[Fußnote 60: Man ladet meistens mit zerhacktem Blei.]

Fracturen werden ebenfalls durch festen Verband geheilt, ohne dass man aber vorher einrichtet. Natürlich werden dabei meist schiefe Heilungen erzielt, und oftmals sieht man Röhrenknochen die Weichtheile durchbohren, und es entstehen dann für immer offene Wunden. Nie fällt es ein irgend wie zu amputiren. Der Marokkaner hält das für sündhaft. Die durch die Gerechtigkeit abgehauenen Hände oder Füsse werden sorgfältig vergraben, weil sie sonst am Auferstehungstage fehlen könnten, und die Stümpfe werden in siedende Butter oder kochendes Oel getaucht, um die Blutung zu stillen. Verrenkungen einrichten kennt man nicht, so dass gewöhnliche Folge eine schmerzhafte Entzündung mit oft bösem Ausgang ist. Natürlich ist selbst bei schwersten Verwundungen von einer inneren Behandlung nie die Rede, aber Amulette, Zaubersprüche u. dergl. m. sind auch hier an der Tagesordnung.

Was die Geburtshülfe anbetrifft, so ist es schwer darüber nur das Geringste anzugeben, da nur Frauen als Beistand geduldet werden. Die Wendung sowie die Zange sind unbekannt, einzelne Praktiken, die mir erzählt wurden, sind zu abgeschmackt, als dass ich sie hier wiedergeben sollte. Nur so viel kann ich bezeugen, dass einst meine Hauswirthin in einer kleinen Oase der Wüste, Nachts mit einem Kinde niederkam und am andern Morgen trotzdem ihre gewöhnliche Beschäftigung verrichtete.

6. Uesan el Dar Demona.

Es giebt Bücher genug, die über Marokko handeln, und keine Geographie älteren oder neueren Ursprungs unterlässt es, irgend ein Capitel diesem Reiche zu widmen; aber wie Afrika im Allgemeinen noch heute ein Terra incognita für uns ist, so ist von all den Staaten, welche an den Küsten liegen, namentlich an den Küsten des Mittelmeers, kein Land so wenig bekannt wie Marokko und von allen Städten in Marokko ist Uesan die unbekannteste. So sehen wir denn auch, dass ein Hemsö, Ali Bey, Richardson und Renou nur ganz oberflächlich des Ortes Uesan im Vorübergehen erwähnen.

Ali Bey verlegt Uesan auf den 24° 42' 29" N. Br. und 7° 55' 10" L. von Paris, Renou, der die Breite gelten lässt, glaubt aber Uesan die Länge von 7° 58' geben zu müssen. Dieselbe Position finden wir auch auf Petermanns trefflichen Karten von Marokko[61]. Bis genauere Messungen an Ort und Stelle angestellt sind, können wir uns auch einstweilen recht gut daran halten. Die Stadt Uesan liegt etwa 900 Fuss über dem Meeresspiegel, erfreut sich also unter diesen Breiten eines äusserst günstigen Klimas.

[Fußnote 61: Mittheilungen, Jahrg. 1865.]

Vortheilhafter wird die Lage noch dadurch, dass die Stadt am Fusse des mächtigen und zweigipfligen Berges Bu-Hellöl aufgebaut ist. Dieser herrliche Berg, dessen ganze Nordseite von der Stadt an bis zum Gipfel zum Theil mit Oliven, zum Theil mit immergrünen Eichen und Wachholder bewaldet ist, hält wirksam die heissen Südwinde ab, während er zugleich den regentragenden Nord- und Nordwestwinden einen Damm entgegensetzt.

Der ganze Gebirgscomplex, der sich um Uesan herumzieht, steht im innigen Zusammenhange mit dem sogenannten kleinen Atlas. Ersteigt man den Bu- Hellöl, so sieht man über die Rharbebenen hinweg die blauen Fluthen des atlantischen Oceans, während andererseits nach Norden und Osten der Blick eine vollkommen zusammenhängende Gebirgslandschaft vor sich hat bis zu den zackigen Berggipfeln, der Habib, der Srual, der Schischauun und in erster Nähe der Erhona.

Es scheint, dass Uesan von einem Nachkommen Mulei Edris, Namens Mulei Abd- Allah Scherif, etwa um das Jahr 900 n. Chr. als Sauya gestiftet wurde. Da nun Edris der Gründer der Stadt Fes als der directeste Nachkömmling des Propheten angesehen wird, so ist seine männliche Nachfolge in erster Linie noch heute in demselben Ansehen. Aus diesem Grunde sind die Schürfa von Uesan, d.h. die Edrisiten, bedeutend heiliger gehalten als die übrigen von Mulei Ali stammenden, wozu die Familie des Sultans gehört.