Der Kaiser sieht durch den Hatischeriff seine ganze Lage in sofern verändert an, daß er den Ausbruch der Feindseligkeiten nicht mehr von der Zustimmung Frankreichs und Englands abhängig zu machen braucht, sondern der Pforte geradezu den Krieg erklären wird, indem sie ihm denselben durch jenen Parlamentär angekündigt hat. Denn es kommt jetzt dem Kaiser momentan nicht auf die Pacifierung Griechenland an, sondern darauf, sein Ansehen und seinen Einfluß auf die Pforte aufrecht zu erhalten und die Beleidigung zu rächen, die durch die Nichterfüllung und durch die Darstellungsart des Akkermanschen Tractats Rußland zugefügt ist, nebst den übrigen beleidigenden Ausdrücken. Bei Ergreifung dieser Maßregel erklärt der Kaiser von Neuem, stets dieselben Grundsätze zu befolgen, welche ihn bei Schließung des trilateralen Vertrages leiteten. Erhält Rußland bis in den nächsten Wochen die Beistimmung Englands zu den vorgeschlagenen coërcitifen Maßregeln, welche in der Instruktion an Fürst Lieven vom 6. Januar enthalten sind, bisher aber trotz eines 14tägigen Hinausschiebens des Antworttermines unbeantwortet geblieben sind, so würde alsdann das Ultimatum von den drei Alliierten der Pforte übergeben werden; trifft aber die Erwartung von Englands Anschließen bis dahin nicht ein, so wird der Kaiser allein ein Ultimatum übersenden und abwarten, was England später beschließen wird. Dieser Schritt kann keine Störung unter den Alliierten erzeugen, weil Rußland für Erscheinung des Hatischeriffs individuelle Zwecke gegen die Pforte zu erkämpfen hat. Frankreich hat sich vollkommen mit Rußlands vorgeschlagenen Maßregeln einverstanden erklärt und England nach Kenntnis des Hatischeriffs inständigst zur Annahme dieser Maßregeln erneuert aufgefordert, indem diese Kriegs-Erklärung nur mit den Waffen beantwortet werden könne und dies die Ehre der Alliierten erfordere. Es schlägt vor, den Flotten einige Landungstruppen mitzugeben, um die Schlösser der Dardanellen zu nehmen und zu behaupten, um den Flotten das Vordringen gegen Konstantinopel und die Beschießung desselben dadurch möglich zu machen. (Diese heute eingetroffenen Nachrichten sind mir als ein großes Geheimnis nur vom Kaiser mitgeteilt worden.) Es stehet also noch immer zu hoffen, daß England nachgeben wird und der Krieg gemeinschaftlich erklärt wird. Wo nicht, so würde es seine später zu ergreifenden Maßregeln in der griechischen Angelegenheit den alsdann schon russischer Seits ergriffenen anschließen. Frankreich erklärt es mit Rußland zu halten, selbst wenn England ganz abspringen sollte (was wohl schwerlich zu erwarten ist.) Rußland würde also, falls England dem Krieg nicht beistimmt, seine individuellen Interessen durch denselben verfolgen und also darin nicht von England gehindert werden können; natürlich handelt Rußland dadurch auch indirekt zum Besten der Griechen, mit Frankreich eng verbunden aber direkt zum Besten derselben, denn Frankreich hat ja nur das griechische Interesse vor Augen. Dies giebt allerdings etwas complicierte Verhältnisse.

Aus Wien erfuhr der Kaiser, wie er mir heute sagte, daß auf bestimmten Antrag des Erzherzogs Ferdinand zwei Operations-Pläne ausgearbeitet wurden, der eine, um während der Operationen die Defensive zu beobachten, der andere ein Offensiv-Plan, um eine österreichische Armee mit der russischen operieren zu lassen. Es soll darüber jedoch ein großes Geheimnis obwalten. Doch hat dies den Kaiser sehr erfreut zu erfahren, weil er doch daraus die Möglichkeit sieht, daß Österreich sich zu einer tätigen Teilnahme zuletzt noch entschließen wird. Er ist daher sehr begierig auf die Schritte, die Sie getan haben werden, sowohl gegen Österreich als für sich selbst.

28. Februar/11. März.

Auch ist die Nachricht eingegangen, aus Bukarest oder Odessa, daß Herr v. Ottenfels im Begriff sei, Constantinopel zu verlassen, weil kein Christ seines Lebens mehr sicher sei. Ob er dies ohne Erlaubnis seines Hofes darf, weiß ich nicht zu entscheiden. Doch meint der Kaiser, daß die Verfolgungen, welche in Constantinopel und in der Türkei gegen die Christen beginnen, nur zu deutlich beweisen, daß der Hatischeriff eine Kriegserklärung gegen die gesamte Christenheit sei und aus diesem Gesichtspunkt betrachtet hofft er, daß Österreich seine bisherigen Grundsätze in der griechischen Angelegenheit wird fahren lassen und dann gemeinschaftliche Sache mit den Alliierten machen wird, womit dann die große Alliance wieder kräftig und ungeteilt dastände, ja es würde ein wahrer Kreuzzug werden (il serait une véritable croisade).

