Auch Astronomie wird getrieben, aber nur in Verbindung mit Astrologie. Einige der gelehrten Marokkaner stehen auf dem Ptolemäischen Standpunkte, sie haben eine Idee von den grossen Planeten; dass die Erde sich um die Sonne dreht, darf übrigens nicht gelehrt werden, wenn man sich überhaupt zu einer solchen Vorstellung emporschwingen könnnte [könnte], es steht das im Widerspruch mit dem Koran. Es giebt sodann Geschichtslehre und im ganzen kann man dieser Lehrabtheilung noch den grössten Beifall zollen. Ich hörte interessante Vorlesungen derart mit an, welche die Geschichte der Araber im Bled Andalus (Spanien) zum Gegenstand hatten. Endlich ist eine Abtheilung für Djerumia, d.h. arabische Grammatik vorhanden, die aber auch aus dem Gewöhnlichen nicht herauskommt.
Alle diese Fächer werden in der Karubin selbst gelehrt, so dass man hier zu jeder Tageszeit auf Lehrer und Schüler stösst. Die Lehrer sind aus dem Fonds der Moschee besoldet und zum Theil die Schüler auch, alle haben wenigstens freies Logis und freie Kost. Die Karubin wird für eine der reichsten Moscheen gehalten, ein Drittel der Läden oder Gewölbe in Fes gehören ihr zu, die Aecker und Gärten sind zahlreich, und wenn manchmal auch die früheren Machthaber von Fes sich aller Einkünfte der Moschee und ihrer Güter bemächtigten, so machten dafür andere dies doppelt wieder gut. Die mohammedanische Geistlichkeit hat ebenso gut einsehen gelernt wie andere, dass die Macht der Geistlichkeit auf Geld und Grundbesitz beruhe, und, eigenthümlich genug, obschon auch Mohammed lehrt wie Jesus Christus, "ihr sollt kein Gold und Silber in euren Taschen tragen," "ihr sollt dem Mammon nicht dienen," sehen wir, dass die mohammedanische Geistlichkeit nicht weniger darauf bedacht ist Schätze anzusammeln, um zu Macht zu kommen, als die aller anderen Religionen.
Wie reich die Karubin schon zur Zeit Leo's war, geht aus seiner Beschreibung hervor: "die tägliche Einnahme macht 200 Ducaten [87] aus, in der Nacht zündet man 900 Lampen an, ausserdem giebt es grosse Leuchter, von denen jeder Platz für 1500 Lampen hat etc." Jene grossen Leuchter müssen wohl im Laufe der Zeit verschwunden sein; aus christlichen Glocken, wie Leo erzählt, geschmolzen, dienten sie einem Sultan vielleicht später dazu, in Kanonen umgegossen zu werden. Die zahlreichen übrigen Oellämpchen und grossen Krsytallkronleuchter [Krystallkronleuchter] sind aber noch vorhanden. In einem anstossenden Zimmer befinden sich noch verschiedene grosse Uhren, Compasse, Magnete u. dergl., ohne dass ich eigentlich wüsste, dass man sich dieser Sachen bediene.
[Fußnote 87: "Ducaten" in der deutschen Uebersetzung Leo's von Lorsbach, ist wohl dahin zu verstehen, dass Ducaten = einem Metkal, also ungefähr = 1 Fr. 25 C. ist, aber immerhin würde die tägliche Summe 250 Fr. für damalige Zeit eine grosse Summe sein.]
Die andere Moschee, welche wegen ihrer eigenthümlichen Bauart einerseits, dann wegen ihrer Berühmtheit als Asyl zu nennen ist, ist die, welche den Namen und die irdischen Reste des Gründers der Stadt trägt, die Djemma el Mulei Edris. Sie ist dicht bei der vorigen gelegen, nur durch eine schmale Gasse davon getrennt. Sie zeigt sich eigentlich auch nur von dieser Gasse, Bab es ssinsla[88], Kettenthor genannt, mit einem grossartigen und hübschen Portale in Hufeisenform, alle anderen Seiten sind ummauert. Die Mulei Edris Moschee unterscheidet sich dadurch von allen übrigen kirchlichen Gebäuden Marokko's, dass sie keinen Hof hat, denn eine kleine Arkadenreihe ist offenbar erst später angelegt. Es deutet dies auf das hohe Alterthum des Gebäudes hin, wobei man die Nachahmung des christlichen Tempels noch wahrnehmen kann.
