Nicht nur der ungeheure Schmutz, in dem sich alle nordafrikanischen Völker gefallen, sondern auch Oertlichkeiten und Klima haben Augenkrankheiten von je her in Marokko begünstigt. Und je mehr man nach dem Süden kommt, desto häufiger werden dieselben, bis man in den Oasen der grossen Sahara die Bevölkerung derart von Augenleiden aller Art afficirt findet, dass ein Individuum mit beiden gesunden Augen schon zu Ausnahmen gehört. Wie der Staub auch sein mag, ob ihn der Gebli oder Samum aufwirbelt, ob er im Norden mehr mit animalischen oder vegetabilischen Atomen, im Süden des Atlas mit anorganischen, mikroskopisch kleinen Theilen geschwängert ist, immer wirkt er gleich schädlich auf die Augen.
Es hat dies zur Folge, dass Hornhautkrankheiten alltägliche Erscheinungen sind. Chronische Hornhautentzündung nennt der Marokkaner Bu Tillis, d.h. den Vater des Schleiers. Manchmal heilen sie derartige Fälle im Entstehen dadurch, dass sie Feuer im Nacken, an den Schläfen, hinter den Ohren örtlich anwenden. Meist aber enden alle Augenkrankheiten mit Erblinden. Citronensaft und Wasser gemischt und in die Augen getröpfelt, wird häufig genug angewandt. Auch Antimon (Kohöl) ist in vielen Gegenden Gebrauch; es wird dies im Atlas gefundene Metall, dessen sich alle Frauen nicht nur Marokko's, sondern ganz Nordafrika's als Schönheitsmittel bedienen, und das auch unsere Theaterdamen, um den Glanz der Augen zu erhöhen, anwenden, oft mit Erfolg gebraucht. Man bestreicht mit Kohöl die Augenlider, mittelst eines feinen Holzspatels und unzweifelhaft hat dies Mittel gute Präservativeigenschaften bei dort herrschenden Augenkrankheiten. Als Arzneimittel wird es deshalb auch vielfach von den Männern gebraucht. Die Wirksamkeit des Spiesglanzes als Präservativmittel erhellt schon daraus, dass bei weitem mehr Männer von Augenkrankheiten betroffen werden als Frauen. Als äusserstes Mittel gegen Augenkrankheiten[59] führe ich noch an, dass in einigen Orten pulverisirter Pfeffer in die Augen geblasen wird.
[Fußnote 59: Ich bediene mich dieses allgemeinen Ausdrucks, da der Marokkaner nicht unterscheidet, ob die Hornhaut, die Lider, der Augapfel, die Liderhaut etc. erkrankt ist, sondern alles dies Augenkrankheit, Mrd-el- aiun, nennt.]
Von inneren Mitteln gegen Augenkrankheiten ist natürlich keine Spur vorhanden, als ich einige Male versuchte durch Calomel, innerlich gegeben, oder durch Purgantien Ableitungen herbeizuführen, wurde mir ernstlich gesagt, mit solchen Mitteln aufzuhören: "nicht der Bauch sei erkrankt, sondern die Augen".
Schwarzer und grauer Staar sind unter einer Bevölkerung, bei der fast jedes Individuum augenkrank ist, nichts Seltenes, und merkwürdig genug, giebt es in Marokko einige Familien, die sich damit beschäftigen, Staaroperationen und zwar mit Erfolg auszuüben. Diese Familien sind vorzugsweise auf dem grossen Atlas ansässig, die Fähigkeit den Staar zu stechen geht vom Vater auf den Sohn über, der natürlich bei jenem in die Lehre geht. Die beiden Doctoren-Staarstecher, die ich kennen lernte, waren Berber ihrer Abkunft nach. Ohne sich mit anderen Krankheiten zu beschäftigen, verschmähten sie es sogar, andere Augenkrankheiten als Staarerblindungen in Behandlung zu nehmen. Sie machten für dortige Verhältnisse gute Geschäfte und man würde sie wirklich als gute Specialärzte haben hinstellen können, wenn sie die Fähigkeit gehabt hätten, irgend wie eine Diagnose zu stellen, geschweige von einer Prognose zu reden. Aber da kam es oft genug vor, dass irgend eine andere Krankheit der inneren Theile des Auges, wohl gar Gutta serena mit Gutta opaca verwechselt wurde. Da ich nicht selbst der Operation eines Staares beigewohnt habe, so kann ich nur anführen, dass mittelst eines glattgeschliffenen nadelförmigen Instruments der Einstich, nach Aussage der Staardoctoren, seitwärts gemacht wird, dass nach der Beschreibung sodann die Linse zerstückelt wird, um später resorbirt zu werden. Eine Extraction oder Depression der Linse war offenbar diesen Leuten nicht bekannt.
Sehen wir, wenn es auf eine chirurgische Operation ankommt, wie bei der Staarstechung, die Heilkunde auf einer bedeutend höheren Stufe als bei inneren Krankheiten, so ist das im Allgemeinen in der Chirurgie auch der Fall. Es ist dies auch ganz natürlich. Bei Verwundungen, bei äusseren Verletzungen kennt auch der gewöhnliche Mensch gemeiniglich die Ursache, er kann es dann bedeutend leichter unternehmen, eine Heilung zu versuchen. Und nicht nur in ganz uncivilisirten Ländern, oder in halbcivilisirten wie Marokko, auch in den am weitesten in der Cultur vorgeschrittenen findet man, dass die Chirurgie auf einer höheren Stufe steht als die Heilkunde innerer Krankheiten.
Reine Hiebwunden, die durch das fast überall geübte Faustrecht so häufig unter den Bewohnern Marokko's vorkommen, werden entweder mit einem Teig verbunden, der aus Henne (Lawsonia inermis) und Chobis (Malva parviflora) geknetet wird, oder man verbindet die Wunden mit geschmolzener salzloser Butter, in welche vorher, sobald die Butter siedend ist, ein Säckchen mit Schih (Artemisia odorif.) getaucht worden ist. Hierdurch bekommt die Butter einen starken aromatischen Gehalt, nimmt einen fast Kölnischem Wasser gleichenden Geruch an, der später selbst nicht vom übelstriechenden Eiter verdrängt wird. Wunden auf diese Art behandelt, nehmen fast immer einen guten Verlauf. In vielen Gegenden verbindet man die Wunden mit Rinderkoth, namentlich nomadisirende Stämme glauben an die Heilkraft der verdauten Kräuter.
Verwundungen, welche die Knochen verletzen, einerlei ob sie durch Kugeln oder Hiebwunden herrühren, werden auf gleiche Art rationell behandelt. Ist eine vollkommene Knochenzerschmetterung vorhanden, so wird ein fester Verband angelegt, um die Heilung der zerschmetterten Knochen mittels Callusbildung herbeizuführen. Man kümmert sich nicht um Herausziehen der Knochensplitter oder Kugelstücken[60], so schnell wie möglich wird der Verband angelegt. Eine aus Ziegen- oder Schafleder bestehende Binde, die ihren Halt durch kleine Rohrstäbchen, die hineingenäht werden, bekommt, wird um die verletzten Theile gelegt und das Ganze dann mit Thon umkleistert. Ein solcher Verband soll nach den Regeln der dortigen Chirurgie 28 Tage liegen bleiben. Das einzige Misslingen bei diesem Verbande liegt darin, dass nicht gehörig für Eiterabfluss gesorgt wird, und dadurch für den Patienten oft missliche Zustände eintreten.