Eine goldene Schärpe, die er um hatte, enthielt zugleich einen Revolver vom System Lefaucheux, der überdies mittelst einer rothseidenen Schnur um den Hals befestigt war. "Merkwürdig," dachte ich, "den Mohammedanern ist durch den Koran verboten, Gold und Seide auf ihren Kleidern zu tragen, und nun sehe ich den directesten Sprössling des Propheten damit überladen.[">[ Die übrigen Anwesenden bestanden zum Theil aus nahen Anverwandten, also ebenfalls Abkömmlingen Mohammed's, dann aus Tholba, endlich aus vielen Fremden von vornehmer und geringer Herkunft. Ueberdies ging es ohne Unterlass aus und ein, da ging kein Mann oder keine Frau aus dem Gebirge vorbei (das Gartenhaus lag an einer sehr frequenten Strasse), ohne rasch heraufzuspringen, um den Grossscherif zu küssen und um einige Mosonat[65] niederzulegen. Da kamen Processionen von Ferne, um den uld en nebbi (Sohn des Propheten) zu besuchen, von diesen wurde nur der "Emkadem" (geistige Vorsteher und Hauptgeldeinsammler) vorgelassen, die anderen aber einstweilen fortgeschickt, um in die für Fremdenaufnahme eingerichteten weiten Hallen der Sauya in Uesan einquartiert zu werden und um später en bloc den Segen zu empfangen.
[Fußnote 65: Mosona, eine imaginäre marokkanische Münze, besteht aus 6 flus, pl. von fls. Ein fls. ist ungefähr gleich einem französischen Centime.]
Sidi winkte; gleich darauf brachte ein kleiner uniformirter Neger Namens Zamba eine silberne Platte, darauf stand ein silberner Theetopf, eine Schale mit grossen Stücken Zucker, eine Theebüchse, und, ausser den sechs üblichen kleinen Theetassen, ein Glas, woraus Sidi seinen Thee nehmen sollte. Alles dieses wurde vor den Sidi zunächstsitzenden Scherif, einen schon älteren Mann, Namens Sidi el Hadj Abd-Allah, gesetzt, und dann ging die Bereitung des Thees vor sich.
Der Hadj Abd-Allah nahm eine tüchtige Hand voll grünen Thees, warf ihn in den Topf, während ein anderer kleiner Neger, Ssalem, schon das siedende Wasser in Bereitschaft hielt; der erste geringe Aufguss diente nur dazu, den Thee zu reinigen. Sodann wurde eine tüchtige Portion Zucker in den Topf geworfen, und nun derselbe mit kochendem Wasser gefüllt. Unter der Zeit hatte der Hadj auch schon einige aromatische Kräuter in Bereitschaft, als Minze, Wermuth und Luisa, die noch obendrein hineingeworfen wurden. Nach einiger Zeit wurde sodann für Sidi ein Glas gefüllt, nachdem jedoch vorher der Hadj Abd-Allah mehrere Male durch Kosten sich überzeugt, dass der Thee genug gezuckert sei. Sodann wurden die übrigen sechs Tassen gefüllt, und sie den Gästen von den beiden kleinen Sklaven präsentirt; da wohl 30 Leute anwesend sein mochten, ohne die vielen Besucher, die ab- und zugingen, die meisten auch drei Tassen tranken, wie es die Sitte erheischt, so kann man sich denken, dass es ziemlich lange dauerte, ehe Alle, da nur sechs Tassen vorhanden waren, befriedigt wurden. Es versteht sich von selbst, dass die Theekanne verschiedene Male wieder nachgefüllt wurde.
Unter der Zeit wurden die verschiedensten Gespräche geführt, Sidi wollte vor allem von den politischen Zuständen in Europa unterrichtet sein, und ich merkte, dass es ihn ärgerte, dass einige ältere Schürfa mich fragten, wann, wo und wie ich zum Islam übergetreten, ob ich auch vollkommen überzeugt sei, dass die mohammedanische Religion besser sei als die jüdische und christliche, ob ich auch ordentlich "bezeugen" könne etc.
Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam, der wohl merkte, wie unangenehm mir solche Fragen sein mussten, sprang auf und winkte zu folgen. Alle erhoben sich, da er aber auf mich speciell gedeutet hatte, so blieb die ganze Versammlung im Zimmer und setzte sich wieder, während er und ich, begleitet von seinen beiden Günstlingen und einigen Dienern, die einen Teppich, ein Fernrohr, Doppelflinte etc. trugen, in den Garten hinabgingen.
Diese beiden Günstlinge, Ibrahim und Ali, die den ganzen Tag nicht von der Seite des Grossscherifs wichen, waren Ssalami[66], d.h. jüdische Renegaten! Der eine, aus Fes gebürtig, war Schriftgelehrter, und aus freiem Antrieb übergetreten, Ali aber, aus Uesan gebürtig, war, wegen Diebstahls verfolgt, in die Sauya geflüchtet, und hatte sich dann, um der Strafe zu entgehen, mohammedanisirt. Beide trugen französische Capitäns-Uniform mit weiten Hosen und rothem Tarbusch. Sie waren beide verheirathet und wohnten sogar beide im Hause von Sidi, der ihnen je einen Flügel abgesondert angewiesen hatte. Sie waren zu der Zeit die Personen, die Sidi gar nicht entbehren konnte, Alles ging durch ihre Hände.
[Fußnote 66: Ein vom Judenthum zum Islam Uebertretender bekommt in Marokko den Namen Ssalami, d.h. Gläubiger, ein vom Christenthum Uebertretender bat den Namen Oeldj, d.h. wörtlich christlicher Sklave.]
Im Garten angekommen, gefiel sich Sidi darin, mir seine europäischen Einrichtungen zu zeigen; hier war auf einem Bassin ein Schiffchen mit Rädern, eine Nachahmung der europäischen Dampfschiffe, dort kostbare Blumen aus Europa und Amerika, Gewächse feinerer Art, wie sie im übrigen Marokko unbekannt sind, zwischen denen künstliche Springbrunnen auf verschiedenste Art Wasserstrahlen auswarfen, sogar eine kleine Eisenbahn mit Wagen, welche durch ein Radwerk in Bewegung gesetzt wurde.
"Der Sultan, die Grossen und auch die Schürfa," fing Sidi an, "wollen nichts vom Fortschritt wissen, deshalb sind wir auch von den Spaniern geschlagen; wenn ich nur könnte, ich würde Alles einführen wie es bei den Christen ist, d.h. vor allem eine feste Gesetzgebung und regelmässiges Militair."—"Aber, wenn du nur willst, Sidi," erwiederte ich, "so wird der Sultan auch wollen und müssen."—"Der Sultan und ich sind beide vom Volk abhängig, und dass ich mich christlich kleide, was doch die Türken jetzt auch thun, nimmt man gewaltig übel." Unter diesen Gesprächen waren wir durch einen blühenden Rosengarten, wo Jasmin und die köstlich duftende Verbena Luisa mit Heliotropen und Veilchen ihre Wohlgerüche der Luft spendeten, zu einem prächtigen Orangenhain gekommen. "Diesen ganzen Garten hat mir der Sultan geschenkt," sagte Sidi, "oder eigentlich zurückgeschenkt, denn mein Grossvater, Ali, schenkte ihn seinem Vater." Nach dem Orangengarten kamen ausgedehnte Olivenpflanzungen, wir drangen bis dahin durch, kehrten dann zurück, wo wir die Schürfa und Tholba noch im Zimmer versammelt fanden.