Falls der Krieg ausbricht, so sagt der Kaiser, würde sich die Campagne in drei Abschnitte teilen. Der erste vom April bis Juni; der zweite eine Ruhe bis zum September wegen der großen Hitze und wegen des Mangels an Furage in den Monaten, ehe die Ernte gemacht ist und der dritte vom September bis dahin, wohin die Operationen oder die Nachgiebigkeit der Pforte führen wird. Der Winter sei nicht zu fürchten und also wegen der Jahreszeit kein Abschnitt nötig zu machen. Im ersten Abschnitt müsse der Balkan erreicht werden, die Ruhe also daselbst eintreten, während dem zweiten würden alle Reserven und die Garden zur Armee stoßen (den 1./13. September) und so alsdann mit erneuten Kräften die Operationen des dritten Abschnittes beginnen. Die vorteilhafteste Operations-Linie wird natürlich die längs dem Meere sein von Anfang an, weshalb auch die Flotte des Schwarzen Meeres zur Protegierung der Operationen beordert ist. Nach einigen Nachrichten sollen sich bedeutende türkische Streitkräfte bei Rusdschuk sammeln, dagegen aber auch bei Babatag (in der Gegend, wo die Donau vor ihrem Abflusse die Ecke bildet) Verteidigungsmaßregeln ergriffen sein, als auf der Operations-Linie längs dem Meere liegend, die ihnen wohl auch gefährlich erscheinen mag.

Nach dem Gang, den die Dinge jetzt in der Türkei nehmen, glaubt der Kaiser, daß auf keine Nachgiebigkeit nicht mehr zu rechnen ist, weder jetzt noch später, sondern daß das Ganze mit dem Umsturz der türkischen Macht endigen wird, wenngleich er nur ungern von dieser Möglichkeit spricht. Sollten wir bis Constantinopel wirklich vordringen und ich bin zuerst dort, sagte der Kaiser mir neulich, so sollen die Andern mit meinem Benehmen und Vorschlägen zufrieden sein; kommen mir die Andern etwa auf irgend eine Art zuvor, so setze ich keinen Fuß in Constantinopel und lasse die Andern machen, was sie wollen und meliere mich nicht darein. Ich wiederhole Ihnen nur diese Worte, die der Kaiser wohl nur mir und seinem Schwager sagte, ohne weiteres diplomatisches Gewicht darauf zu legen; denn es dürften doch, wenn es wirklich so weit kommen sollte, wohl Verhältnisse eintreten, die jene Äußerungen vergessenswerth machen dürften. Tritt die andere Chance doch noch ein, daß die Pforte während des Krieges nachgibt endlich, so sind die dann eintretenden Verhältnisse in der erwähnten Instruktion an Lieven vorgezeichnet und die völlige Selbständigkeit Griechenlands dann zunächst stipuliert.

Der Kaiser trat mit der Nachricht ins Zimmer, daß der Friede mit Persien geschlossen sei[28] und zugleich die Schlüssel von Ardibile eingetroffen seien... Der Schah hat augenblicklich, als er die ernstliche Fortsetzung des Krieges erfahren hat, sich nachgiebig gezeigt und die ganze Summe der Contribution der russischen Avant-Garde unweit Zangan überliefert, und war der größte Teil bereits in Mijana eingetroffen. Der Schah hat dem Abbas Mirza aufgetragen, den Frieden sogleich zu unterzeichnen...

St. Petersburg, 3./15. März 1828.

Gestern ist der erwartete zweite Courier aus London[29] eingetroffen. Die von ihm überbrachten Nachrichten sind die offizielle Antwort des englischen Cabinettes auf die von Rußland gemachten Vorschläge, wie sie in der Instruktion an Fürst Lieven enthalten waren. Sie sind, wie nach meinem letzten Brief schon zu erwarten war, nicht nach Wunsch des Kaisers ausgefallen, indem jene Vorschläge nicht Eingang fanden und dagegen von England eine Demarche vorgeschlagen wird gerade der Art, wie Sie dieselbe durch Grafen Bernstorff vor vier Wochen hierher machen ließen. Der Kaiser wird darauf nur bedingt eingehen, indem aus seiner Antwort an Sie damals schon hervorging, daß er diesen Schritt als zu spät kommend betrachtete; doch will er sich jetzt gerade nicht opponieren; dagegen trennt er aber immer mehr die griechische Frage von den Griefs, die er zufolge des Hatischeriffs individuell gegen die Pforte zu verfolgen hat und wird daher in den ergriffenen Maßregeln dieserhalb nicht die mindeste Änderung entstehen und ganz das geschehen, was mein letzter Brief für den neu eingetretenen Fall voraussagte, nur mit dem Unterschiede, daß die Schritte, welche ich damals als von England allein etwa ausgehend bezeichnete, nun, wenn es angenommen wird, von allen 5 Mächten geschehen werden. So würden also Unterhandlungen und Krieg zugleich gehen und bestehen, nur zu verschiedenen Zwecken; der Krieg aber gemäß einen wichtigen mittelbaren Einfluß auf die Unterhandlungen haben und so durch den Krieg vielleicht der Frieden erhalten werden. Daß den Unterhandlungen, falls sie sich zerschlagen, ein allgemeiner Angriff folgt, dürfte die Drohung sein, mit welcher sie unternommen würden.