Als Obliegenheit wurde mir bezeichnet, alle Soldaten, die sich krank meldeten, zu untersuchen und zu behandeln. Die Medicamente hatten sie von mir zu bekommen, mussten aber dafür zahlen, da mir überhaupt von der Regierung auch keine zur Disposition gestellt wurden. Mein Gehalt war täglich auf 2-1/2 Unzen angesetzt, ungefähr 3 bis 4 Groschen. So klein das nun auch klingt, so sind doch die Verhältnisse in Marokko derart, dass man damit recht gut existiren konnte, zumal mir volle Freiheit blieb, Privatpraxis zu treiben, wo und soviel ich wollte. Man kümmerte sich überdies nicht viel um mich. Mein Quartier hatte ich vorläufig beim Hadj Asus behalten; wenn ich aber den ganzen Tag von der "Mhalla" abwesend war, fragte Niemand danach. Ich sollte ein Pferd, Maulthiere, Diener zur Disposition erhalten, habe dieselben doch nie bekommen. Meine Nahrung hatte ich mir selbst zu beschaffen, es war das freilich meine wenigste Sorge, heute war ich Gast bei diesem, morgen bei jenem. Wenn gerade keine Hungersnoth in Marokko ist, hat ein lediger Mann dafür nicht zu sorgen.

Nach einigen Tagen liess der Baschagouverneur von Fes, Ben-Thaleb, mich rufen. Er hatte von der Ankunft eines europäischen Arztes gehört, und selbst an chronischem Asthma leidend, bat er mich ihn zu behandeln, zu gleicher Zeit aber auch bei ihm Wohnung zu nehmen. Ich nahm diesen Vorschlag mit Freuden an. Hadj Asus hatte nichts dagegen, dass ich beim Bascha wohnte; dieser, einer der reichsten und einflussreichsten Beamten des ganzen Kaiserreiches, hatte wohl Anspruch auf seine Rücksicht.

Um die Zeit kam denn auch Joachim Gatell, der vorhin erwähnte Spanier, der den Namen Smaël angenommen hatte, nach Fes. Er wurde Si-Mohammed-Chodja, einem andern Commandanten der regelmässigen Truppe zugetheilt, und erhielt bald darauf ein selbstständiges Commando über die Artillerie. Später sollten wir genauer mit einander bekannt werden, als es jetzt der Fall war. Denn der Sultan hatte nach Verlauf von ungefähr vier Wochen Befehl zum Aufbruche gegeben. Es war die Zeit des Residenzwechsels gekommen und der Sultan beschloss, das Hoflager und die "Mhalla" nach Mikenes zu verlegen. Natürlich durfte ich nun auch nicht in Fes bleiben, da alle Truppen mit Ausnahme derer, welche den beiden Gouverneuren beigegeben waren, mit dem Sultan fort mussten.

Schwer würde es sein, ein richtiges Bild von diesem eigenthümlichen Ausmarsche zu entwerfen. Alles lief bunt durcheinander. Da waren die sogenannten regelmässigen Soldaten, in Begleitung ihrer Weiber (fast jeder Soldat ist verheirathet), Kinder und Sklaven. Kaufleute drängten sich dazwischen, hier bot einer Brod feil, hier Zwiebeln, dort hatte ein anderer ein Brettchen mit verschiedenen Fächern und Schachteln darauf; eine ambulante Gewürzkrambude, Zimmt, Pfeffer, Nelken u. dgl. war da zu haben. Hier bot einer Fleisch, dort Fische feil. Und da kam der Sultan selbst daher, ein grosser glänzender Haufe, die Minister, die höchsten Beamten des Landes umgaben ihn, ein langer, langer Tross beladener Maulthiere und Kameele folgte. Dann der Harem, über hundert Frauen und junge Mädchen, dicht verschleiert auf Maulthieren daherreitend, diese allein eine geschlossene Masse bildend, denn auf schnellen Pferden hielten die Eunuchen diese Lieblingsweiber des Herrschers zusammen. Es war dies gewissermassen der ambulante Harem des Sultans, die schönsten, jüngsten und fettesten Frauenzimmer der vier Harems von Fes, Mikenes, Arbat und Maraksch, meist Kinder von 12 bis 15 Jahren. Endlich kam die grosse Abtheilung der Maghaseni, der unregelmässigen jedoch besoldeten Cavallerie; es mochten wohl 10000 Pferde zugegen sein. Man denke sich nun diesen Menschen- und Thierknäuel ohne Ordnung und einheitliche Leitung in Bewegung, der eine schnell, der andere langsam, der hier marschirend, der dort, dieser hier laufend, jener langsam seinen Weg fortsetzend, wie ein Jeder es eben für gut fand.

