Gütigst stellte uns der Chedive das Gouvernementsgebäude in Massaua zur Verfügung. Da fanden wir luftige, hohe Zimmer, schöne Einrichtung und unmittelbar am Meere alle Bequemlichkeit für Seebäder, auf die man gleich ein Wannenbad mit Süsswasser folgen lässt. Auch blieb ich nicht lange allein, denn bald kam eine Gesellschaft junger Engländer, welche in Bogos und Mensa gejagt hatten und nun ebenfalls der Heimat zustrebten. Bereitwilligst trat ich ihnen den grössern Theil des Palais ab. Herr Schimper, der mich, wie ich früher erwähnte, auf Befehl des Kaisers von Abessinien bis Massaua begleiten musste, reiste zurück, und nun, nach Erledigung aller Geschäfte, traf gerade zur rechten Zeit ein Dampfer ein, auf welchem ich meine Rückreise antrat.

Der Abschied von meinen Freunden in Massaua war schmerzlich, der von meinen treuen Abessiniern fast noch schmerzlicher. Die Frauen, Mädchen, Kinder, Bettler, alle, die als gänzlich überflüssig die Reise mitgemacht hatten, musste ich allerdings schon in Asmara mit Gewalt abschütteln, und auch da fehlte es nicht an Thränen und Rührscenen. Nun aber galt es, mich von meinen eigenen Dienern zu trennen. Sie umklammerten mich, sie warfen sich auf den Boden, küssten meine Füsse und beschworen mich, wieder zu kommen, wenn nun einmal von Mitgehen nicht die Rede sein könne; auf Lohn und Geld seien sie bereit für immer zu verzichten. Und das waren nicht blosse Redensarten. Von der Hingebung und Aufopferung der abessinischen Diener erhielt ich unterwegs Beweise genug. So zwang mich gewissermassen zu Daro Kaulus im Lager des Balata Gebro ein von mir entlassener Diener, dass ich ihn wieder aufnahm. Ich gab ihm den Abschied, nicht wegen eines Vergehens, sondern wegen verschiedener Nachlässigkeiten, die sich bei ihm trotz mehrmaliger Drohung wiederholten. Obwol das Ende meiner Reise bevorstand, musste ich, der Disciplin wegen, zu dieser Strafe greifen; ein anderes Mittel stand mir überhaupt nicht zu Gebot. Nun eilte er, um bis zum Schluss bei mir bleiben zu können, nebst seiner Frau vorauf zum Balata Gebro und bat diesen um seine Vermittelung. In der That sagte der General, als ich mich von ihm verabschiedete: „Ich habe noch eine Bitte.“ – Anfangs meinte ich, es handle sich um einen Revolver oder sonst eine Waffe, die er noch zu besitzen wünsche. Ich erwiderte also: „Sagen Sie – und wenn irgend möglich gewähre ich.“ – „Nehmen Sie Desta und seine Frau wieder auf, sie grämen sich so sehr darüber, dass sie nicht bis zum Schlusse Ihrer Reise bei Ihnen bleiben sollen.“ – So kam denn Desta wieder in meinen Dienst, denn kaum hatte er mein dem General gegebenes „Ja“ gehört, als er auch gleich da war, um nach abessinischer Art zu danken, d.h. meine Füsse zu küssen. Und alle andern Abessinier freuten sich mit ihm, sie umringten ihn, wünschten ihm Glück, und der, welcher ihm meine Flinte, die er früher getragen, wieder einhändigte, rief: „Der Desta versteht es, er hat goetana[160] Rohlfs ‚gezwungen‘, ihn wieder aufzunehmen.“

Ja, ich musste von meinen Abessiniern scheiden! Es rührte mich tief, als ich sie noch weinend am Ufer stehen sah, während der Dampfer sich langsam aus dem Hafen von Massaua entfernte.

SECHZEHNTES KAPITEL.
RÜCKREISE.

Fürchterliche Hitze auf dem Rothen Meere. – Die jungen Engländer. – Herr Gessi an Bord. – Die Geschichte seines Unglücks. – Sues im Festkleid. – Chedive Tewfik. – Ankunft in Berlin.

