Um den Glauben der Mohammedaner, d.h. die Opferwilligkeit, wach zu halten, werden jährlich zahlreiche Schürfa, die nächsten Verwandten Sidi's in die ganze mohammedanische Welt geschickt, um die Wunder und Herrlichkeit Uesans zu verkünden. Sidi beklagte sich bitter, dass die Franzosen in letzter Zeit den Schürfa von Uesan verboten hatten, in Algerien ihre Rundreisen zu machen. Es hat dies aber seinen guten Grund, zum Theil wollen damit die Franzosen verhüten, dass so viel Geld ausser Landes geht, zum Theil aber hatten die Schürfa sich in Politik gemischt, die Gläubigen gegen ihre ketzerischen Herren aufgereizt, was die algerische Regierung sich natürlich nicht gefallen lassen konnte.
Während der ganzen Zeit meines Aufenthalts erfreute ich mich der grössten Zuneigung und Gastfreundschaft des Grossscherifs.
Ich musste fast den ganzen Tag mit ihm zubringen, von Morgens früh, wo er mich rufen liess, Kaffee mit ihm und seinen Günstlingen zu trinken, bis Abends, wo er sich in seine Wohnung zurückzog. Wenn ich manchmal Zeuge war, wie er im selben Augenblicke den Leuten, die soeben ihr Geld, ihre Kostbarkeiten ihm geopfert hatten, mit ernstester Miene den Segen ertheilte, und dann, sobald sie den Rücken gekehrt hatten, sich über sie lustig machte, auch wohl sagte: "was für Thoren sind diese Leute, mir ihr Geld zu bringen", so dachte ich den aufgeklärtesten Mann vor mir zu haben, andererseits sah ich aber so viele Thatsachen, wo er von seiner eigenen Macht, von seinem besseren "Sein" überzeugt war, dass es mir schwer wurde, diese Widersprüche zu erklären.
Aber Alles dient in Uesan dazu, von Jugend auf dem Grossscherif einzuprägen, dass nicht nur die Mohammedaner, die vor Gott allein Gläubigen, sondern dass unter den Mohammedanern die Araber (der Koran darf z.B. bei allen mohammedanischen Völkern nur arabisch gelehrt werden) das auserwählte Volk sind, dass im auserwählten Volk die Schürfa als Nachkommen Mohammeds den vorzüglichsten Platz einnehmen, und dass unter den Schürfa wieder der directeste Nachkomme der von Gott am meisten Bevorzugte ist. In dieser Art und unter dieser Auffassung wird der Sohn Sidi's erzogen. Dieser, Namens Sidi-el-Arbi, entwickelte denn auch zu der Zeit schon ganz den Stolz und Eigendünkel, den eine solche Lehre hervorbringen muss. Dass trotzdem bei Sidi sowohl als auch, wie es den Anschein hatte, bei seinem ältesten Sohne, Sidi-el-Arbi, Herzensgüte und eine gewisse Bescheidenheit nicht unterdrückt werden konnte, ist wohl darin zu suchen, dass immer fremdes Blut in die Familie kommt, wie denn Sidi's Mutter, wie schon gesagt, eine Haussa ist. Es beruht dies auf dem Gesetz der Erblichkeit, denn während Hochmuth, Eigendünkel etc. väterlicherseits mitgebracht wird, können andererseits die Eigenschaften, welche von mütterlicher Seite in die Familie kommen, nicht unterdrückt werden.
Dass aber der spanische Krieg auch keineswegs nachhaltend civilisatorisch auf den Grossscherifs wirkte, sah ich daraus, dass er, als ich später wieder Uesan besuchte, seine christliche Militairuniform abgelegt hatte, und dafür sich mit einer Djelaba wie die übrigen Schürfa kleidete. Er mochte, wohl recht haben; auf meine Frage nach dem Beweggrund, erwiederte er: sein Ansehen leide, und er müsse, um die Gelder reichlich fliessen zu machen, dem Volke in seinen Vorurtheilen nachgeben.
Die Haltung des Grossscherifs hat aber natürlich auf das ganze Leben und Treiben in Uesan den grössten Einfluss. Und wenn wir auch Fortschritte in Tanger und Mogador constatiren können, wo die grössere Frequenz mit Europa neben Hotels in ersterer Stadt sogar Dampffabriken ins Leben gerufen hat, wo man angefangen hat, den Christen heute mit den Gläubigen eine gleichberechtigte Stellung einzuräumen, so braucht man solche Fortschritte von Uesan nicht zu fürchten. Sollte es einem Europäer heute gelingen, nach dieser heiligen Stadt hinzukommen, er kann sicher sein, Uesan el dar demana so zu finden, wie es geschildert ist, d.h. auf demselben Standpunkte der Bildung, auf dem es sich seit Jahrhunderten schon befunden hat: man glaubt sich ins volle Mittelalter zurückversetzt.
