Was die sogenannte schwarze Garde des Sultans von Marokko anbetrifft, die "Buchari," die unter den früheren Kaisern, namentlich unter Mulei Ismael eine so grosse Rolle spielte, so ist dieselbe heute sehr zusammengeschmolzen; kaum einige hundert Mann stark, dient sie jetzt nur zu Prunkaufzügen, und scheint gegen den Feind nicht mehr verwendet zu werden, wenigstens nahmen die Buchari am Kriege gegen Spanien keinen Antheil. Dem ganzen Heere steht ein Schwarzer, Namens Abd-Allah, als Kriegsminister vor, er hat das Verdienst ehemals als Sklave mit dem jetzigen Sultan auferzogen worden zu sein. Unter ihm stehen verschiedene "Amin," welche für die geldlichen und sonstigen Angelegenheiten der Armee zu sorgen haben. Nach diesem Besuche bei der Armee wenden wir uns wieder zur Stadt Fes zurück.
Von den übrigen erwähnenswerthen Gebäuden haben wir nur zwei Moscheen zu nennen. Es ist dies zunächst die Djemma Karubin (die den Cherubim gewidmete Moschee). Diese Moschee ist wohl die grösste in ganz Nordafrika. Die Bewohner Fes' behaupten, sie ruhe auf mehr als 360 Säulen, ja Einige sprachen von 800; ich konnte mich natürlich nicht daran machen sie zu zählen, aber wenn man von dem Hofe der Moschee ins Innere sieht, glaubt man einen Wald von Säulen vor sich zu haben. Wenn man der Beschreibung von Leo trauen darf, so hat die Djemma 31 grosse Thore, das Dach ruht auf 38 Bogen der Länge und 20 Bogen der Breite nach; es würde dies schon über 900 Säulen ergeben. Ali Bey giebt 300 Säulen an.
Die Moschee Karubin liegt ziemlich im Mittelpunkt von Alt-Fes, und ist wie fast alle Moscheen derart gebaut, dass sie aus einem grossen, von hohen Mauern und Arkaden umgebenen Hofraum und aus einem bedeckten Theile besteht, der eigentlichen Moschee. Ganz aus überkalkten Ziegeln erbaut, ist das Dach, oder vielmehr sind die Dachreihen ebenfalls mit Ziegeln à cheval gedeckt, und nicht glatt. Das ziemlich hohe Minerat ist, wie überall in Marokko, äusserst plump und vierseitig aufgeführt. Im Hofe des Gebäudes springen aus zwei reizenden und grossartigen Marmorfontainen Wasserstrahlen, überhaupt sind die Wasseranlagen, die kleinen Häuschen, worin die vor dem Gebete nothwendigen Ablutionen verrichtet werden, ausgezeichnet und zahlreich.
Der verdeckte Theil der Moschee hat wie alle diese Gebäude vollkommen nackte gegypste Wände, der ganze Fussboden ist aber zum Theil mit kostbaren Teppichen, und überall wenigstens mit feinen Matten belegt. Auch an den Wänden und um die Säulen ziehen sich halbmannshoch hübsche Strohmatten hinauf. Wie in allen Moscheen des Rharb ist an und in der östlichen Wand die Nische, welche die Gebetsrichtung "Kibla" angiebt. Gleich links davon ist eine Treppe, von welcher herab Freitags das Chotba-Gebet abgelesen wird. Der erste Priester der Moschee tritt nach einem kurzen Gebet, mit einem langen Stock in der rechten Hand versehen, auf die dritte Stufe (die Treppe enthält fünf oder sechs Stufen), und liest dann mit einförmiger Stimme das Freitagsgebet ab, der Schluss ist immer von einem Gebete für den jemaligen Regenten begleitet; im ganzen Rharb, d.h. Marokko, und auch in den südalgerischen Ortschaften bezieht sich das Gebet auf Mohammed-ben-Abd- er-Rhaman, im Osten aber, incl. Tunis und Aegypten, auf Abd-ul-Asis-Chan. Ob die Mohammedaner in Algerien, wie früher für den Türkensultan, heute noch für denselben Fürsten den Segen herabflehen, oder für den jemaligen französischen Regenten, kann ich nicht sagen.