Der von uns benutzte ägyptische Dampfer war besser als die meisten übrigen; er hatte neue Kajüteinrichtung und eine Restauration, Kapitän sowie Ober- und Untersteuermann erwiesen sich als freundlich und zuvorkommend. Durchschnittlich legte er acht Knoten zurück, was für einen ägyptischen Dampfer auf dem Rothen Meere schnell genannt werden muss. Die Hitze war jetzt viel bedeutender als auf der Hinfahrt. Die Sonne hatte den Wendekreis überschritten und sandte nun ihre senkrechten Strahlen zur Erde herab. Aber wir fuhren ja dem Norden zu und waren ausserdem von einer für die dortige Gegend ausnahmsweisen Kühle begünstigt.

Die jungen englischen Gentlemen, unter der Leitung von Mr. James als dem ältesten von ihnen, benahmen sich so liebenswürdig gegen mich, dass ich es kaum nach Gebühr hervorheben kann. Alle waren gut erzogen und, obwol noch jung – Mr. James zählte erst etwa 24 Jahre – von einem Unternehmungsgeiste, wie man ihn eben nur in der angelsächsischen Rasse findet. Da die Verpflegung an Bord doch manches zu wünschen übrigliess, nahm ich dankbarlichst die Einladung der jungen englischen Jäger an, ihr Tischgenosse zu werden. Vorzüglich ausgerüstet, mit reichlichen Vorräthen und europäischen Köchen versehen, konnten sie jeden Tag lucullische Mahle halten. Aber zu den materiellen Genüssen kamen auch geistige: sie führten eine ganze Bibliothek mit sich.

In Suakin nahmen wir Gessi an Bord. Welch Bild des Jammers! Sein Geist war anscheinend frisch geblieben, aber sein Körper bestand nur noch aus Haut und Knochen. Wie ein Gespenst sah er aus. Und das Schlimmste dabei: er konnte keinerlei Nahrung bei sich behalten!

Die mit afrikanischen Forschungen Vertrauten werden sich erinnern, dass es Gessi unter Gordon’s Generalgouvernement speciell oblag, jene Räuber und Sklavenhändler unschädlich zu machen, welche den schändlichen Menschenhandel gewerbsmässig betreiben. Auch ist bekannt, in wie energischer Weise Gessi sich seiner Aufgabe entledigte. Förmliche Schlachten schlug und gewann er. Als aber Gordon, sein Beschützer und Gönner, zurücktrat und Aegypten verliess, erbleichte auch Gessi’s Stern: alle Paschas stürzten über ihn als den grimmigsten Feind der Sklaverei her, und im alten Gleis ging es wieder. Zum Unglück traf Gessi noch, als er gerade für immer den Dienst des Chedive verlassen wollte, ein entsetzliches Unglück. Eingekeilt in einer jener grossen schwimmenden Grasinseln[161] beim Glaba Gjesdiga auf dem Bahr el Gazel des obern Nil, mit 500 Soldaten an Bord, erlagen die meisten dem Hungertode. Mag vieles rätselhaft hierbei erscheinen; mag es sein, dass Gessi, wie Spruchfähige behaupten, es an den nothwendigen Vorsichtsmaassregeln fehlen liess; dass er vielleicht bei einbrechender und eingebrochener Katastrophe nicht genug Energie und Klugheit[162] entfaltete: so viel steht immer fest, dass er absichtlich nichts verschuldete und sich um die momentane Unterdrückung des Sklavenhandels die grössten Verdienste erwarb. – Von den 500 mitgenommenen Soldaten nun erlagen 400 dem Hungertode. Die befreiten Sklaven kamen alle um. Die Zahl derselben konnte mir Gessi nicht angeben. Er theilte mir ferner mit: „Meine letzte Nahrung bestand aus Schuhen und Gewehrriemen. Von den hingestorbenen Leuten ass ich jedoch nicht. Die Soldaten boten mir eines Tags einen menschlichen Schenkel an und, vom nagenden Hunger getrieben, hätte ich beinahe davon gegessen, aber Gedärme hingen am Schenkel, das machte mich schaudern, und so widerstand ich.“ Es war entsetzlich, wenn er mit matter Stimme von seinen Leiden erzählte. Gleich nach der Ankunft in Sues erlag Gessi seiner Schwäche im französischen Hospital. Am 30. April 1881 starb er.