Der gemeine Soldat bekommt sechs Mosonat Löhnung, und muss sich hierfür Alles halten, was bei den billigen Verhältnissen in Marokko auch recht gut angeht, zumal die Kleidung vom Sultan geliefert wird. Die höheren Stellen sind allerdings nicht besonders bezahlt, so bekommt ein Agha, Bataillonschef, nur ein Metcal täglich (= 40 Mosonat oder etwa = 2 Francs). Da diese aber ausser den Pferderationen Korn, Aecker und Vieh vom Sultan bekommen, überdies die Gelder der beurlaubten Soldaten zum grössten Theil in ihre Tasche fliessen, so stehen sie sich nicht schlecht. Denn von 1000 Mann, die ein Agha commandirt, sind höchstens 800 zur Stelle, die 200 fehlenden werden aber geführt, und der Sold davon täglich vom "Amin el Lascari," d.h. dem Zahlmeister, bezogen.
Man kann sich einen Begriff von dieser regelmässigen Armee, welche aus den grössten Taugenichtsen des ganzen Reiches zusammengesetzt ist, machen, wenn ich einige kurze Personalnotizen der Befehlshaber, mit denen ich bekannt wurde, hier gebe.
Der Agha des einen Bataillons war ehedem ein Verkäufer von roher Seide und Seidengarn in Fes, Namens Hadj-Asus, er verdankte seine Stellung bloss dem Umstande, dass er Hadj, d.h. Pilger nach Mekka war. Marokko, welches so weit von Mekka entfernt liegt, hat verhältnissmässig nur wenig Pilger aufzuweisen, und obgleich die Dampfer jetzt die frommen Gläubigen auf erstaunlich billige Weise von Tanger nach Alexandria und von da nach Djedda schaffen, so hat dadurch keineswegs die Zahl der Pilger zugenommen, weil eine Dampfschifffahrt nicht als so verdienstlich angesehen wird[85] wie eine Pilgerfahrt zu Fusse. Und die grosse Landpilgerkarawane, welche früher jährlich von Fes, Maraksch und Tafilet abging, hat für die ersten beiden Orte zu existiren aufgehört.
[Fußnote 85: Eine Dampfwallfahrt bei den Christen wird ebenfalls bedeutend geringer angerechnet, als wenn man den Wallfahrtsort auf Erbsen rutschend erreicht, wir dürfen uns also keineswegs hierin über die Mohammedaner wundern oder gar lustig machen.]
Der zweite Agha, ein gewisser Si-Hammuda, geborener Algeriner, hat sich dadurch seine Stellung erworben, weil er ein französischer Proscribirter ist; seinem Stande nach schwang er, ehe der Sultan das Schwert ihm in die Hand gab, die Elle. Der dritte Agha, ein gewisser Si-Mohammed-Chodja, ein geborener Tunesier, weiss wohl selbst nicht, wie er zum Militärstande gekommen ist, er ist von Haus aus Thaleb, d.h. Schriftgelehrter. Der vierte und letzte Agha ist ein gewisser Ben-Kadur; von Haus aus Kaid einer Bergtribe, sind diesem letzteren wenigstens nicht kriegerische Eigenschaften abzusprechen, aber vom eigentlichen europäischen Militärwesen hat er ebensowenig einen Begriff wie die übrigen. Ich könnte, da ich Gelegenheit hatte, alle Kaids kennen zu lernen, so fortfahren, aber dies wird genügen.
