Es herrscht eine grosse Confusion über die örtliche Lage von Fes. So sagt Leo: "Die Stadt besteht fast ganz aus Bergen und Hügeln; nur der mittelste Theil ist eben, und Berge sind auf allen vier Seiten." Ali Bey: "Die Stadt Fes ist auf den Abhängen verschiedener Hügel gelegen, welche die Stadt von allen Seiten, mit Ausnahme von Norden her, umgeben." Thatsache ist, dass Fes, als Ganzes betrachtet, denn die Stadt besteht aus zwei vollkommen getrennten Städten, von allen Seiten, mit Ausnahme vom Süden her, von Bergen umschlossen ist. Ebenso werden die die Stadt durchziehenden Gewässer unter verschiedenen Namen aufgeführt, und es hat dies zum Theil seinen Grund darin, dass die Araber in sehr vielen Fällen für einen und denselben Fluss verschiedene Benennungen haben, je nach seiner Quelle, nach seinem mittleren oder unteren Laufe. So hat denn das kleine Flüsschen, welches südwestlich von Fes etwa 20 Kilometer entfernt entspringt, zuerst den Namen Ras-el-ma, ändert aber den Namen, sobald es die Stadt erreicht, in Ued-Fes um; es verbindet sich dieses Flüsschen mit einem stärkeren, aus Südost kommenden Flusse zwischen Neu- und Alt-Fes, und beide durchströmen nun die Stadt ebenfalls unter dem Namen Ued Fes, um später Ued Sebu genannt zu werden. Der grössere Fluss, der von Süd-Süd-Ost in Neu-Fes eindringt, heisst aber oberhalb der Stadt, wie ich auf meiner zweiten Reise in Marokko constatiren konnte, ebenfalls Ued Sebu. Wenn noch andere Namen aufgeführt werden für diese Wässer, als von Renou Oued el Kant'ra (Brückenfluss), von dem Renou glaubt, es sei dies der von Edris genannte Fluss Ued S'enhâdja, oder von Graberg von Hemsö Vad-el-Gieuhari und Vad-Matrusin, oder von Marmol Ouad-el-Djouhour (Perlenfluss), so muss ich gestehen, dass diese Namen mir während meines Aufenthalts in Fes nicht bekannt geworden sind.
Die Stadt präsentirt sich also derart, dass sie fast mit von Norden nach Süden (mit etwas von Nordwest nach Südwest geneigter) gerichteter Achse gelegen ist und aus zwei Städten besteht, Fes-el-bali[79], Alt-Fes, und Fes-el-djedid, Neu-Fes. Beide Städte aber liegen keineswegs dicht neben einander, sondern sind durch eine zwei Kilometer lange Strasse, aufs dichteste von Häusern bestanden, verbunden, so dass es, von oben gesehen, das Aussehen hat wie zwei getrennte Städte, welche communiciren durch eine eng gebaute Strasse. Alt-Fes bildet den nördlichen Theil und ist mit Ausnahme von Süden her von Bergen umschlossen, zum Theil namentlich nach Osten zu an die Bergwand hinaufgebaut, Neu-Fes bildet den südlichen Stadttheil und liegt vollkommen in einer Ebene. Nördlich von Neu-Fes verbinden sich der Sebu und das von Ras-el-ma[80] kommende Wässerchen, um Alt-Fes zu durchfliessen, Alt-Fes wird so in zwei Hälften getheilt, durch sechs steinerne Brücken mit einander verbunden, die westliche Seite ist die kleinere. Beide Städte sind mit 30-40 Fuss hohen Mauern umgeben, welche von etwa 500 zu 500 Schritt mit viereckigen hervorspringenden Thürmen versehen sind. Die Mauern sind an der Basis zwei Meter und mehr dick, verjüngen sich nach oben zu einem Meter, und haben auf der Zinne einen Umgang, geschützt durch eine etwa 5 Fuss hohe und 1-2 Fuss dicke crenelirte Mauer. Die Thürme selbst sind eingerichtet, Geschütze aufnehmen zu können.
[Fußnote 79: Fes-el-bali sollte eigentlich Fes-el-kedim heissen, denn das Wort kedim entspricht genau unserm "alt", während "bali" mehr das "abgenützt" in sich schliesst.]
[Fußnote 80: Ras-el-ma heisst eigentlich weiter nichts als Kopf des Wassers d.h. Quelle.]
Die Mauer von Alt-Fes sowie die Thürme befinden sich in äusserst mangelhalftem Zustande, die von Neu-Fes ist besser erhalten, und ist an manchen Stellen eine doppelte, so namentlich nach Südwesten und Süden zu, wo die äussere Mauer ausserdem 80 Fuss hohe Thürme hat.
Die Mauern sowohl wie die Thürme sind aus einer gegossenen oder vielmehr gestampften Masse aufgeführt, welche zwischen Brettern eingestampft wird und an der Luft, mit Kalk und Cement vermischt, eine grosse Härte erlangt. Die Ecken, Bogen, Seiten der Thore sind indess aus behauenen Steinen hergestellt, denn die Masse, so widerstandsfähig sie im grossen Ganzen auch ist, so leicht zerbröckelt sie doch an den Ecken und Kanten. Aus eben dieser Masse sind auch die meisten grossen Gebäude hergestellt, viele aber auch aus im Feuer gebrannten Ziegeln; gerundete Dachziegel endlich sind das Material, das man zur Bedeckung der Moscheen genommen hat; die Wohnhäuser verlangen solche nicht, da alle platte Dächer haben.
