Als auch wir abgegessen hatten, wurden wir ins Zimmer gerufen und durften am Thee theilnehmen, der nur in kleinen aus sehr feinem Porzellan bestehenden Tässchen herumgereicht wurde. Si-Thaib hielt mir sodann seine Füsse hin und fragte mich, was Krankes daran sei. Abd-Allah, der Franzose, hatte mir vorher schon mitgetheilt, der Minister leide an Podagra ich hatte also eine leichte Mühe, ihm seine Krankheitserscheinungen zu sagen. Dennoch befühlte ich die Füsse vorher genau, fragte nach einigen anderen Umständen, um der ganzen Sache mehr Ansehen zu geben, und als ich ihm dann schliesslich sagte, er hätte die Ministerkrankheit (mrd el uïsirat wird in Marokko das Podagra genannt), war er höchst erfreut, dass ich seiner Meinung nach aus blossen äusseren Kennzeichen seine Krankheit erkannt hatte.—Er fragte mich sodann, ob ich Anhänger der heissen oder der kalten Mittel sei (nach Meinung der Marokkaner haben die Medicamente entweder erhitzende oder abkühlende Eigenschaften), und als ich mich für die ersten erklärte, fand ich, dass ich auch darin seinen Geschmack getroffen hatte.

Si-Thaib entliess uns huldvollst und fügte beim Abschied hinzu, ich solle am andern Tage eine seiner Wohnungen beziehen, um ihn an seinem Podagra zu behandeln. Aber es sollte anders kommen, schon am folgenden Tage früh kamen Maghaseni vom Dar es Ssultan (Palast des Sultans) mit der Weisung, rasch dahin zu kommen; kaum liess man mir Zeit, die Pantoffeln anzuziehen und den Burnus umzuhängen. Dort angekommen, erklärte mir ein Beamter des Sultans, Ben Thaleb, der Gouverneur von Alt-Fes, habe an den Sultan geschrieben, ob ich nicht zurückkehren dürfe, um ihn zu behandeln, der Kaiser habe diese Bitte gewährt und ich habe auf der Stelle abzureisen. Mein Protest, nach Hause zurückkehren zu müssen, um meine Sachen zu holen, um die Medicamente mitzunehmen, um den Bekannten Lebewohl zu sagen, alles das half nichts; die Antwort war immer: "der Sultan hat gesagt, du solltest gleich abreisen, also musst du auch gleich abreisen". Ein gesatteltes Maulthier stand bereit, ein Maghaseni zu Pferde war als Begleiter da, und so musste ich fort, wie ein Packet ohne eigenen Willen. Da der Sultan befohlen hatte, selben Abends noch in Fes anzukommen, wurde scharf geritten, und vor Sonnenuntergange war die Hauptstadt erreicht und bald darauf war ich wieder beim Gouverneur der Alt-Stadt.

Ich hatte indess einen guten Tausch gemacht, Ben-Thaleb sorgte dafür, einen Dolmetsch kommen zu lassen, einen eingeborenen Algeriner Thaleb, Namens Si- Abd-Allah, der leidlich gut Französisch verstand, ich bekam eine gute Wohnung, Pferde, Maulthiere, Diener zur Disposition; Essen und der dazu gehörende Thee wurden vom Bascha geschickt, und ich hatte dafür weiter keine Verpflichtung, als mich täglich eine oder zwei Stunden mit dem Bascha zu unterhalten. Dass ich bei diesem mehrmonatlichen Aufenthalt in Fes hinlänglich Gelegenheit hatte, die Stadt kennen zu lernen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.

8. Die Hauptstadt Fes

Die Hauptstadt des Sultans von Marokko ist nur von wenigen Europäern besucht worden, ebenso dürftig sind die Nachrichten, welche Augenzeugen davon gegeben haben. Am ausführlichsten, fast weitschweifig, handelt Leo von Fes, nächst ihm giebt eine auf eigener Anschauung beruhende Beschreibung der spanische General Badia (Ali Bey-el-Abassi). Alle anderen Berichte über Fes beruhen nur auf Kundschaft und Hörensagen.