[Fußnote 88: Bab es ssinssla oder ssilsla = Kette, weil sie mit einer eisernen Kette querüber abgeschlossen ist, jedoch so dass man zu Fusse an beiden Seiten vorbeigehen kann. Aber hier in dieser heiligen Strasse, bei dem Portale Mulei Edris' vorbei, darf kein Jude (Christen kommen ja ohnedies nicht nach Fes) sich zu zeigen wagen, Tod oder sein Uebertritt zum Islam würde unmittelbare Folge einer Ueberschreitung des Verbotes sein. Aber auch Gläubige dürfen in dieser Strasse nicht rauchen oder sich dem Opium- und Haschisch-Genusse hingeben.]
Das Hauptgebäude, welches auf einen kleinen von Arkaden eingeschlossenen Vorhof folgt, besteht in einem einzigen nach Osten gerichteten Schiffe; fast viereckig von Form, ohne Säulen wird das Ganze von einem sehr hohen achteckigen Dache bedeckt, welches inwendig aus Holzskulpturen besteht, dessen äussere Seite jedoch Ziegel zeigt. Diese Dachziegeln sind bei allen monumentalen Gebäuden immer selber Art und auf selbe Art gelegt, wie in Italien und Spanien. Dicht bei der Kibla-Nische befindet sich das prächtige Grabmal Mulei Edris', dessen kostbare Tuchdecken alle Jahre erneuert werden. Das Innere der Moschee enthält ausserdem viel Gold und Silber, Geräthe, Offranden, was eigentlich gegen die Satzungen des Koran streitet. Auch an der Aussenwand der Djemma el Mulei Edris befindet sich eine silberne Tafel mit massiv goldenen und erhabenen Buchstaben, welche eine Legende der Erbauung der Moschee enthält. Diese Tafel ist, um der Witterung vollkommen widerstehen zu können, unter Glas.
Die Moschee, welche Asyl ist, d.h. wo geflüchtete Verbrecher vor der Verfolgung weltlicher Gerechtigkeit sicher sind, ist ausserdem Sauya. Freilich ist mit dieser Sauya kein religiöser Orden verbunden, der eigentliche religiöse Orden Mulei Edris befindet sich in Uesan, aber sonst hat sie nicht nur Einrichtungen, um Pilger zu beherbergen und zu bewirthen, sondern auch eine grossartige Schule ist damit verbunden.
Alle übrigen Moscheen von Fes, obschon noch sehr grosse vorhanden, so namentlich eine von Mulei Sliman in Neu-Fes errichtete, sind gegen diese beiden gehalten kaum der Beschreibung werth. Es befinden sich im ganzen jetzt in Fes eilf Moscheen, in welchen Freitags das Chotba-Gebet gehalten wird, welchen man also gewissermassen den Rang unserer christlichen Pfarrkirchen zuerkennen könnte. Im übrigen giebt es aber noch eine sehr grosse Anzahl Moscheen, manche grösser an Umfang als jene, worin Chotba gelesen werden, obschon die Zahl von 700, welche Leo anführt, heute nicht mehr existirt und auch wohl zu seiner Zeit übertrieben war.
Ebenso existiren heute nicht jene zwei Collegien für Studenten, von denen Leo so grossartige Berichte giebt; ausser den Lehrstühlen an der Karubin hat Fes nur niedrige Schulen, Medressa, worin den Schülern nothdürftig und mechanisch lesen und schreiben gelehrt wird. Solcher Schulen giebt es eine grosse Anzahl, vielleicht über hundert.