7. Eintritt in marokkanische Dienste.
Ich blieb nicht lange in Uesan, trotzdem "Sidi" wollte, ich sollte ganz bei ihm bleiben; als er dann aber mich fest zum Weitergehen entschlossen sah, stellte er auf liebenswürdige Art ein Maulthier zur Disposition, und empfahl mich einem Kaufmann aus Uesan, der ebenfalls nach Fes reisen wollte. Abends vorher, ehe ich Uesan verliess, musste ich im Hause dieses Kaufmanns zubringen, um die Zeit nicht zu verschlafen; der Hadj Hammed, so heisst der Mann, war ein grosser Freund von Musik und hatte als Abschiedsfest verschiedene Freunde geladen, die auch alle musikalisch waren. Man kann sagen, dass eine Art Soirée musicale abgehalten wurde, denn Hadj Kassem, ein alter graubärtiger Musikus aus Lxor, berühmt in Marokko wegen seiner Spielfertigkeit auf dem Alut, wie Liszt bei uns auf dem Klavier, war auch zugegen, andererseits war sein Schüler, ein Neger Ssalem, ein fast ebenso bedeutender Künstler auf der Violine wie weiland Paganini, auch anwesend. Man denke aber ja nicht in Marokko an Flügel, Klaviere, Harmonium oder dergleichen, denn wenn auch Sidi sich solche Instrumente hatte kommen lassen, wenn auch beim Sultan dergleichen zu finden sein möchten, so kennt das Volk sie nicht. Ich glaube kaum, dass das marokkanische Volk für unsere Musik Verständniss haben würde; wenn es musikalisch denken könnte, wenn es überhaupt ein Urtheil abgeben könnte, würde es vielleicht unsere Musik mit "Zukunftsmusik" bezeichnen.
Ich konnte an dem Abend sämmtliche Instrumente, deren sich die Marokkaner bedienen, kennen lernen. Eingebürgert von europäischen Instrumenten hat man Guitarre, Violine und Violoncell, welch letzteres in Marokko als Bass dient. Ausser diesen hat man ähnliche abenteuerlicher Art, und im Lande selbst angefertigte Instrumente![77] Da ist das Saiteninstrument "Alut", eine Art Guitarre, nur mit gewölbtem Boden, es hat auf den vier Saiten die Laute g, e, a, d. Da ist ein Streichinstrument mit zwei Saiten, "Erbab" genannt, von dem der Hals auch hohl und resonirend ist, es hat die Grundlaute d, a; der Fiedelbogen dazu besteht aus einem Bogen so gross wie eine Hand, und die Streiche dazwischen haben nur eine Spannung von etwa 4 bis 5 Zoll. Endlich hat man noch eine grössere Art "Kuitra" mit drei Saiten, dem Cello entsprechend, mit den Tönen d, h, g. Als Blasinstrumente besitzen die Marokkaner das "Schebab", eine kurze Flöte mit verschiedenen Löchern; die "Rheita", ein kleines Instrument mit clarinetartigen Tönen, endlich eine grosse Posaune, "El-Bamut" genannt. Trommeln verschiedener Form und Grösse, Schellen u. dgl. vervollständigen die Liste der Instrumente. Dass ein Unterschied in der Anwendung der Instrumente Seitens der Araber, Juden und Neger bestände, wie Höst bemerkt haben will, ist mir nie aufgefallen. Von allen Instrumenten ist die "Rheita" allein das, welches einen angenehmen Ton hervorbringt. Unsere europäischen Instrumente, Violine, Guitarre u.s.w. werden von ihnen auf ohrzerreissende Art behandelt. Das eigentliche Nationalinstrument der Marokkaner ist aber die "Gimbri", ein kleines zweisaitiges Instrument, eine Guitarre oder Violine im Kleinen. Der Resonanzkasten ist gemeiniglich nicht grosser als 4 oder 5 Zoll Durchmesser, irgend eine trockne Kürbisschale oder auch ein aus Holz geschnitztes Becken ist gut dazu, ein Stück dünnes Leder oder Pergament wird darüber gespannt, ein Stiel daran befestigt und die Saiten aufgezogen. Jeder verfertigt es selbst, meist ist e und a Grundton. Die "Gimbri" wird nicht gestrichen, aber auch nicht einfach mit den Fingern geknipst, sondern man bedient sich dazu eines Hölzchens, wie bei uns es die Klavierstimmer haben, um über die Saiten dieses Instrumentes zu fahren. Bei grösseren Concerten findet übrigens die Gimbri keine Anwendung.