[Fußnote 77: Siehe Höst p. 260, der Abbildungen von verschiedenen marokkanischen Instrumenten giebt.]
Wenn uns nun aber auch Alles wie Katzenmusik vorkommt, so muss man doch keineswegs glauben, dass die Marokkaner ganz ohne musikalisches Gefühl sind, nur sind eben ihre Empfindungen für Musik anders als unsere. Was für uns Harmonie und Consonanz ist, hören sie als Dissonanz, ohne aber deshalb in ihrer eignen Musik gewisser Regeln zu entbehren.
Der Abend ging angenehm hin; hatte ich auch keinen musikalischen Genuss, so war doch Alles neu. Mit dem Spielen der Stücke war immer Gesang verbunden. Und auffallend war es mir, dass je mehr Jemand näselte oder Fisteltöne hervorbrachte, er desto mehr bewundert wurde.
Früh am andern Morgen wurde aufgesessen, ich ritt ein gutes Maulthier. Wie Spanien ist Marokko das Land der Maulthiere, die meist braun oder grau von Farbe sind. Die guten Maulthiere sind theurer als die guten Pferde, aber nicht so theuer wie die besten Pferde. Man kann schon für 30 bis 40 französische (Fünffranken-) Thaler ein gutes Pferd kaufen, aber unter 60 bis 80 Thaler kein starkes gutes Maulthier bekommen. Edle Pferde, wie sie der Sultan besitzt oder vornehme Schürfa und Kaids, werden aber selbst in Marokko bis 1000 Thaler geschätzt. Dies ist die Summe, welche mir als die höchste angegeben wurde.
Zu Pferde oder Maulthier braucht man von Uesan nach Fes anderthalb Tage, aber da die Hitze jetzt immer grösser wurde, die Wege sehr schlecht waren, und weil Hadj Hammed unterwegs allerlei Geschäfte abzuschliessen hatte, brauchten wir drei Tage. Er machte Einkäufe, oder auch bekam hier ein Töpfchen mit Butter, dort einige Eier zum Geschenk, was zur Folge hatte, dass zuerst sein, dann auch mein Maulthier so beladen war, dass wir beide zu Fuss gehen mussten. Man kann sich einen Begriff von der Macht und dem Reichthum Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's machen, wenn ich anführe, dass fast alles Land bis dicht vor Fes sein persönliches Eigenthum ist. Dennoch glaube ich kaum, dass er viel baares Vermögen besitzt, da die grosse Zahl der Pilger, welche in Uesan auf liberalste Weise bewirthet werden, wieder Alles verausgaben macht.
Die ganze Gegend, welche man durchzieht, ist gebirgig und aufs reichste angebaut, Getreidefelder von Weizen und Gerste wechseln ab mit Olivenwaldungen, Gärten bestanden mit Orangen, Granaten, Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Mandeln, Feigen und Weinreben, lachen am Wege. Man hat zwei bedeutende Wasser zu überschreiten, den Ued Uerga, ungefähr auf halbem Wege zwischen Uesan und Fes, circa sieben Stunden von letzterer Stadt entfernt, und den Sebu. Beide waren so bedeutend angeschwollen, dass wir mit einer Fähre übersetzen mussten. Die Fähren waren ebenfalls Eigenthum des Grossscherifs von Uesan.
Abends 5 Uhr des dritten Tages waren wir endlich vor Fes, der Hauptstadt des Landes. Mich überwältigte fast der Anblick der ausgedehnten Häusermasse, aus denen hier und da hohe Sma (Minarets) hervorragten. Wir, zogen rasch durch die lange Strasse dahin und ich wurde derart zur "Mhalla", d.h. der Zeltlagerung der Soldaten geführt. Für einen Obersten der Armee, Hadj Asus, hatte ich ein Empfehlungsschreiben des Grossscherifs. Nicht nur wurde ich gut aufgenommen, sondern Hadj Asus, dessen Zeltgenosse und Gast ich bleiben musste, versprach mir schon für den folgenden Tag eine Anstellung.
Am andern Tage war grosse Revue vor dem Sultan; die ganze regelmässige Armee, circa 4000 Mann, musste in ziemlich guter Ordnung vor dem unter einem Baldachin sitzenden Sultan vorbeidefiliren; sobald eine Abtheilung in unmittelbare Nähe des Sultans kam, riefen sämmtliche Soldaten "Allah ibark amar Sidna", "der Herr segne die Seele unseres gnädigen Herrn". Die Anführer selbst präsentirten die Säbel, prosternirten sich und küssten den Boden. Sobald die Abtheilung des Hadj Asus herankam, defilirt und gerufen, und dann Hadj Asus seinen Gruss verrichtet hatte, wurde er in die Nähe des unbeweglich dasitzenden Sultans gerufen. Ursache war, dass ich mich seinem Zuge angeschlossen hatte, und mit Offizieren und Soldaten den Parademarsch mitmachte. Natürlich musste meine Erscheinung Aufsehen erregen, denn ich hatte einen ziemlich langen schwarzen Ueberrock an, der bis auf die Kniee reichte, darunter guckte die Unterhose kaum hervor, gelbe, recht abgenutzte Pantoffeln und ein rother Fes, das war meine übrige Bekleidung. Hadj Asus kam freudestrahlend zurück.
Der Sultan hatte sich in der That über meine Persönlichkeit informirt; Hadj Asus hatte ihm gesagt, ich sei zum Islam übergetreten, habe vom Grossscherif eine Empfehlung gebracht und wünsche in die Armee als Arzt einzutreten: ein "Achiar" (Fi el cheir, d.h. das ist gut) war die Antwort des Sultans gewesen, und Hadj Asus war den ganzen Tag über ausser sich über das Glück, vom Sultan angeredet worden zu sein.
Nach der Parade wurde ich sodann dem Kriegsminister vorgestellt, einem Schwarzen, Si Abd-Allah genannt, der besondere Meldungen unter einem schirmartigen Zelte sitzend entgegennahm. Er war sehr zufriedengestellt über meine Antworten und sagte, dass ich am folgenden Tage meine Anstellung zu erwarten habe. Am folgenden Tage wurde ich denn auch benachrichtigt, ich sei zum obersten Arzte der ganzen Armee seiner Majestät ernannt.