Ob der Ort, wo heute Fes steht, von den Römern bewohnt war, ist nach so wenigen Untersuchungen schwer zu entscheiden, aber höchst wahrscheinlich. Die Lage ist so ausgezeichnet, so für eine Stadt in jeder Beziehung anlockend, dass eine so günstige Position den Alten gewiss nicht entgangen ist. Ueberdies haben wir in der Nähe Punkte, welche wir mit Sicherheit als von den Römern bewohnte kennen. Wir erkennen die Stadt Volubilis im heutigen Serone, eine Stadt, die zur Zeit Leo's Gualili oder Walili hiess, und von der er sagt, dass sie ausser dem Grabmale vom älteren Edris nur drei oder vier Häuser habe. Heute nun ist Walili oder, wie sie jetzt genannt wird, Serone, ein Städtchen von 4-5000 Einwohnern, und das Grabmal Mulei Edris-el-Kebir, wie der Vater des Gründers der Stadt Fes genannt wird, ist noch immer ein berühmter Wallfahrtsort. Wir haben sodann in den Aquae Dacicae einen sicheren Anhaltepunkt in der Nähe von Fes; können wir uns genau auf das Itinerarium Antonini verlassen, so würden wir nicht anstehen, Fes das alte Volubilis zu nennen, denn die Entfernung, 16 Mill., stimmt genau mit den berühmten heissen Schwefelquellen von Ain Sidi- Yussuf[78], die sich nördlich zu West von Fes befinden. Die Aquae Dacicae sollen nach dem Itinerarium Antonini 16 Mill. nördlich von Volubilis gelegen sein. Die alten Aquae Dacicae, jetzt Ain-Sidi-Yussuf genannt, sind heute noch die berühmtesten Thermalen von Marokko.

[Fußnote 78: ain = Quelle.]

Die heutige Stadt Fes wurde nach Leo im Jahr 185 der Hedschra von Edris gegründet, dieser war ein naher Verwandter von Harun-al-Raschid und ein noch näherer von Mohammed selbst, denn Edris war Enkel von Ali, dem Schwiegersohn Mohammed's. Edris' Vater selbst ist jener Edris-ben-Abd- Allah, der aus Jemen gekommen war und sich in Walili niedergelassen hatte, sein Sohn wurde ihm erst nach seinem Tode von einer gothischen Sklavin geboren. Renou giebt an, Edris habe die Stadt 793 n. Chr. gegründet, welches Jahr mit dem 177. Jahre der Mohammedaner correspondirt Marmol lässt Fes an Jahre 793 n. Chr. erbaut werden, stimmt aber irrthümlicher Weise dieses Jahr mit dem 185. Jahre der Hedschra. Während noch Andere für das Gründungsjahr von Fes 808 n. Chr. ansetzen, verlegt Dapper es auf das Jahr 801 n. Chr. Es geht hieraus hervor, dass wir nicht ganz mit Bestimmtheit das Jahr angeben können, sondern uns damit begnügen müssen, zu wissen, dass die Stadt gegen das Ende des 8. oder im Anfange des 9. Jahrhunderts gegründet wurde.

Ebenso unbestimmt sind die Angaben, woher der Name Fes kommt. Leo leitet den Namen davon her, weil bei den ersten Grabstichen die Gründer Gold, Silber (Fodda oder Fedda) gefunden hätten; Andere meinen, die Stadt habe den Namen vom Flüsschen gleichen Namens, was die Stadt durchschneidet, noch Andere leiten den Namen der Stadt von Fes her, was im Arabischen eine "Hacke" bedeutet. Was die Schreibart anbetrifft, so finden wir ebensowenig Uebereinstimmung; Einige schreiben Fes, Andere Fas, noch Andere Fez, und doch dürfte Fes die alleinig richtige sein, wenn wir die arabische Schreib- und Aussprechungsweise zu Grunde legen.

Fes liegt nach Ali Bey auf dem 34° 6' 3" nördl. Breite, dem 7° 18' 30" östl. Länge von Paris, und da bis jetzt keine anderen Bestimmungen vorliegen, so müssen wir diese festhalten.