Kaum hatten wir unser Zelt aufgeschlagen, als ein Abessinier zu mir hereingestürzt kam. Er sei, sagte er, ein Diener des französischen Consuls Herrn Raffray und von diesem mit mehrern andern aufs Hochland geschickt, um Maulthiere für seine bevorstehende Reise zum Negus anzukaufen; alle aber seien von Soldaten Balata Gebro’s gefangen genommen, in Ketten gelegt, des Geldes entledigt; er selber sei entronnen und wünsche meine Fürsprache. Ich schickte sofort Hauptmann Mariam zu Balata Gebro, der mir jedoch durch einen Obersten melden liess, er habe die Diener des Consuls gefangen nehmen lassen, weil sie in Gemeinschaft mit Dienern der katholischen Mission Salpeter nach Aegypten hätten schmuggeln wollen; auch läge der dringende Verdacht vor, dass sie den vorhin erwähnten Räuberhauptmann von Teramne mit Geld unterstützten; Freilassung könne also nicht erfolgen.

Um kein Mittel unversucht zu lassen, schickte ich Schimper zurück und liess nochmals bitten, die Diener des französischen Consuls freizulassen, indem ich zugleich den General aufmerksam machen liess auf die Folgen, welche daraus für ihn selbst erwachsen könnten, falls der Negus diese Vorgänge erführe. Balata Gebro blieb aber bei seiner Weigerung.

So musste ich denn unverrichteter Sache den Abstieg beginnen.

Wenn es in den letzten Wochen in Abessinien stets geregnet und geschauert hatte, irgendwo überhaupt an jedem Tage und zu jeder Stunde in Abessinien feuchter Niederschlag stattfindet, besonders auf den höchsten Regionen des Landes, so machte sich beim Abstieg selbst der Regen noch bemerklicher. Alles aber stand hier jetzt in beispielloser Ueppigkeit. Der Abstieg von Asmara ist bedeutend weniger schwierig, als der von Kasen, da er einer natürlichen Rinne folgt und allmählich zur Ebene hinabsinkt. Wie ein goldener Stern leuchtete vor uns her das grosse Kreuz der Kirche des berühmten Bisen-Klosters, das man, obwol man anscheinend in gerader östlicher Richtung darauf losgeht, bald südlich hoch oben über sich liegen lässt. Das Bisen-Kloster ist eins der berühmtesten von Nordabessinien. Die beste Beschreibung gibt uns Alvarez[157]: „Das Kloster wäre sehr gross, gewaltig und schön, also, dass man Gott billig zu danken, das in diesen frembden, onbekandten vnd weit entlegenen Landen, bey so viel Feinden des Christlichen glaubens dennoch noch etliche Christen, vnd solche stadtliche Kloster vnd Gotteshäuser zu befinden, darinnen Gott teglichen gelobet vnd gepreiset würde u.s.w.“ Alvarez erzählt uns sodann von dem grossen Reichthum des Klosters, den vielen Mönchen, angeblich 3000, die er selbst aber nur zu 300 habe schätzen können. Ferner heisst es: „Dieses Kloster vnnd alle Klöster demselben zugethan, halten in ihrer Regel, das kein Weib, kein Kue, kein Maulesel, kein Henne, oder einiges Thier Weibliches geschlechtes darff in das Kloster kommen“ u.s.w. Etwas weiter fügt er aber drastisch hinzu: „Ob sie aber diese Regel so steiff halten, vnd gar keine Weiber hinein lassen, das wissen sie am besten. Gleichwol fragt ich zu etlichen malen die jungen, die im Kloster wie gemelt erzogen wurden, wes Kindt ein jeder, oder wer sein Vater were, die sagten gemeinlich, die Brüder im Kloster weren ihre Väter, das war mir etwas wunderlich zu hören, wie die alten Brüder die jungen Brüder on Weiber aushecken kondten.“

Auch heute nach 300 Jahren ist noch alles im Kloster wie vordem. Ueberhaupt änderten sich die kirchlichen Verhältnisse in Abessinien gar nicht. Mit den Filialen mag Bisen auch 1881 gegen 1000 Mönche aufweisen. Alles Weibliche ist auch heute noch verbannt. Kein neuerer Reisender, soviel mir bekannt, besuchte Bisen. Und doch dürften ebenfalls hier manche Bücherschätze verborgen sein, da Bisen nie, auch von Theodor nicht, geplündert wurde. Selbst die Aegypter umgingen es bei ihrem Aufmarsch, obschon der Berg keineswegs schwierig zu ersteigen ist.