Indess sei noch erwähnt, dass zwei wirkliche französische Officiere, Eingeborne der Tirailleurs indigènes, es nie weiter bringen konnten als zum Lieutenant, weil sie im Verdachte standen Christen zu sein, während ein anderer, ein "Sussi", Herumstreicher (Eingeborne aus der Provinz Sus), gleich zum Hauptmann oder Kaid ernannt wurde. Da diese Ernennung während meiner Anwesenheit in Fes erfolgte, so kann ich hier anführen, dass sie aus dem Grunde geschah, weil dieser "Sussi" vor den Augen des Sultans in Seiltänzerkunststücken sich ausgezeichnet hatte. Er hatte ehedem einer Gesellschaft angehört, wie sie häufig aus dem Sus kommen, und mit dieser nicht nur die ganze mohammedanische Welt, sondern auch ganz Europa durchzogen; so behauptete er auch in Deutschland gewesen zu sein, und da er mir mehrere Städte Deutschlands mit Namen nennen konnte, musste ich es wohl glauben, denn welcher andere Marokkaner hätte eine deutsche Stadt namentlich gekannt; das geographische Wissen der grössten marokkanischen Gelehrten, soweit es Europa betrifft, beschränkt sich auf Baris (Paris), Lundres (London), Manta (Malta), Blad Andalus (Spanien), Bortugan (Portugal), Musgu (Russland), Nemsa (Deutschland) und Stambul (Konstantinopel). Kann ein Thaleb oder Faki der Reihe nach diese Namen auskramen, so glaubt er wenigstens ein Humboldt oder Ritter zu sein.
Manövrirt wird denn auch nie mit dieser oben geschilderten "regelmässigen" Truppe, und die Exercitien beschränken sich auf Parademärsche, auf ssalam dur (präsentirt das Gewehr) und einige andere Griffe. Ein grosser Uebelstand ist, dass die meisten Soldaten verheirathet sind und Kinder haben, viele auch Sklaven besitzen, kurz man kann sagen, dass der Sultan mit seiner bunt nach aller Herren Länder Art uniformirten Truppe sich keineswegs eine regelmässige Armee oder nur den Kern dazu geschaffen hat. Aber die seit Jahrhunderten bestehende Unfehlbarkeit des Sultans hat dazu geführt, dass diese Persönlichkeiten anfangen sich selbst für unfehlbar zu halten, und der Sultan glaubt in der That mit der Ernennung irgend eines Menschen zum Bataillonschef wirklich dadurch einen tüchtigen Chef gemacht zu haben.
Besser ist die Cavallerie organisirt (nach Sir Drummond Hay 16000 Mann stark), weil sie auf einheimische Verhältnisse basirt ist. Die Cavalleristen bekommen zwei Mosonat täglich mehr, als die Infanteristen, haben aber dafür ihre Pferde zu unterhalten. Sie sind eingetheilt in kleine Truppen von 50-60 Pferden, welche einem Kaid untergeben sind. Das Commando ist hier arabisch. Der Cavallerist hat eine lange Steinschlossflinte und einen ziemlich geraden Säbel als Bewaffnung; wer sich selbst 1 oder 2 Pistolen anschafft, glaubt dann aufs vollkommenste ausgerüstet zu sein. Der Säbel wird an einer seidenen oder baumwollenen Schnur von der rechten Schulter zur linken Seite herabhängend getragen. Die Sättel sind jene mit hohen Lehnen nach hinten, mit hohem Knaufe nach vorne versehenen und allgemein unter Arabern und Berbern gebräuchlichen. Von Exercitien und Manövern ist bei der Cavallerie noch weniger die Rede, die ganze Kunst des Cavalleristen beschränkt sich darauf, im schnellsten Laufe das Pferd fortzureiten und während des Rittes die Flinte abzufeuern. Da die grossen Steigbügel sehr kurz hängen und so eingerichtet sind, dass der ganze Fuss darin Platz hat, so stehen beim schnellen Reiten meistens die Cavalleristen. Auf diese Art wird auch der Angriff gemacht, man saust mit Windeseile heran, schiesst ohne zu zielen das Gewehr ab, und das dann von selbst wendende Pferd trägt den Angreifer zurück. Die Cavallerie hat nur Hengste.