Die Moschee Karubin hat das Eigenthümliche, dass mehrere Mimber oder Gebetstreppen vorhanden sind. Freitags zum Chotba-Gebet wird allerdings nur die eine links von der Gebetsnische befindliche benutzt, aber die übrigen dienen als Lehrstühle, von denen aus zu sonstiger Zeit den Gläubigen gepredigt und gelehrt wird. Wenn aber Ali Bey meint, nur die Karubin, habe den Vorzug eine besondere Abtheilung für Frauen zu haben, und es sei dies zu verwundern, weil Mohammed den Frauen im Paradiese keinen Platz zuerkannt habe, so kann ich entgegnen, dass die Frauen in allen Moscheen Zutritt haben. Für gewöhnlich gehen die mohammedanischen Frauen allerdings Behuf des Gebetes nicht in die Moschee, keineswegs aber ist den Frauen die Moschee verboten, ebensowenig wie den Frauen das Mekka-Pilgern verboten ist. Es ist ein Irrthum zu glauben Mohammed habe den Frauen das Paradies verschlossen, in der 17. Sure heisst es wörtlich[86]: "die in Geduld ausharren, werden wir mit herrlichem Lohn ihr Thun belohnen. Wer rechtschaffen handelt, sei es Mann oder Frau, und sonst gläubig ist, wollen wir ein glückliches Leben geben, und ausserdem noch mit herrlichem Lohn sein Thun vergelten." Und an vielen anderen Stellen im Koran, namentlich noch in der 13. Sure erwähnt Mohammed der Frauen als Theilnehmer der zukünftigen Paradiesesfreuden.
[Fußnote 86: Uebersetzung des Koran von Dr. Ullmann, Bielefeld, 1867.]
Was die Architektur der grossen Karubin anbetrifft, so ist dieselbe keineswegs eine schöne zu nennen. Zumal von aussen, wo dies grosse Gebäude eingepfercht zwischen Buden und Häusern sich befindet, nimmt es sich höchst unvortheilhaft aus, überdies lassen sich immer nur einzelne Partien, da wo Thore sind, überblicken. Aber selbst wenn die Karubin frei stände, würde sie sehr unharmonisch aussehen, da die einzelnen Theile in gar keinem Verhältniss zum Ganzen stehen. Die Höhe der Moschee, die Höhe der Säulen, etwa 20 Fuss hoch, ist viel zu gering zur kolossalen Baute, um einen guten Anblick zu gewähren. Der Hof würde einen vorteilhaften Eindruck machen, erhöht durch die beiden herrlich skulptirten Marmorfontainen (diese sind nach den Aussagen der Bewohner von Fes von europäischen Renegaten gemeisselt), wenn nicht hier dieselben Missverhältnisse zu Tage träten. Dazu kommt noch, dass der Mohammedaner, und namentlich der Araber, der geschworenste Feind von Symmetrie ist. Hier stehen zwei Säulen 8 Fuss, dort 7 Fuss auseinander, hier ist eine Säule 21 Fuss hoch, dort 20 oder 22 Fuss. Hier ist eine einfache, dort eine Doppelsäule, hier hat eine Säule, dort keine ein Capitäl. Dazu sieht das Ganze so gedrückt aus, als wenn Alles halb in den Boden hinein versunken wäre.