Wenn auf diese Art die Stadt gegen Landesfeinde vollkommen geschützt erscheint—denn so sehr die Mauern auch Verfall drohen, würden sie dennoch Schutz gegen regellose Angriffe gewähren—, so wenig haltbar würde sich Fes einem Angriffe irgend einer europäischen Macht gegenüber zeigen. Selbst die beiden Forts ausserhalb der Stadt tragen nichts zum Schutze gegen einen Angriff von aussen her bei, weil sie selbst von anderen Anhöhen von nächster Nähe aus beherrscht sind. Das eine dieser Forts liegt im Südosten der Stadt auf einer Anhöhe und ist ein mit vier Bastionen versehenes Viereck, offenbar von ehemaligen europäischen Renegaten nach Vauban'schem System recht gut angelegt. Im Westen der Stadt auf der nächsten Anhöhe befindet sich eine Lunette, diese letztere, nach der Stadt zu in ihrer Kehlseite nur durch Pallisaden geschlossen, ist wie das vorhin erwähnte Quadrilatär aus behauenen Steinen erbaut, und beide sind überdies mit tiefen Gräben versehen. Ob diese Steine, welche grosse Quadern aus Sandstein sind, eigens zu diesen Bauten gehauen worden sind oder von alten Römerwerken herstammen, konnte ich nicht erfahren; wäre letzteres der Fall, so wäre das ein Beweis mehr, an der jetzigen Stelle von Fes eine alte Römerniederlassung, vielleicht Volubilis, suchen zu müssen. Keines der beiden Forts hatte Kanonen im Jahr 1861/62, und beide waren auch ohne jede Bewachung.
Die Stadt Fes wird in 18 Quartiere getheilt, von denen zwei auf die Neustadt, die übrigen auf Alt-Fes kommen, davon hat Alt-Fes sieben Thore, inclusive des nach der Neustadt zu führenden, während Neu-Fes nur drei hat, von denen das eine auf Alt-Fes gerichtet ist. Der Länge nach wird die Stadt von einer Strasse durchschnitten, welche hinlänglich breit ist, denn überall können vier oder fünf Menschen neben einander gehen, oft auch noch mehr. Die Gässchen aber, die sich von dieser Hauptstrasse in die verschiedenen Quartiere hinschlängeln, sind äusserst schmal, manchmal so eng, dass zwei sich Begegnende sich an einander vorbeidrücken müssen. Es sind dann zahlreiche Plätze vorhanden, aber kein einziger mit Ausnahme des grossen Platzes in Neu-Fes, der sich vor dem Palaste des Sultans befindet, welcher mehr als 500 Menschen aufnehmen könnte, wenn sie dichtgedrängt bei einander stehen. Hierdurch erlangt die Stadt ein äusserst düsteres Aussehen, was noch dadurch vermehrt wird, dass kein einziges Haus nach der Strassenseite Fenster hat, und fast alle zwei oder drei Stockwerke hoch sind.
Ein grosser Uebelstand ist auch der, dass man gar keine Pflasterung in Fes kennt, man ist im Sommer einem entsetzlichen Staube ausgesetzt und hat im Winter die grösste Mühe, durch den tiefen Schmutz fortzukommen. Gegen diesen haben allerdings die Bewohner eine eigene Art Holzschuhe erfunden mit 2-3 Zoll hohen Absätzen unter dem Hacken und den Fussspitzen, aber oft reichen selbst diese nicht aus. Auch in Tunis, wo ähnliche Verhältnisse während der nassen Jahreszeit sind, hat man diese Holzunterschuhe, die unter dem gewöhnlichen Schuhzeuge befestigt werden, und wie alt ihr Gebrauch ist, geht daraus hervor, dass schon Leo ihrer erwähnt.
Das Innere der Häuser ist oft sehr hübsch eingerichtet, obgleich man natürlich an Möbel, wie sie bei uns in Gebrauch sind, nicht denken muss. Der Marokkaner will gar keinen Fortschritt, so wie seine Väter gelebt haben, will auch er leben, und Neuerungen einführen, ist die grösste Sünde. So sind denn auch alle Einrichtungen so, wie sie vor Hunderten von Jahren gewesen sind. Gelangt man durch eine starke, meist dick mit Eisen beschlagene Thür durch einen umgebogenen Gang[81] in das innere einer Wohnung, so kommt man zuerst auf einen mehr oder weniger grossen nach oben offenen Hofraum, der meist viereckig von Form ist. Bei Reichen und Armen ist dieser Raum gepflastert, oft mit Marmorfliessen (weche [welche] von Spanien und Portugal kommen), meist aber mit Sleadj. Es sind dies kleine Fliesse mit bunt glasirter Farbe, und da sie in allerlei Formen hergestellt werden, sternartig, dreieckig, viereckig etc., so legen die Erbauer die hübschesten Muster damit zusammen. Eine einzelne Sleadj ist nicht grosser als 1-2 Zoll Seitenlänge; man verfertigt sie in Fes selbst. Auch die Zimmerböden sind meist aufs reizendste mit diesen Sleadj ausgelegt.