Seit dem Kriege mit Spanien hat der Sultan von Marokko auch Feldartillerie angeschafft, aber eben so unglücklich berathen wie in Beschaffung seiner Uniformstücke, hat er wohl kein einziges Geschütz, welches dem andern gleich wäre. Die Artilleristen, welche diese Kanonen zu bedienen haben, sind fast alle spanische Renegaten; auch einen Franzosen fand ich dort, der Hauptmann war, und einen Deutschen, der in der Heimath Maurergeselle gewesen, die Kelle mit der Kanone vertauscht und von Sidi Mohammed, dem Hakem el mumenin (Beherrscher der Gläubigen), dem er verschiedene Arbeiten in seinem Palais aufgemauert hatte, zum Kaid el Tobdjieh, d.h. zum Artillerie-Hauptmann war ernannt worden. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, dass alle diese Renegaten dort verheirathet sind, mithin factisch und für immer sich zu marokkanischen Bürgern erklärt haben. Einem einzigen Europäer gelang es jedoch, sich eine achtenswerthe Stellung in Marokko zu erringen. Freilich war auch dieser nur zum Schein Mohammedaner geworden, und, zugleich mit mir die Hauptstadt Fes betretend, hat er jetzt seit langem Marokko den Rücken gekehrt. Es ist dies der Spanier Joachim Gatell, der in Marokko den Namen Ismael angenommen hatte. Da in seiner Beschreibung "L'ouad Noun et el Tekna" eine interessante Schilderung des marokkanischen Kriegslebens enthalten ist, so lasse ich sie hier übersetzt aus den Bulletins de la Société de Geographie de Paris folgen.
Auf der 279. Seite erzählt Gatell: "Im Jahr 1861 war so eben der Krieg zwischen Spanien und Marokko beendet. Die Erzählungen, welche man zu der Zeit vom marokkanischen Volke machte, von den Sitten, vom Muthe, den barbarischen Gebräuchen, dem Fanatismus der Bewohner, erregten in mir die Idee in das Innere des Landes einzudringen, trotz der Fährlichkeiten, denen ich dabei ausgesetzt sein konnte. Ich reiste also nach Fes ab, wo sich der Hof befand, und, um besser meine Absicht zu erreichen, trat ich in die regelmässige Armee des Sultans. Obschon ich nur äusserst wenig vom Waffenhandwerk verstand, wurde ich gleich zum Officier befördert." Nach einer Schilderung der Campagne gegen die Beni Hassen, wobei Gatell zum Chef der "Garde-Artillerie" des Sultans ernannt wurde, fährt er fort die Expedition gegen die Rhamena zu schildern: "Wir hatten 29 Stück, einen Mörser eingeschlossen; aus den Magazinen von Arbat nahmen wir 55 Centner Pulver in Fässern, und ausserdem eine Menge fertiger Munition in Kisten mit, und fingen so an die Aufständischen zu verfolgen.[">[ Ein Theil der Seragua-Kabylen vereinigte sich so eben mit den Rhamena, nichts desto weniger ging auch jetzt die kaiserliche Armee mit marokkanischer Würde und Langsamkeit vorwärts: es schien, als wenn wir einen Spaziergang im Sonnenschein zu machen, keineswegs aber den Feind anzugreifen hätten. Die Hauptstadt war bedroht, aber um eine solche Kleinigkeit kümmern sich dort die Leute nicht. "—Wir werden zeitig genug ankommen, und wenn nicht, so ist es Gottes Wille. Die marokkanische Majestät darf nie Eile zeigen, oder auch nur den Anschein haben sich zu sehr um den Gang der Ereignisse zu kümmern." Gatell erzählt sodann, wie man nicht den Bewohnern den Krieg machte, sondern den Getreidefeldern, welche angezündet wurden, und als sie endlich vier Stunden von Marokko im Angesichte der Rhamena waren, die Aufständischen auseinandergesprengt wurden; hiebei feuerte die Artillerie 15 Schüsse ab und warf 8 Bomben.