Am ersten Tag kamen wir schon auf 1800 m herab und lagerten im Mai Hinsi, einem engen, von Wasser durchrieselten Thale. Die Schlucht verbreiterte sich bedeutend am zweiten Tage, wo wir das prachtvolle Thal von Genda erreichten, worin zur Zeit Theodor’s eine protestantische, reizend auf einem Hügel gelegene Mission sich befand. Auch Kirkham liess sich hier ein Wohnhaus bauen, und der ganze Grund und Boden soll ihm von Johannes geschenkt worden sein. Von all diesen Bauten blieben nur noch unregelmässige Steinhaufen übrig, aber ausgedehnte Strecken Landes, man sieht es, standen schon unter Cultur. Obwol 900 m über dem Meere, hat die Pflanzenwelt von Genda durchaus tropischen Charakter. Die Kolqualeuphorbie verschwand, dagegen winden sich Stapelien durch die Akazien; Tamarinden längs des Flusses geben herrlichen Schatten, und grosse Haufen Elefantenlosung deuten darauf hin, dass diese Dickhäuter noch nicht ganz aus den untern Gehängen der Berge verschwunden sind. Menschen aber gibt es nirgends. Der ganze eigentliche Steilabhang ist jetzt unbevölkert. Die stummen Gräber und Friedhöfe erzählen jedoch laut genug, dass einst diese fruchtbaren Gefilde gut bevölkert waren. Das Genda-Thal, von Mai Hinsi an, könnte allein 100000 Menschen mit Leichtigkeit ernähren. Auch in Genda hatten wir abends wieder Gewitter und Hagelschlag, das aber nur zu einer noch üppigern Entfaltung der Natur beitrug.

Das Land östlich von Kasen und Asmara bis Ailet ist in diesem Augenblick völlig herrenlos, was eben die grösste Unsicherheit und damit den Mangel an aller Bevölkerung veranlasst. Meine abessinische Bedeckung hatte ich zurückgeschickt, aus Besorgniss, dass ich mir dennoch ihretwegen in Massaua Unannehmlichkeiten zuziehen könnte. Froh jedoch war ich, als mir nach meinem Aufbruche von Genda ein Naib entgegensprengte mit der Meldung, dass etwas weiter eine Compagnie Soldaten auf mich warte. In der That verhielt es sich so: Herr Hassen Bei und der Gouverneur Allah ed Din von Massaua erwiesen mir diese Freundlichkeit.

„Jetzt bin ich gerettet, jetzt bin ich ganz gerettet und in Sicherheit!“ rief Monsieur Baraglion, sobald er sich von den Soldaten umgeben sah. Und in der That hatte er recht, denn was sollte er machen, wenn es Balata Gebro eingefallen wäre, ihn zurückzurufen? In Abessinien ist Jeder Sklave, auch der Fremde. Sobald man dieses Land betritt, hört jede persönliche Freiheit auf. Und in wirklicher Sicherheit ist der Reisende erst wieder auf ägyptischem Boden, wo das Gesetz, nicht die despotische Willkür eines Einzelnen herrscht.[158]

Wir campirten mit den Soldaten östlich von der Digdigta-Hügelkette, bei Mai Atal. Aber welche Nacht mussten wir noch erleben! Ein Gewitter brach über uns los mit Regen und Schlossen, wie es sich eben nur unter den Tropen entfesselt. Zum Glück hatte ich mein Zelt auf einer Anhöhe aufpflanzen lassen, denn alles Land glich nach wenigen Minuten einem See, einem starkfliessenden See. Am schlimmsten waren die Soldaten daran, welchen aller Schutz fehlte. Die Offiziere und einige Soldaten flüchteten in mein Zelt, aber die meisten blieben dem Unwetter ausgesetzt. Die Rinnsale füllten sich und, wie wir am andern Tage wahrnahmen, hatten sich die Fluten durch Hotumlu gewälzt. Aber der Schall des Donners wurde nicht bis nach Massaua getragen, trotz der geringen geraden Entfernung, welche etwa 12 km beträgt. Man sah dort nur das grossartige Wetterleuchten.

Nachdem Gott Phöbus am folgenden Morgen mit tropischer Glut die Uniformen der Soldaten und die Kleidung der Diener getrocknet, machten wir von hier nach Hotumlu, wo wir nur einen Tag blieben, die letzte kleine Etappe. Der so formvollendete Gedem-Berg verkündete uns bald die Nähe von Massaua; die hohe schwedische Mission leuchtete uns entgegen, und als unsere Karavane vorbeizog, sagten uns die aus den Fenstern wehenden weissen Taschentücher, dass wir erkannt seien. Und kaum hatten wir das Zelt aufgeschlagen, als unser Freund Hassen Bei[159], der französische Consul Mr. Raffray, Herr Tagliabue, Herr Habib Schiavi, die schwedischen Missionare u.s.w. kamen, um uns zu begrüssen. Es war ein frohes Wiedersehen.