Als wir, ich befand mich unter den Ersten, Mikenes erreichten, war der ganze Weg zwischen Fes und Mikenes noch mit Menschen und Thieren überschwemmt, denn als die ersteren in letzterer Stadt eintrafen, waren noch lange nicht alle von Fes aufgebrochen. Zwei Tage dauerte es, bis die ganze Armee, vielleicht in allem etwa 40,000 Menschen, eingetroffen waren, und das Terrain zwischen beiden Städten ist derart eben und schön, derart ohne alle Hindernisse, dass man fortwährend mit mehreren Armeen, fast möchte ich sagen im Frontmarsche von einer Stadt zur andern marschiren kann. Die Armee lagerte an der Aussenseite der Stadt, der Sultan selbst bezog sein Palais.

Was mich anbetrifft, gebunden, da zu sein, wo die Armee ist, hatte ich andererseits Freiheit genug, wohnen zu können wo ich wollte, und miethete deshalb in einem Funduk der Stadt ein Zimmer zum Wohnen, während ich andererseits ein "Hanut", Bude, in der belebtesten Strasse in Gemeinschaft mit einem Franzosen, Namens Abd-Allah bezog. Ich prakticirte oder hielt ein Polyclinicum ab. Meine Medicamente bestanden wie die der marokkanischen Aerzte aus einem grossen Kohlenbecken, mit Eisenstäben zum Weissglühen, aus grossen Töpfen mit Salben, Kampheröl, Brechpulver, Abführungsmitteln und verschiedenen unschädlichen gefärbten Mehlpulversorten für Hypochonder und hysterische Kranke. Und was nie und nirgends in Marokko gesehen war: ich hatte ein grosses Aushängeschild; darauf hatte Smaël (Joachim Gatell) mit grossen und schönen Buchstaben gemalt: "Mustafa nemsaui tobib ua djrahti", d.h. Mustafa der Deutsche, Arzt und Wundarzt. Es ist kaum zu glauben, welch Aufsehen es erregte in einem Lande, wo die Annoncen, Anzeigen, Aushängeschilde noch nicht etwa in der Kindheit liegen, sondern wo sie noch gar nicht geboren sind, ein solches Schild zu führen. Von Morgens früh bis Abends spät stand Jung und Alt, Vornehme und Geringe, Männer und Weiber vor der Bude, und buchstabirten (lesen kann Niemand in Marokko, aber buchstabiren können alle Städter) die langen arabischen Buchstaben, welche zwei grosse Bogen Papier einnahmen. Der Erfolg war vollständig.

