel kein Kopfhaar hat, diejenige männliche Jugend indess, welche einen Zopf trägt, hat auch Kopfläuse. Der Pedic. pubis ist nirgends anzutreffen, weil sich Alle, sowohl die männliche als die weibliche Bevölkerung, diejenigen Partien des Körpers, wo derselbe vorzukommen pflegt, rasirt erhalten.
[Fußnote 55: Von dem Pedic. vestimenti existiren in Marokko mehrere Arten.]
Wurmkrankheiten sind selbstverständlich auch im Lande. Obschon die Lebensweise und Nahrung sehr förderlich für diese Entozoen sein muss, hört man doch selten darüber klagen. Spul- und Madenwürmer, eine häufige Erscheinung, werden behandelt durch eine Abkochung von Sater (Thymian[56]) und Kelil (Rosmarin[57]), denen noch andere starkduftende Kräuter zugesetzt werden. Aber auch durch eine Decoction der Wurzel der Rtemwurzel (Genista Saharae). Genannte beide bilden indess Hauptbestandteile. Taenia Solium, der auch vorkommt, wird (nach den Aussagen der marokkanischen Collegen) erfolgreich derart behandelt, dass man zuerst eine Portion Haschisch (Cannabis ind.) geniesst und später, wenn der Wurm berauscht ist, ihn durch irgend ein Purgirmittel abtreibt. Als Dose wurde angegeben ein Esslöffel voll pulverisirten und gedorrten Haschichkrautes [Haschischkrautes] [58], und als Abführungsmittel haben sie eine Zusammensetzung aus Sennesblättern (wächst wild im südlichen Marokko), Schwefel und Aloës, welches innerlich gegeben wird. Der Guineawurm kommt äusserst selten vor, und dann nur von Schwarzen aus dem Süden eingeschleppt. Die Behandlung desselben, sowie sie von den Schwarzen in Centralafrika practicirt wird, ist in Marokko nicht bekannt.