Dennoch haben aber diese Vorrechte genug, und was der kaiserlichen Familie an Heiligkeit directer Abkunft abgeht, ersetzt sie eben dadurch dass sie die regierende ist. Bei den Mohammedanern nun ist aber das Heiligsein ganz anders als bei uns Christen.

Mein seltsamer Anzug, halb christlich, halb mohammedanisch, hatte rasch einen Haufen Neugieriger herbeigezogen, mein Begleiter und ich wurden umdrängt und befragt, wer ich sei, was ich wolle, woher ich komme, wohin ich wolle u. dergl. unverschämte Fragen mehr. Es ist vollkommen falsch, wenn man glaubt der Mohammedaner sei schweigsam, ernst und nicht neugierig; in Afrika habe ich überall das Gegentheil erfahren. Manchmal freilich mag der Vornehme, der Mann vom "grossen Zelte," sich gegen Christen so zurückhaltend benehmen, aber nie gegen seines Gleichen. Und man erinnere sich, dass ich als Mohammedaner reiste.

Nachdem die Neugier befriedigt und nachdem namentlich die Menge beruhigt war über meinen Glauben, d.h. nachdem ich auf ihre Aufforderungen zum "Bezeugen" mehrere Male "es giebt nur Einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter" geantwortet hatte, sagten sie aus, "Sidi" befände sich mit den Schürfa und Tholba im Rharsa es Ssultan, so hiess man Garten und Gartenhaus des Grossscherifs.

Man kann sich denken, mit welcher Spannung ich der ersten Zusammenkunft mit diesem Manne, der in den Augen der meisten Marokkaner höher als Gott, ja höher als der Prophet gehalten wird, entgegen sah.

Meine Begleiter und ich gingen also nach seinem Landsitze, der sich bald, er liegt nur ca. 5 Minuten ausserhalb der Stadt, unseren Blicken zeigte. Wie erstaunt war ich, ein Haus halb im neuitalienischen, halb im maurischen Style zu erblicken. Dort ist Sidna,[62] sagte man mir. Aus den Fenstern des oberen Stockes sah ich eine Menge Neugieriger herabgucken, vorne stand ein junger Mann in französischer Capitäns-Uniform mit dem Degen an der Seite, ein langes Fernrohr in der Hand. Jetzt rasch durch ein hohes gewölbtes Steinthor in den Garten tretend, befanden wir uns bald vor der Hauptthür, welche direct auf eine enge und so niedrig gebaute Treppe ging, dass jeder nur etwas grosse Mann sich bücken musste, um hinaufzuschreiten. Oben angekommen, riefen uns mehrere uniformirte Sklaven ein "Okaf" (Halt) entgegen, das aber gleich vom lauten "sihd" (marokk. Ausruf, bedeutend "tritt näher") des Grossscherifs übertönt wurde.

[Fußnote 62: Der Titel Sidna, d.h. "unser Herr," kommt eigentlich nur dem Sultan zu. Jeder Scherif hat den Titel sidi oder mulei, was "mein Herr" bedeutet Tholba, d.h. Schriftgelehrte, Standespersonen, Beamte, haben den Titel "sid," was Herr bedeutet. Der Plural von mulei, muleina, wird nur Gott und dem Propheten gegeben.]

Mein Begleiter prosternirte sich, küsste die gelben Stiefel Sidi-el-Hadj- Abd-es-Ssalam's, und berichtete dann über mich. Ich selbst begnügte mich, seine dargebotene Hand (der Grossscherif sass auf einem Teppich in einer Ecke des Zimmers) zu ergreifen, und sodann führte ich die meine an Stirn und Mund. Unter der Zeit hatte ich Musse, ihn und seine Umgebung zu betrachten.

Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam-ben-el-Arbi-ben-Ali-ben-Hammed-ben-Mohamméd-ben- Thaib[63], wie sein ganzer Titel lautet, war (1861) etwa 31 Jahre alt; von fast zu hoher Statur, wurde das Ebenmaass seines Körpers durch eine angenehme Wohlbeleibtheit hergestellt. Sein Teint ist stark gebräunt, und auch etwas dick aufgeworfene Lippen deuteten auf Negerblut, wie denn in der That seine Mutter aus Haussa stammte. Eine gerade Nase, ein feurig schwarzes Auge, im Ganzen ein längliches Gesicht, so präsentirte sich der Mann, dem von fast der ganzen mohammedanischen Welt eine abgöttische Verehrung gezollt wird. Seine Bekleidung bestand in einer weiten skendrinischen[64] rothen Tuchhose, einem französichen [französischen] Waffenrock mit französischen Epauletten, auf dem Kopfe hatte er einen tunesischen Tarbusch mit schwerer goldener Troddel. An der Seite trug er einen äusserst schön gearbeiteten Degen, wie ich später erfuhr, ein Geschenk vom General Prim.

[Fußnote 63: In seinen Briefen titulirt sich Abd-es-Ssalam bis zum Grossvater, Thaib, seines Urgrossvaters Hammed hinauf, weil Mulei Thaib der Erneuerer der religiösen Gesellschaft der Thaib gewesen ist, in ganz Nord- Afrika die allergrösste religiöse Genossenschaft. Seines marokkanischen Ahnen Mulei Edris, oder des Gründers der Sauya Uesan, Mulei Abd Allah Scherif, wird in den Briefen nicht Erwähnung gethan.]

[Fußnote 64: Skendrinischen = Alexandrinischen.]