Die gestrigen Nachrichten aus Persien sagen, daß die ganze Contribution ausgeliefert ist und Abba Mirza erneuten Befehl zur schleunigen Unterzeichnung des Friedens erhalten hat...
St. Petersburg, den 6./18. März 1828.
Vorgestern Abend erhielt ich Ihren gnädigen Brief; ich teilte dem Kaiser sogleich Ihre Ansichten über die politischen Verhältnisse mit. Er sagte, daß ihn diese Ihre Ansichten nicht überraschen könnten, da sie mit Ihren früheren übereinstimmten. Doch hätte er es für seine Pflicht gehalten, Ihnen sein Raisonnement vor vier Wochen mitzuteilen, glaubend, daß manche Veränderungen damals eingetreten wären, die vielleicht Ihrerseits ein entscheidendes Handeln und Auftreten, wenn auch nur in Aufforderungen Anderer bestehend, möglich gemacht haben würden. Wenn der Kaiser also auch nicht überrascht über Ihre Antwort war, so tat sie ihm doch leid. Mir gab er jedoch auch das Zeugnis, daß ich stets diese Ihre Antwort vorhergesehen hätte, weil ich Ihre Ansicht genau kannte und sie ihm immer von Neuem vorgehalten habe. Während ich also auf diese Art dem Kaiser Ihre Ansicht opponiere, Ihnen dagegen die des Kaisers mitteile, scheint es, habe ich den Anschein bei Ihnen bekommen, als ließe ich mich durch den Kaiser entrainieren. Das Memoire, was ich dieserhalb durch Graf Bernstorff erhalten soll, wird mich natürlich ungemein interessieren, doch glaube ich dessen Inhalt vorhersagen zu können, da ich, wie gesagt, vermuten darf, daß ich Ihre Ansichten nicht vergessen habe. Sollte mich jedoch meine Äußerung: „daß mir das Handeln Preußens jetzt als das Hauptgewicht erscheine, welches die Inclination der politischen Wagschale bestimmen würde“, eine Äußerung, die ich mir kurz vor dem Abschieds-Augenblick in Berlin schon zu machen mir erlaubte, sollte mir diese Äußerung die Bemerkung zugezogen haben, daß ich Preußens Stellung verkenne, so werde ich allerdings hierüber eine Belehrung in Bernstorffs Mémoire[30] hoffen dürfen zu finden.
Ihre Bemerkungen über die vorauszusehenden Verwickelungen, wenn Rußland Englands Ansichten nicht aufnimmt, teilte ich gleichfalls dem Kaiser mit. Er erwiderte, daß sein jetziges Alleinhandeln der Natur sei, daß diese Verwickelungen wohl nicht zu befürchten seien. Sollten jedoch welche später aus Englands Benehmen entstehen, so könne er wenigstens ruhig darüber sein, daß er sie nicht herbeigeführt habe. Denn im trilateralen Vertrage wäre expreß gesagt, daß, wenn die erste Maßregel der auszusendenden Flotten nicht zum Ziele führe, so werde man zu ernsteren Maßregeln schreiten. Unter diesen ernsteren Maßregeln könnten aber natürlich keine anderen verstanden gewesen sein, als kriegerische. Diese seien nun also vorgeschlagen, nachdem erneute Unterhandlungen nach Navarin(o) sich zerschlagen hätten und den Abgang der Gesandten zur Folge sogar gehabt haben. Statt darauf einzugehen, gemeinschaftliche coërcitife Maßregeln zu unternehmen, wolle man nun von Neuem unterhandeln, also gegen die Bestimmungen des trilateralen Tractates und damit also wiederum den Gang ergreifen, der seit 7 Jahren nicht zum Ziele geführt habe; und welche Garantie sei vorhanden, daß, da man jetzt von Seiten Englands den kriegerischen Maßregeln keine Folge geben wolle, diese Folge-Gebung eintreten würde, wenn die vorgeschlagenen erneuten Unterhandlungen sich etwa zerschlügen und für dies Zerschlagen der Krieg als Folge bestimmt worden wäre? Wahrscheinlich würde man alsdann wieder einige Monate temporieren, dann aber erneut zu Unterhandlungen raten und so ins Unendliche fortfahren.
Doch wie mein letzter Brief schon meldete, wird sich der Kaiser diesen Vorschlägen nicht opponieren, jedoch auch seinerseits sich sehr bestimmt aussprechen und während dem handeln. Denn das fortwährende Temporieren und nicht Ernstmachen müsse ja die Pforte immer mehr bestärken, sich zu opponieren, da immer nur gedroht wird und den ernsthaftesten Drohungen doch keine Folge gegeben wird. So reize man die Pforte also ordentlich zur fortgesetzten Opposition bei jeden erneuten Unterhandlungen.
