[Fußnote 73: Häufig entfliehen Leute ans den Gefängnissen des Sultans, gelingt es ihnen Uesan zu erreichen, wo sie sich entweder in das Grabgewölbe eines Heiligen flüchten, oder zu den Füssen des Pferdes des Grossscherifs legen, so werden sie immer begnadigt. Schwere Verbrecher dürfen aber die Sauya nicht mehr verlassen, sonst sind sie vogelfrei.]
Wie gross aber von jeher Macht und Ansehn der Schürfa von Uesan gewesen ist, geht am besten aus einer Beschreibung von Ali Bey hervor T.I. p. 269: Je parlerai ici des deux plus grands saints qui existent maintenant dans l'empire de Maroc: l'un est Sidi Ali Ben-Hamet qui réside à Wazen (dies ist der Grossvater Sidi's und Wazen ist englische Schreibart für Uesan) etc. Ferner p. 270: J'ai déjà remarqué que ce don de sainteté était héréditaire dans certaines familles (A. Bey bestätigt hier meine oben angeführte Thatsache von der mohammedanischen erblichen Heiligkeit). Le père de Sidi Ali était un grand saint, Ali l'est à présent et son fils aîné commence à l'être aussi.
Ausser diesen Hauptstadttheilen sind dann noch verschiedene Strassen, wo Handwerke betrieben werden: hier werden gelbe Pantoffeln, dort rothe Frauenschuhe verfertigt, hier arbeiten Sattler, dort sind Schmiede, hier wird gedrechselt, dort wird geschneidert; überall halten sie die verschiedenen Handwerke beisammen. Auch eine Mälha, d.h. ein Judenquartier, giebt es, und warum auch nicht, hatte nicht Rom auch sein Ghetto? Es giebt keine marokkanische Stadt, ja es giebt keine marokkanische Oase in der Sahara, wo nicht Juden wären[74].
[Fußnote 74: In Tuat, welches politisch zu Marokko gerechnet wird, sind allerdings keine Juden, Tuat aber liegt geographisch ausserhalb Marokko's, es gehört seiner Lage nach zu Algerien.]
In Uesan unter dem milden Scepter Sidi's lebten die Juden ziemlich erträglich, aber in anderen Städten Marokko's Israelit sein, heisst die Hölle hier auf Erden haben. Dennoch dürfen sie auch in Uesan keinen rothen Tarbusch tragen, sondern nur einen schwarzen, sie dürfen die Oeffnung des Burnus nicht wie die Muselmanen nach vorn tragen, sondern müssen dieselbe auf der Seite haben, sie dürfen keine gelbe oder rothe Pantoffeln, sondern nur schwarze und auch diese nur in ihren Häusern und in der Mälha tragen. Sie müssen, sobald sie einem Gläubigen begegnen, links ausweichen, endlich sind ihnen verschiedene Strassen, wie bei der Hauptmoschee oder bei den Grabstätten der Heiligen vorbei, gänzlich untersagt. Sie dürfen ausserdem in den Städten und Oertern nie ein Pferd besteigen und müssen jeden Mohammedaner mit "Sidi," d.h. "mein Herr," anreden. Man könnte Seiten vollschreiben, wollte man all die Vexationen, die Erniedrigungen und Demüthigungen, welchen die Juden in Marokko unterworfen sind, aufschreiben.
v. Augustin[75] sagt p. 129: "Auf dem Markte müssen sich die armen Juden die empörendsten Erpressungen von den Marokkanern gefallen lassen, und unter ihren Bedrückern stehen obenan die Garden des Sultans, welche sich alle möglichen Frechheiten erlauben. Nicht selten reisst ein solcher Halbmensch dem Juden eine Waare aus den Händen, welche dieser eben einem Käufer vorzeigt, und hat dieser selbst nicht die feste Absicht sie zu kaufen und wehrt sich gegen solche Eingriffe, so schreitet jener unbekümmert und laut lachend mit seinem Raube fort, trotz des Jammergeschreies, welches ihm von dem Beraubten nachtönt, welcher aber dennoch seine Bude nicht verlassen darf, um den Räuber zu verfolgen, weil sie sonst in wenigen Augenblicken rein ausgeplündert wäre. Wagte er es aber, sich thatsächlich zu widersetzen, so kann er sich versichert halten, halbtodt geschlagen zu werden, oder man führt ihn zum Kadi, wo er Unrecht bekommen muss, da kein Jude einen Mohammedaner schlagen darf."
