[109] Es war mir allerdings schon aufgefallen, dass die Abessinier gar keine Abtritte bei ihren Wohnungen haben, selbst in den grössten Städten nicht. Aber ich glaubte, dass sie es in dieser Beziehung hielten wie so manche Völker Innerafrikas oder auch die Zeltbewohner der Berberstaaten. Und da ich selbst zur Befriedigung der täglichen Nothdurft ein eigenes Zelt besass, war von mir die Abwesenheit dieser uns meisten Europäern durchaus unentbehrlich scheinenden Oertlichkeit auch gar nicht bemerkt worden. Schimper belehrte mich nun eines andern. Die Vornehmen und besser Gestellten in Abessinien verrichten ihre Nothdurft in ihren Wohnungen und zwar in solche Röhren, welche sie in den Boden graben und jeden Tag, nachdem man sich ihrer bedient, zuschütten lassen. Da die Vornehmen in Abessinien fast immer unterwegs sind und jeden Tag ein anderes Lager beziehen, ist die Unannehmlichkeit so gross nicht. Bei längerm Verweilen aber in einer und derselben Hütte entwickeln sich, abgesehen von der Gesundheitsgefährlichkeit, die abscheulichsten Gerüche. Als ich den Kentiba (Oberbürgermeister) in Gondar, einen sonst liebenswürdigen Mann, besuchte und Schimper auf die mephitischen Dünste in seinem Hause aufmerksam machte, verwies er mich auf das in Debra Tabor Erlebte.

[110] Dies Wort bedeutet unser „Majestät“, hat aber nichts mit Johannes zu thun, wie denn manche daraus auch die mittelalterliche Benennung Pretegianni, Prestre Jan, Priester Johannes, ableiten wollen. Vgl. hierüber: „Perchè l’Imperatore degli Abissini si chiama communemente il Pretegianni? In Varie Operette del Lorenzo Neagallotti“ (Venedig 1779, S. 32).

[111] Die Abessinier glauben, dass es drei Welten gibt: Aethiopien, Europien und Türkien, wenn es mir gestattet ist, das Reich der Türken so zu abessinisiren. Ferner: dass Europa ungefähr so gross wie Aethiopien sei, aber keinen Negus Negesti besitze; im Mittelalter sei das der römische Kaiser gewesen. Sie halten Russland für das mächtigste Land und den Kaiser von Russland mindestens so mächtig wie den König von Tigre. England und Frankreich sind in ihren Augen ebenfalls mächtige Königreiche, die Macht des erstern mussten sie ja fühlen, wie denn namentlich der gegenwärtige Negus die höchste Achtung vor England und Napier hat. Frankreich ist aber doch in ihren Augen gesunken, die ungeahndete Einkerkerung und Beschimpfung Lejean’s, die Gefangennahme Napoleon’s haben nicht verfehlt, den Werth des französischen Namens zu vermindern. Frankreich wird sich aber wol wenig aus der Meinung der Abessinier machen.

[112] Dies ist offenbar ein Irrthum vom Kaiser Johannes, denn seine Vorfahren haben nie den Thron von Abessinien besessen. Aber schon 1868 schrieb der jetzige Kaiser, damals Prinz Kassai Abbo Bubbus, an Lord Napier einen Brief, in welchem unter anderm die Stelle vorkommt: „Durch Christi Gnade habe ich den Thron meiner Vorfahren Michaël, Walda Selassie, Sabagadis u.s.w. wiedererlangt.“ Wie jeder Abessinier auf Gott weiss wen hinsichtlich seiner Abstammung zurückgreift, Theodor sogar einmal öffentlich verkünden liess, er stamme von Salomo, von „David“, von „Adam“, so auch wird Negus Johannes ebenso sicher von seiner Salomonischen und Sabagadisischen Abstammung überzeugt sein, wie Pio nono es war von seiner Unfehlbarkeit, und Sidi el Hadj Abd es Ssalem von Uesan von seiner Gottbegnadetheit.

[113] Man lese mit Aufmerksamkeit das Buch von Matteucci und wird dann staunen über die Dinge, welche er dem Negus erzählte oder schrieb.

[114] Man findet die Berichte darüber im „Esploratore“ und in der französischen „Exploration“.

[115] Die Geschenke, selbstverständlich aus kaiserlichen Mitteln beschafft, sollten allerdings ursprünglich dem Sultan von Uadaï übergeben werden, sie wurden mir jedoch in Berlin schon 1878 mit dem Bemerk überwiesen, dass ich sie als Geschenk für einen andern Fürsten verwenden könne, falls ich Uadaï nicht erreiche.

[116] Andree in seinen „Ethnographischen Parallelen und Vergleichen“, S. 253, sagt, dass in Konstantinopel früher die Sultane das ausschliessliche Privilegium hatten, einen rothen Schirm zu tragen. In Abessinien wird dem Negus der Schirm getragen, wie Andree, S. 251, aus Wilkinson’s „Persepolis“ das Schirmtragen abgebildet hat.

[117] Da alle afrikanischen Völker grosse Kinder sind, sollten die Afrikareisenden nie versäumen, sich mit Spielsachen zu Geschenken zu versehen. So kaufte ich unter andern noch in Massaua einen gehenden Pfau, der Rad schlug, einen geigenden Affen u. dgl. m.

[118] Matteucci, S. 203.