Es würde zu weit führen, wollten wir alle Handwerke, Industrien, Manufacturen und Handelszweige einzeln aufführen. Es genügt, wenn wir hier vorzugsweise das nennen, wodurch Fes heut excellirt, und wenn wir hervorheben, dass selbst heute Fes noch immer den ersten Rang unter allen Handelsstädten vom ganzen Rharb einnimmt.

Um letzteres zu erhärten, führe ich nur an, dass mir während meines Aufenthaltes in Fes manchmal Facturen gezeigt wurden, von französischen, englischen oder spanischen Handlungshäusern herstammend, die sich auf 50,000 Frcs. beliefen. Man kann in der That also wohl behaupten, dass Fes auch Engros-Handel besitzt, wie es denn wirklich vornehme Kaufleute genug dort giebt, welche mit Marseille, Gibraltar, Cadix oder Lissabon Auseinandersetzungen haben, welche die eben angeführte Summe jährlich noch übersteigen. Es versteht sich von selbst, dass dieser Handel meist durch Vermittlung abgeschlossen wird; aber auch oft genug kommt es vor, dass ein Fessi auf der Pilgerfahrt nach Mekka Station in Marseille macht, dass er in Gibraltar längeren Aufenthalt hat, ja ich lernte Kaufleute in Fes kennen, die direct, bloss um Waaren zu kaufen oder um Handelsbeziehungen anzuknüpfen, eine Reise nach Cadix oder Lissabon unternommen hatten.

Alle diejenigen, welche in den berberischen Staaten gewesen sind, welche sich in den leichter zugänglichen Städten Bengasi, Tripolis, Sfax, Tunis und anderen Orten aufgehalten haben, wissen, wie gross das Vertrauen europäischer Kaufleute ist; den Eingebornen werden oft Waaren von sehr bedeutendem Werth auf Credit verabfolgt. Man borgt selbst Kaufleuten aus dem fernen Innern, wo jede Reclamation, falls man betrogen würde, unmöglich wäre. Und doch kommt es sehr selten vor, dass irgend Jemand sich eines Betrugs schuldig macht. Von Timbuctu, Kano, Bornu, Mursuk und Rhadames sehen wir Kaufleute auf Credit in Tunis, Tripolis oder Kairo Waaren entnehmen; sie ziehen damit in ihre Heimath, jahrelang bleiben sie manchmal verschollen, aber nachdem sie ihre Waaren verkauft haben, laufen immer Gegenwaaren oder Gelder ein, und der europäische Kaufmann wird befriedigt.

So machen es die Fessi auch; die Waaren, welche sie sich en gros von Europa holen, bestehen vorzugsweise in roher und verarbeiteter Seide, in Baumwollenstoffen, Tuchen, Papier, Waffen, d.h. langen Flinten und Säbeln, Pulver, Thee, Zucker, Droguen und Gewürzen. Es giebt überhaupt jetzt fast keinen Artikel, den man in Fes nicht fände.

Die Engros-Händler haben ihre Waaren bei sich im Hause, die meisten aber haben zugleich ein Hanut, d.h. ein Verkaufsgewölbe, wo sie entweder selbst verkaufen oder verkaufen lassen. Der Punkt, wo der Haupthandelssitz ist, heisst die Kessaria; derselbe liegt im Centrum von Alt-Fes, dicht bei der Karubin- und Mulei-Edris-Moschee, die zum Theil von der Kessaria umgeben sind.

Leo will das Wort Kessaria vom lateinischen Caesar ableiten; zur Zeit der römischen Herrschaft hätten in den mauritanischen Städten einige ummauerte Centren bestanden, damit die kaiserlichen Beamten hier ihre Zolle erhöben, und wo zu gleicher Zeit dann die innewohnenden Kaufleute die Verpflichtung gehabt hätten, mit ihren eigenen Gütern das Eigenthum der kaiserlichen Regierung zu beschützen. Man findet übrigens den Ausdruck Kessaria als Marktplatz in allen Städten Nordafrika's.

In dieser Kessaria finden wir alle feineren und vorzugsweise die von Europa kommenden Waaren. Die Kessaria besteht aus einem grossen Complex von nicht für Thiere zugänglichen Strassen, zum Theil durch Häuser, zum Theil aber auch nur durch Gewölbe gebildet. Alle Strassen sind überdacht. Wir haben hier Gänge mit Buden wo Specereien, andere wo Essenzen, andere wo Thee und Zucker[89], andere wo Porzellan, d.h. vorzugsweise Vasen, Gläser, Tassen und Teller, andere wo Tuche, andere wo Seidenstoffe, andere wo Lederwaaren verkauft werden. Auch Uhrläden, zwei oder drei, ja sogar eine Pharmacie ist vorhanden, wenn man so eine Ansammlung fast aller Medicamente, worunter auch Chinin, Tartarus stib. und Ipecacuanha, nennen kann. Ein gewisser Djaffar hat sich diese Medicamente von Lissabon geholt, und ein Verzeichniss in portugiesischer Sprache zeigt zugleich die zu gebende Dose an und die Krankheit, wogegen die Medicin gegeben wird.

[Fußnote 89: Thee und Zucker wird in ganz Marokko als eine zusammenhängende Waare verkauft, wenigstens hält es sehr schwer Thee allein zu bekommen. Auf ein halbes Pfund Thee werden fünf Pfund Zucker gerechnet. Der Thee selbst, von Engländern importirt, ist von der grünen Sorte und schlechter Qualität.]

Tritt man aus der Kessaria heraus, so kommt man ins eigentliche industrielle Leben hinein. Hier eine lange Reihe von Buden, wo gelbe, rothe und buntfarbige Pantoffel verarbeitet werden, dort dicht dabei Gerber, welche das buntgefärbte weiche Corduan, Marocain- und Saffian-Leder verkaufen. Zeigt schon der Name an, dass zuerst die Kunst, das Schaf- und Ziegenleder zu jener schönen Weiche, mit der grössten Zähigkeit verbunden, zuzubereiten, von den Mohammedanern in Cordova erfunden wurde, später aber die berühmtesten Gerbereien in Marokko selbst und noch später in Saffi (Asfi) sich befanden, so scheinen heute die schönsten Leder in Fes bereitet zu werden, wenigstens sind in ganz Nordafrika die Leder von Fes als die feinsten und dauerhaftesten gerühmt.

Aber man kommt nicht gleich aus der Kessaria in die labyrinthischen Handwerkerstrassen, man hat, wenigstens auf dem Wege nach Neu-Fes hin, zuerst die Blumenbuden zu durchwandern, und es bilden die Blumen einen hübschen Uebergang von der Industrie zum Handel. Es ist eigenthümlich, welche Vorliebe von jeher die Bewohner von Fes vor den übrigen Marokkanern für Blumen gehabt zu haben scheinen, wie denn auch die Cultur derselben in Gärten überall hervortritt.