[Fußnote 81: Ein gerader Gang darf von der Strasse nicht ins Innere des Hauses führen, weil sonst, bliebe ja einmal aus Versehen die Hausthür offen stehen, der Blick eines Fremden in den Hofraum fallen könnte.]

In der Mitte des Haushofes befindet sich ein springender oder jedenfalls fliessender Quell, auch in der ärmsten Wohnung fehlt er nicht. Bei den Reichen befinden sich zu dem Ende meist hübsche Marmorbecken, welche ebenfalls aus Europa bezogen werden, im Hofe. Die Vertheilung des Wassers in der Stadt ist nämlich so ausgezeichnet, dass Canäle weit oberhalb der Stadt von den Flüssen abgeleitet sind, und so auch die höchsten Stadttheile mit reinem Wasser versorgen. In Neu-Fes hat man an einem Canal sogar grosse Räder erbaut, welche, wie in Italien die Bewässerungsräder, mittelst ihrer eigenen vom Wasser bewirkten Umdrehung Wasser auf die Höhe schaffen. Nach Leo sollen diese Wasserräder schon 100 Jahre vor seiner Ankunft in Fes gewesen sein und von einem Genueser herrühren.

Ebenso gut ist für die Abführung der Unreinigkeiten aus den Häusern gesorgt, das lebendige Wasser führt allen Unrath mittelst kleiner unterirdischer Canäle in den Ued Fes[82].

[Fußnote 82: Leo giebt an: es seien über 150 öffentliche Latrinen in Fes, und sämmtliche wurden durch fliessendes Wasser von selbst reingehalten. Ob so viele in Fes sind, kann ich nicht behaupten, jedenfalls wird, da man in allen marokkanischen Städten, auch in den Oasen, öffentliche Latrinen findet, auch wohl in Fes dafür gesorgt sein. Man findet sie übrigens nicht nur mit Moscheen verbunden, sondern häufig auch ganz unabhängig von solchen.]

Die Zimmer der Häuser, von denen sich in der Regel drei oder vier auf den Hofraum öffnen, sind stets sehr lang, sehr hoch, aber auch nie breiter, als dass ein grosser Mensch der Breite nach darin liegen kann. Grosse und hohe Thüren, wie immer mit hufeisenförmigen Bogen führen zu den Zimmern; im Sommer und bei gutem Wetter sind sie offen, im Winter verschlossen, und man gelangt durch eine kleine Thür, eine Art Schlüpfthür (Poterne), welche sich in jeder grossen befindet, ins Zimmer. An beiden Seiten der Thür sind manchmal kleine viereckige, oder auch ogivische stark vergitterte Fenster, Glasscheiben hat man erst in letzter Zeit angefangen einzuführen, Möbel nach unserem Sinne sind nirgends vorbanden. Bei den Reichen findet man Teppiche, Wollmatratzen, feine Matten, und auch die Wände der Zimmer 3-4 Fuss hoch mit hübschen Matten ausgeschlagen; auch manchmal Betten an den Enden der Zimmer auf europäischen Bettstellen, aber diese werden mehr als Luxus, als Schmuck betrachtet, es würde nie Jemandem einfallen, darin zu schlafen.

Die Wände der Zimmer sind weiss ausgekalkt, aber unterhalb des Plafond laufen manchmal Arabesken herum, oft in Form von Koransprüchen.

Die Plafonds der Zimmer sind bunt bemalt, oft azur mit Gold, oft aber auch mit Holzschnitzerei bedeckt oder mit Holzstückchen ausgelegt. In den Wänden sind häufig nischenartige Vertiefungen angebracht, welche als Schränke dienen; ebenso findet man bei der wohlhabenden Classe Holzschränke, oft aus sehr hübschen Holzschnitzwerken gearbeitet, oder mit Perlmutterstückchen, Elfenbein oder Ebenholzstückchen ausgelegt.

Während im Hofe rings um die inneren Wände ein durch steinerne Säulen getragener Bogengang läuft, der zugleich Schatten gegen die senkrechte Sonne gewährt, dient dieser Bogengang für das zweite Stockwerk als Vorplatz, von dem aus man in die Zimmer gelangt; und ist noch ein drittes Stockwerk vorhanden, so gehen die Gallerien ebenfalls höher. Die oberen Zimmer unterscheiden sich in der Anordnung durch nichts von den unteren; ganz oben auf dem platten Dache, welches aus gestampfter und cementirter Erdmasse besteht, befindet sich manchmal noch ein Zimmer, Mensa genannt; hier geben die Frauen vorzugsweise ihre Gesellschaften. Der Zugang nach oben geschieht mittelst Treppen, die immer sehr schmal, und, wenn im Innern des Hauses, niedrig angelegt sind; aber so sehr man darauf sieht, den Raum in Breite und Höhe bei der Treppe zu beschränken, so wenig sieht man darauf, die Absätze selbst kurz zu machen; im Gegentheil, diese sind so hoch, dass manchmal ein ausserordentlicher Kraftaufwand erforderlich wird, um einen Absatz zu ersteigen.

Von aussen werden die Häuser bisweilen durch anstrebende Pfeiler verstärkt oder durch Bogengänge auseinandergehalten; es trägt dies keineswegs dazu bei, die ohnehin schon schmalen Gassen passirbarer zu machen, und wo man ja einmal eine etwas breitere Strasse antrifft, kann man sicher sein, dass die Anwohner dies derart durch Ueberbauen der zweiten und dritten Etage benutzt haben, dass die breiteren Strassen hiedurch fast zu den dunkelsten gemacht sind.

Nachts werden nicht nur die Stadtthore geschlossen, sondern auch die Thore, welche die verschiedenen Quartiere von einander trennen, und da die Quartiere gemeiniglich durch mehrere Strassen mit einander communiciren, so kann man sich denken, wie viele Thore alle Abende verschlossen werden müssen. Man sagt: es sei dies eine Sicherheitsmassregel, und hauptsächlich sei dieselbe gegen Diebe gerichtet. In der That wird dadurch alle Communication Nachts aufgehoben; nach dem l'Ascha (das letzte Gebet) ist es unmöglich, aus seiner Strasse oder seinem Quartier herauszukommen. Während des Chotba-Gebetes am Freitag werden ebenfalls alle Thore abgeschlossen, nicht nur in Fes, sondern in allen Städten Marokko's, ja im ganzen Rharb (die arabischen Geographen rechnen alles Land westlich vom Nil zum Rharb, d.h. dem Westen, alles östlich davon zum Schirg, d.h. dem Osten) herrscht diese Sitte, wie ich später in Rhadames, Tripolis, Bengasi, Tunis und anderen Städten zu erfahren Gelegenheit hatte. Es soll dies deshalb geschehen, weil einer alten Sage zu Folge sich um die Zeit des Chotba- Gebetes die Christen der mohammedanischen Städte bemächtigen würden. Wahrscheinlich ist es aber ein alter Brauch der Regierungen, die sich dann mit ihrer ganzen Macht in den Moscheen befinden und sich so gegen ihr eigenes Volk sichern wollen.