Man kommt zuerst in einen von zwei Orangenbäumen beschatteten Hof, auf diesen Hof öffnen sich eine Veranda und eine reizende Kubba[71], deren eine Seite ebenfalls nach dem Hofe zu offen war. In diesen Räumlichkeiten empfängt Sidi, und namentlich nach dem Freitagsgebet findet hier immer ein grosses Essen statt, woran, alle die Theil nehmen, die mit Sidi gemeinschaftlich das Chotba-Gebet verrichtet haben. Das eigentliche Wohngebäude, welches an diesen Hof stösst, besteht aus mehreren Abtheilungen. Zuerst kommen verschiedene Zimmer, zu denen man mittelst einer niedrigen Thür und einer Treppe hinangelangt und welche die Bibliothek Sidi's enthalten, dann folgen einige auf europäische Art eingerichtete. Ausser seinen beiden kleinen Söhnen, seinen Günstlingen, Ali und Ibrahim, und einigen Sklaven, die Nachts vor seiner Thür schlafen, hat der Grossscherif diese Zimmer von Niemand betreten lassen, für seine Frauen, für seine nächsten Verwandten sind sie ein vollkommenes Harem. Da ich die Beschreibung der Zimmer gegeben habe, brauche ich wohl kaum zu sagen, dass es mir ebenfalls vergönnt war, sie zu betreten: ich musste mehrere Male auf einem Harmonium spielen, welches in einem dieser Zimmer seinen Platz hat. Von diesen Räumen gelangt man in die Häuser seiner Frauen: das Harem. Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam hatte im Anfang der sechziger Jahre drei rechtmässige Frauen.
[Fußnote 71: Mit dem Worte Kubba bezeichnet man eine viereckige Räumlichkeit mit gewölbtem oder nach oben spitz zulaufendem Dache.]
Mittelst eines Thores gelangt man aus dieser Sauya in die eigentliche Stadt Uesan; eine enge Strasse windet sich den Berg hinan, überall kleine Läden, hier findet man siedende Sfindj (in Oel gebackene Kuchen), dort werden Kiftah (Leber und Fleischstückchen) über Kohlenfeuer geröstet, hier werden Fische gebacken, dort liegen flache Brode aus: es ist dies die Garküchenstrasse, sie geht allmälig in die Gasse der Oelhändler über, welche zugleich Butter und braune Schmierseife (diese wird in Marokko bereitet), eingemachte Oliven und Chlea (in Butter eingeschmortes Fleisch) verkaufen. Grosse Thorwege der auf die Strasse mündenden Häuser zeigen uns Fonduks (marokkanische Gasthöfe), und die zahlreichen Esel, Maulthiere und Kameele, die man im Innern erblickt, sagen, dass hier viel Leben und Treiben herrscht.
So ist es auch in der That! Die grossen Schaaren von Pilgern, welche täglich in Uesan zusammenströmen, ziehen viele Kaufleute herbei. Die Pilger, die in der Sauya eine dreitägige Gastfreundschaft geniessen, bleiben oft noch länger, sie haben Waaren oder Kleinigkeiten zum Verkauf mitgebracht, andererseits wollen sie Uesaner Gegenstände erhandeln. Man kann sich denken, dass Alles was von Uesan kommt für besonders gut gilt, die Frau zu Hause will Brod vom "dar demana" haben, oder ein Stück Zeug, der Sohn muss eine hölzerne Schreibtafel vom ssuk es Uesan (Markt von Uesan) haben, dann prägt er sich die Koransprüche viel leichter ein, der Grossvater muss einen neuen Rosenkranz von Mulei Thaib haben und die echten werden nur in Uesan verkauft.
Zahlreiche kleine Kaffeehäuser, mit heimlichen Zimmerchen, wo "Kif"[72] geraucht wird, liegen allerorts zerstreut und meist an den schönsten Punkten der Stadt, welche übrigens, wohin man sieht, über paradiesische Gegenden das Auge schweifen lässt. Viele dieser Kaffeehäuser, wie überhaupt die meisten Buden, gehören Sidi zu, der sie vermithet oder auch an seine Günstlinge temporär zum Ausnutzen überlässt.
[Fußnote 72: Kif heisst eigentlich Ruhe, Wohlergehen, wird aber von den Marokkanern auf das Kraut Cannabis indica übertragen, welches jene Ruhe, mit der ein starker Rausch verbunden ist, hervorbringt.]
In einigen dieser Kaffeehäuser wird sogar zur Traubenzeit Wein, und fast zu allen Zeiten Schnaps, der von Gibraltar her importirt wird, verkauft. Denn auch hierin offenbart Uesan seine Aehnlichkeit mit andern religiösen Städten, dass es ein Ort der Laster und Schwelgerei ist. Wie häufig sah ich Schürfa, die nächsten Anverwandten Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalams in einem total betrunkenen Zustande. Aber ebensowenig wie die grössten Ausschweifungen, die gröbsten Verstösse gegen Sitte und Religion, je Rom den Charakter einer heiligen Stadt genommen haben, ebensowenig leidet der Ruf Uesans darunter. Der Grossscherif selbst hat bei Lebzeiten seines Vaters der Flasche fleissig zugesprochen, und ob er nicht noch manchmal im Innersten seines Hauses, an der Seite seiner Günstlinge dem Bacchus opfert, wer wollte darauf mit Gewissheit Nein sagen? Oeffentlich freilich ist er jetzt die Enthaltsamkeit selbst, er raucht nicht, er schnupft nicht, er nimmt weder Kif noch Opium (beides, obschon ebenso religionswidrig wie Weintrinken, wird in Marokko keineswegs für sehr sündhaft gehalten), kurzum, äusserlich lebt er sehr streng nach den Vorschriften des Islam, wie duldsam er aber ist, geht daraus hervor, dass er, sobald ich mit ihm und seinen Günstlingen allein war, uns erlaubte, in seiner Gegenwart zu rauchen.
Kommt man noch weiter in die Stadt, so hat man die Kessaria vor sich, d.h. die Strassen, wo Kleidungsstücke Tuche, Baumwollenzeuge und Wollfabrikate verkauft werden. Hier sieht man auch jene schönen in ganz Marokko bekannten Djelaba Uesania ausbieten, Ueberwürfe aus feinster weisser Wolle gewebt. Man durchschreitet die Atharia, d.h. die Strassen, wo Gewürze, Essenzen und Kramwaaren feil geboten werden, und befindet sich nun vis à vis der grossen Moschee von Mulei Abd-Allah Scherif.
Diese Djemma ist eine der berühmtesten im ganzen marokkanischen Reiche, hier liegt der Gründer Uesans, der Stifter der Sauya, die heute dar demana, d.h. Zufluchtsort fürs ganze Reich[73] ist, begraben. Wie alle marokkanischen Moscheen bildet ein grosser Hofraum, dann verschiedene Säulenreihen, deren Gallerien man Schiffe nennen kann, die architektonische Anordnung. Ausser Mulei Abd-Allah liegt der Hadj el Arbi, der Vater des jetzigen Grossscherifs, in der Moschee begraben. Ein kostbarer Sarkophag mit Tuch überhangen, birgt in einer Nebencapelle die irdischen Reste dieses grossen Heiligen. In der That war kein Abkömmling des Propheten so wunderthätig wie der Vater Sidi's, namentlich soll er die Gabe gehabt haben, die Fruchtbarkeit der Weiber zu vermehren. Er selbst hatte freilich nur einen Sohn, den jetzigen Grossscherif, der ihm im späten Lebensalter von einer Sklavin geboren wurde.