Es ist in keiner Zeichnung bis heute den Arabern gelungen etwas Symmetrisches zu schaffen, und im Grossen wie im Kleinen, in der Baukunst, in der Weberei, in ihren Arabesken, in ihren Holzschnitzereien, in ihrer Plafondirung, in ihrer Parquetirung, überall tritt uns die Unregelmässigkeit störend entgegen. Es giebt keinen einzigen von Arabern gewebten Teppich, dessen Muster so wie es angefangen zu Ende geführt ist, es giebt kein Zelt, welches aus gleichmässig gewebten Stücken vollendet ist, ein arabischer Haik (d.h. Tuch) hat sicher, falls an der einen Seite 3 Streifen als Einfassung sind, an der anderen 2 oder 4, es giebt keine Thür, die eine vollkommen durchgeführte Holzschnitzerei aufzuweisen hätte, und es giebt keinen einzigen Bau, der einen vollkommen durchgeführten Plan erkennen liesse. Ich kann, nicht umhin hier anzuführen, dass wir da, wo die Araber allein gebaut haben, nirgends ein vollkommen schönes Product der sogenannten maurischen Architektur vorfinden. An der ganzen Nordküste von Afrika finden wir nirgends eine Baute, die sich durch vollkommene Schönheit auszeichnete, in ihrem eigenen Vaterlande noch weniger. Aus den Abbildungen von Niebuhr ersehen wir, dass die Moscheen von Mekka und Medina plumpe, rohe Gebäude sind. Vollkommen schöne maurische Gebäude finden wir nur da, wo die Araber mit Christen untermischt sesshaft waren: in Spanien und Syrien. Möglicherweise mögen christliche Architekten, christliche Handwerker und Sklaven mehr ihre Hand dabei im Spiele gehabt haben, als wir heute wissen. Es könnte nach vier- oder fünfhundert Jahren mit den Prachtbauten, die von Mohammed Ali Pascha bis auf Ismael Pascha in Aegypten errichtet werden, ebenso ergehen, d.h. kämen unsere Nachkommen nach einer solchen Spanne Zeit nach Aegypten, so würden sie sagen, dass die Aegypter unserer Tage es wohl verstanden hätten, in der maurischen Architektur Prachtbauten zu errichten. Heute aber haben wir glücklicherweise feste und tägliche geschichtliche Aufzeichnungen, wir wissen, dass die Moscheen und Paläste in Aegypten, die in diesem Jahrhundert dort erbaut wurden, nicht von Arabern oder Aegyptern herrühren, sondern von europäischen Architekten und Handwerkern errichtet worden sind; ich nenne unter ersteren bloss Hrn. Franz von Darmstadt und den verewigten v. Diebitsch von Berlin.
Mit der Karubin ist ein Gebäude verbunden, welches die ziemlich bedeutende Bibliothek, natürlich nur aus Manuscripten zusammengesetzt, enthält; nach einer oberflächlichen Schätzung, die ich machte, sind wenigstens fünftausend Bände vorhanden. Der ganze Bücherschatz befindet sich übrigens in einem sehr verwahrlosten Zustande, und es ist ein Wunder, dass Staub und Motten nicht schon grössere Verwüstungen angerichtet haben. Es ist ziemlich leicht Bücher von der Bibliothek zum Lesen zu bekommen, auch ist es gestattet Abschriften zu nehmen (natürlich nur den Gläubigen), es ist aber streng untersagt, irgendwie ein Buch zu entlehnen, um es mit nach Hause zu nehmen, und da die dortigen Bibliotheken mit unseren Einrichtungen, Katalogen, Scheinen und dergleichen nicht bekannt sind, ist diese Massregel sehr nothwendig.
Es wird heutzutage noch immer in der Karubin gelehrt, obgleich von der einst so berühmten Schule nur noch ein schwacher Schatten übrig ist. Man legt den Koran aus, d.h. disputirt über äussere Kleinigkeiten, denn am eigentlichen Dogma darf nicht gerüttelt werden; wer nur im Geringsten zweifelte an irgend einem Glaubenssatze, würde gleich als Ketzer beschuldigt werden, würde des Abfalls vom Islam geziehen werden, und da in Marokko noch wie ehedem bei uns für dergleichen Zweifler die Todesstrafe blüht, so hütet sich wohl Jeder irgendwie an einem Worte des Buches, welches vom Himmel herabgekommen ist, zu rütteln. Dagegen hört man die gelehrtesten Erklärungen über Formen und Aeusserlichkeiten, z.B. ob Mohammed am Feste nach dem ersten Ramadhan ein schwarzes oder weisses Lamm geopfert habe, wie gross die Hölle sei, ob im Paradiese auch die und die Speise würde verabreicht werden, und dergleichen Albernheiten mehr. Es werden sodann die vier Species gelehrt, aber nur auf nothdürftige Art und Weise; ich bemerke hiebei, dass der Marokkaner, mit Ausnahme der Addition, bei dem Abziehen, Vervielfältigen und Theilen ganz andere Verfahren in Anwendung bringt, als wie wir sie in unseren Schulen zu erlernen pflegen. Auch geographischer Unterricht wird ertheilt, oder soll vielmehr gelehrt werden, denn in einem Lande, wo man von Erdbeschreibung so wenig Kenntniss hat, dass man die Vorstellung hegt, Portugal sei grösser als Frankreich, sieht es gewiss traurig mit der Kenntniss der Erde aus. So glauben denn auch die Marokkaner, dass ihr Land das grösste und ihr Volk das erste und mächtigste der Welt sei.