[Fußnote 75: Marokko in seinen geographischen etc. Zuständen, von Frhrn. v. Augustin, Pesth 1845.]
Man kann die Bevölkerung von Uesan auf 10,000 Einwohner rechnen, wenn man die der Dörfer Rmel und Kascherin, die mit Uesan zusammenhängend sind, hinzurechnet. Von diesen sind etwa 800 bis 1000 Juden. An manchen Tagen vermehrt sich die Bevölkerung um einige 1000 Pilger, namentlich zur Zeit der grossen Feste.
Die Tendenz des jetzigen Sultans von Marokko, Sidi-Mohammed-ben-Abd-er- Rahman, ist darauf aus, den Einfluss der Schürfa so viel wie möglich einzuschränken, und so hat er es denn auch durchgesetzt, dass gegenwärtig ein Kaid und einige Maghaseni (Reiter von der regelmässigen Cavallerie des Sultans, die in Friedenszeiten auch zu Polizeidienst gebraucht werden), welche die Regierung des Sultans repräsentiren sollen, in Uesan wohnen. Ihr Einfluss ist aber gleich Null, und sie selbst sind angewiesen, in wichtigen Sachen die Entscheidung Sidi's einzuholen. Wie einflussreich beim marokkanischen Gouvernement der Grossscherif von Uesan ist, geht allein schon daraus hervor, dass kein marokkanischer Kaiser anerkannt wird, wenn er vorher nicht gewissermassen die Weihe vom Grossscherif von Uesan erhalten hat. Als nach dem Tode des Sultans Mulei-Abd-er-Rahman-ben-Hischam verschiedene Bewerber um den Thron von Fes auftraten, und namentlich der älteste Sohn des Sultan Sliman, ein gewisser Mulei-Abd-er-Rahman-ben- Sliman, mit viel grösseren Rechten zur Nachfolge hervortrat, verdankte Sidi Mohammed seine rasche Besteigung des Thrones nur dem Umstände, dass Sidi- el-Hadj-Abd-es-Ssalam ihm nach Mekines entgegen reiste und durch seine Anerkennung (er stieg von seinem Pferde und führte das edle Ross dem Sultan zu Fuss entgegen, der es bestieg und dann sein Pferd dem Grossscherif zum Geschenk machte) alle Mitbewerber aus dem Felde schlug.
Der Einfluss des Grossscherifs ist indess nicht bloss deshalb so gross, weil er der directe Nachkomme Mohammeds, sondern weil er der reichste Mann im ganzen Kaiserreich Marokko ist. Es giebt in Marokko keinen Tschar, keinen Dnar, keinen Ksor[76], in dem der Grossscherif nicht eine Filialsauya oder einen Emkadem hätte. Die Emkadem sind angewiesen, in ihren Sprengeln jährlich Geld zu sammeln, das, wie der Peterspfennig nach Rom, in die Gasse Sidi's nach Uesan fliesst. In der ganzen Provinz Oran, in der Oase Tuat sind fast alle Mohammedaner "Fkra," d.h. "Anhänger" Mulei Thaib's von Uesan. Der reelle Einfluss geht bis Rhadames im Osten, bis Timbuktu im Süden. Aber selbst in Alexandrien, in Aegypten, in Mekka, in Arabien, sind Sauya des Grossscherifs von Uesan.