Gleich nach der Rückkehr Sidi's stellten sich Sklaven ein mit Schüsseln auf dem Kopf. Alles nahm Platz, da wurde zuerst eine Maida (kleiner Tisch) vor Sidi gestellt, und, nachdem Sklaven ein messingenes Becken und eine Kanne gebracht, die Hände abgewaschen. Ein Handtuch, vielleicht hatte es schon einmal als Hemd gedient, war für Alle zum Abtrocknen bereit. Es bildeten sich Gruppen: Sidi ass aus einer Schüssel mit 5 oder 6 Schürfa, hier sass wieder eine Gruppe, dort eine andere, ich selbst wurde eingeladen, an der Schüssel der beiden Günstlinge Ali und Ibrahim, zu der ausserdem noch zwei Vettern von Sidi zugezogen waren, theilzunehmen. Man ass, mit Ausnahme des Tisches, an dem Sidi sass, mit grosser Hast, um ja nicht zu kurz zu kommen. Die Speisen waren gut, gebratenes Fleisch, gebratene Hühner, und bei jeder Schüssel lagen fünf oder sechs Brode, die vorher gebrochen wurden. So, dachte ich, ass man zur Zeit Jesu aus einer Schüssel und mit den Händen.

Sidi, der in Frankreich gewesen, konnte es nicht lassen ein paar Mal herüberzusehen: "Mustafa (diesen Namen hatte ich angenommen), hast du schon oft mit der Hand gegessen?" fragte er. "Gott erbarm dich!" rief ein graubärtiger Scherif, "essen denn die Christenhunde nicht mit der Hand?" "Nein," erwiederte der Grossscherif, "als ich auf der französischen Fregatte nach Mekka reiste, ass ich mit einer Gabel." "Gott sei meinem Vater gnädig," erwiederte jener, "unser Herr Mohammed hat mit der rechten Hand gegessen, Mohammad ist der Liebling Gottes, und der Segen Gottes ruht auf seinen Nachkommen." Sidi, wohl um ein religiöses Gespräch abzuschneiden, rief einen Sklaven, gab ihm ein saftiges Stück Fleisch, das er vom Knochen abgelöst hatte: "gieb das Mustafa." Von dem Augenblick, d.h. seitdem ich aus der Hand Sidi's einen Bissen erhalten hatte, wurde ich als sein erklärter Günstling angesehen.

Nach beendetem Essen wurde Kaffee herumgereicht, und nachdem man noch eine Zeitlang gesessen und darauf in Gemeinschaft das l'Asser Gebet abgehalten war, befahl Sidi sein Pferd. Er bestieg einen ausgezeichneten Fuchs, die beiden Günstlinge Ali und Ibrahim hatten nicht minder schöne Pferde zur Verfügung, und nun ging's heimwärts. Vor den Thoren des Gartens lauerten Haufen von Menschen, alte und junge, Männer und Weiber, die sich bemühten, seinen Fuss oder den Saum des Burnus zu berühren, oder auch nur sein Pferd, denn diesem wird dadurch, dass der Sohn des Propheten es besteigt, ebenfalls eine Heiligkeit mitgetheilt, und man kann den Segen herausziehen.

Einige von den Schürfa bestiegen ebenfalls Pferde oder Maulthiere, die meisten folgten zu Fuss. Unter ihnen war ich; einer der Emkadem[67] Sidi's hatte sich meiner Hand bemächtigt, als ob ich nicht allein gehen könnte, oder um ja ein von Sidi ihm anvertrautes Gut nicht zu verlieren: "ich soll für dich sorgen," sagte er, und so betraten wir Uesan el Dar Demana.

[Fußnote 67: Emkadem, Verwalter oder Intendant.]

Eine enge Strasse führte uns gleich in die eigentliche Sauya, d.h. das heilige Viertel, das Sidi bewohnt, welches von der übrigen Stadt durch Mauern und Thore geschieden ist. Denn wenn auch die ganze Stadt (Uesan el dar demana heisst: Uesan das Haus der Zuflucht) ein geheiligtes Asyl ist, so ist doch speciell das Stadtquartier, welches Sidi bewohnt, heilig und unverletzlich. In diesem Quartier, gleich unterhalb seiner Hauptwohnung, bekam ich im "Rheat"[68] einen Pavillon als Wohnung angewiesen, der einstmals reizend gewesen sein musste, jetzt aber etwas vernachlässigt aussah.

[Fußnote 68: Rheat heisst eigentlich Blumengarten, Blumenterrasse.]

Dieser Rheat war zur Zeit Sidi-el-Hadj-el-Arbiis, des Vaters des jetzigen Grossscherifs, ein üppiger Garten gewesen; künstlich vom Djebel Bu Hellöl hergeleitete Wasser tränkten die Orangen- und Granatbäume, hübsche Veranden und Kubben im reinsten maurischen Style erbaut, aufs prächtigste geschmückt mit Stucco-Arabesken, mit echten Slaedj[69] von Fes, standen an den schönsten Punkten, und von einer jeden hatte man eine unvergleichliche Aussicht auf die gegenüberliegende Gebirgslandschaft. Sie dienten dazu, die zahlreichen Pilger aufzunehmen, eine einzelne Kubba enthielt manchmal hundert solcher frommer Leute, die monatelang auf mühevollste Art gereist waren, um Uesan und den Sohn des Propheten zu sehen: hier auf den Terrassen der Kubben, im Schatten der Arkaden einer Veranda ruhten sie aus von ihren entbehrungsvollen Wegen, sie schauten auf das Bild zu ihren Füssen, sie bewunderten die Bauten, vor allem aber priesen sie Gott, dass er ihnen die Gnade erzeigt habe, Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam sehen zu können, dass er ihnen die Gunst gewährt habe, seine Nahrung geniessen zu können, denn alle Pilger, mochten auch 1000 vorhanden sein, werden zweimal täglich aus der Küche Sidi's gespeist.

[Fußnote 69: Slaedj sind kleine Fliesen von Thon verschiedenfarbig glasirt, man benutzt sie um den Fussboden damit zu belegen.]

Zwischen dem Rheat und dem Hauptgebäude befindet sich eine grosse Djema[70], die auch Freitags zum Chotba benutzt wird; ein freier Platz, auf dem die Pferde Sidi's angebunden stehen, führte dann aufs Hauptgebäude. Dies zeigt nach aussen die Thür, welche zu den Küchenräumen führt, eine Schule, worin die Söhne Sidi's mit vielen anderen Altersgenossen ihren täglichen Unterricht erhalten, und eine andere sehr niedrige Thür, welche zur eigentlichen Wohnung des Grossscherifs führte.