Ich hatte vorhin erwähnt, dass ich mich mit einem Franzosen Namens Abd- Allah zusammengethan hatte, weil ich allein nicht die Miethe für die Bude von Anfang an zu Stande bringen konnte. Dieser Franzose, ein ehemaliger Spahisoffizier, war vor ungefähr zwanzig Jahren mit der Casse seiner Compagnie nach Marokko entflohen, hatte bei dem vorletzten Sultan Muley- Abd-er-Rahman gute Aufnahme gefunden, sein Geld (wie er selbst angab 20,000 Franken) mit liederlichen Dirnen in Saus und Braus, aber in einigen Jahren durchgebracht. Hernach hatte er sich dem Hofe angeschlossen, hatte natürlich geheirathet und lebte nun von mechanischen Fertigkeiten. So behauptete er, der Introducteur des soufflets in Marokko zu sein, und seine damalige Beschäftigung bestand darin, neue Püster anzufertigen, alte auszubessern. Von Zeit zu Zeit pflegte er nach irgend einem Hafenplatz zu gehen, von wo er sich neue Vorräthe holte. Ohne besonderes Wissen, trotzdem er darauf pochte, französischer Offizier gewesen zu sein, war er ein harmloser Mensch, was man nicht immer von den übrigen Renegaten sagen kann. Er war übrigens vollkommen durch seinen langen Aufenthalt in Marokko marokkanisirt, und liess den Rosenkranz auf ebenso scheinheilige Art und Weise durch die Finger gleiten, wie der beste Thaleb oder Faki es nur kann.

Aber sonderbar genug sah unsere Bude aus, auf der einen Seite arbeitete der Franzose Püster, auf der andern Seite quacksalberte ich, denn so muss ich, wenn ich aufrichtig sein will, meine ärztliche Praxis in Marokko nennen.

Das ausgehängte Plakat, dann überhaupt die Ankunft eines europäischen Arztes, hatten indess viel Lärm gemacht, und der Ruf davon war bis zu den Ohren des ersten Ministers, Si-Thaib-Bu-Aschrin, gedrungen. Eines Abends kamen einige seiner Diener und ergriffen meine Hand; ich hatte kaum noch Zeit, den Franzosen Abd-Allah zu bitten, als Dolmetsch mit zu kommen, und fort ging's. Wir trafen Si-Thaib gerade beim Nachtmahl mit mehreren anderen Beamten des Hofes, die seine Gäste waren. Im äussersten Winkel des Zimmers spielten drei Musikanten auf einer Rheita, Kuitra und Erbab. Si-Thaib lud uns beide gleich ein, mit an die Maida (kleiner flacher Tisch) zu rücken, aber Abd-Allah dankte für sich und mich, und wir zogen uns, während die hohen Würdenträger von einer Schüssel zur andern übergingen, in ein Nebenzimmer zurück, und bald darauf brachten uns Sklaven die angebrochenen Schüsseln, worin allerdings noch reichliche und recht gut zubereitete Speisen sich befanden, die mir aber widerlich zu berühren waren, weil jene Würdenträger, so hoch sie nun auch in Marokko sein mögen, mit ihren kaum gewaschenen Händen darin herum gerührt hatten. Anstandshalber musste ich aber einige Bissen von jeder Schüssel nehmen, und dabei nicht vergessen, die Grossmuth Si-Thaib's und die Güte der Speisen zu preisen. Abd-Allah sagte mir dann auch, es würde sehr unschicklich gewesen sein, hätten wir die Einladung Si-Thaib's, mit ihm zu essen, angenommen, er würde aber jetzt über unsere Bescheidenheit und unser Savoir-vivre hoch erfreut sein.

Das Zimmer, worin Si-Thaib sich aufhielt, war eine sogenannte Mensa, d.h. ein Gemach im ersten Stocke. Lang, wie alle marokkanischen Zimmer, war es elegant möblirt, d.h. durch das Zimmer zog sich ein weicher Beni-Snassen- Teppich, und der hohen ogivischen Thür gegenüber waren noch andere Teppiche auf diesem. Hierauf lagen sodann wollene Matratzen und Kissen. Mehrere Lampen von Messing, alterthümlich gestaltet, hingen von der Decke des Zimmers und auch einige silberne Leuchter mit Stearinkerzen brannten in den Nischen. Der Plafond des Zimmers war bunt bemalt, und an den Wänden desselben Arabesken in Gyps.