Im Sommer 1819 bemühte sich Prinz Wilhelm, unterstützt von seiner Schwester Charlotte, die Einwilligung seines königlichen Vaters für seine Verbindung mit der schon seit 1817 geliebten Prinzessin Elise von Radziwill zu erlangen. Friedrich Wilhelm III. schwankte auch in dieser familiären Angelegenheit in seinen Meinungen und Entschlüssen ständig hin und her, um so mehr, als die Unebenbürtigkeit der Prinzessin bald für gleichgültig, bald für hindernd in bezug auf die in Aussicht genommene Eheschließung gehalten ward. Erst im Juni 1826 hat er seine Zustimmung endgültig verweigert. Auf der Reise nach der Schweiz hatte Prinz Wilhelm 1826 bei der Hochzeit seines Bruders Karl mit Maria von Weimar deren jüngere Schwester Augusta kennen gelernt; vielleicht hat er im Anschluß daran in Karlsruhe die oben genannte Prinzessin Cäcilie von Schweden (1807/44) gesehen, die Tochter jenes Gustav IV. Adolf (1778/1837), der mit Friederike von Baden in einer 1812 geschiedenen Ehe vermählt und Mitte Mai 1809 seines Thrones verlustig erklärt worden war; er führte dann ein seltsames Wanderleben und weilte in der fraglichen Zeit als Oberst Gustavsson in Leipzig. Die mannigfachen Absonderlichkeiten dieses Mannes lassen es verstehen, daß der vorsichtige Friedrich Wilhelm III. von der ersten medizinischen Autorität seines Staates, dem „so höchst ehrwürdigen“ Christoph Wilhelm Hufeland (1763/1836), wie der König an seine Tochter Charlotte am 14./26. August 1836 nach Petersburg schrieb (Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 169), ein Gutachten über den Geisteszustand Gustav Adolfs IV. einholte, das schließlich in der wichtigen Frage einer künftigen Königin von Preußen den Ausschlag gab; Prinzessin Cäcilie heiratete den Großherzog August von Oldenburg. Prinz Wilhelm hat, wie aus dem obigen Briefe hervorgeht, lange in seinen Empfindungen zwischen den beiden Mädchen hin und her geschwankt; darauf deutet auch eine Briefstelle an den Vater aus Petersburg vom 23. December/4. Januar 1828:.... Beim Beginn des verflossenen Jahres war ich weit entfernt zu glauben, daß dasselbe von Einfluß auf mein künftiges Schicksal sein würde — und doch war es so; wieviel ernster mußte ich also nicht beim Eintritt in das nun vor uns verschlossene gestimmt sein, da es Pläne zur Ausführung bringen dürfte, die jetzt noch unentschieden in mir liegen. Möge der Himmel meine Wahl leiten und mir eine Zufriedenheit schenken, die ich lange entbehren mußte. Ihnen dadurch Freude zu machen und mir stets Ihre Gnade zu vergewissern ist ja dabei mein Hauptaugenmerk.... Des Prinzen Wilhelm Petersburgreise ist oft als eine „Brautfahrt“ gedeutet worden (vgl. Th. Schiemann, Historische Zeitschrift, N. F., Bd. 44, 1892, S. 243/50), was wohl nur in dem Sinne richtig ist, als die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von Rußland als die Großmutter der Prinzessin Augusta von Weimar deren künftigen Gatten kennen lernen sollte, wenn vielleicht auch ein Satz aus einem Berichte Schölers (14. April/6. Mai 1828) an den König darauf deuten könnte, daß eine russische Großfürstin für den Prinzen Wilhelm von Preußen als Lebensgefährtin in Aussicht genommen war: „Bei der hohen Achtung und wahrhaften Zuneigung, welche Seine Kgl. Hoheit sich hier allgemein erworben haben, teilt die ganze Residenz das Bedauern der kaiserlichen Familie, den Prinzen aus ihrer Mitte scheiden zu sehen und gibt nicht ohne Schmerz eine Hoffnung auf, mit welcher man, in Folge der Eigenheit des menschlichen Herzens, die Erfüllung eines lieben Wunsches keinem Zweifel unterworfen zu halten seit längerer Zeit sich geschmeichelt hatte.“
St. Petersburg, 13./25. März 1828.
Als Sie im Oktober vorigen Jahres von mir eine Erklärung wünschten, welchen Entschluß ich in Folge der im Sommer unternommenen Reise zu fassen gesonnen sei, war meine Antwort, daß die Bestimmung meiner Zukunft von der Wahl zwischen Prinzessin Augusta und Prinzessin Cecile abhängig sei als denjenigen beiden Prinzessinnen, welche mir von den kennengelernten als die ausgezeichnetsten erschienen.
Diese Wahl jedoch damals gleich zu treffen war mir meiner Überzeugung nach nicht möglich, weil dazu eine Kenntnis in gleichem Maße von beiden Prinzessinnen gehörte, ich bis dahin aber nur Prinzessin Augusta in so weit hatte kennen lernen, daß ich mir ein ziemlich gegründetes Urteil über sie erlauben durfte, dahingegen ich Prinzessin Cecile nur erst flüchtig konnte kennen gelernt haben, da ich sie nur wenige Tage sah. Da aber trotz dieser flüchtigen Bekanntschaft Prinzessin Cecile mich dennoch, trotz jener genaueren der Prinzessin Augusta beschäftigte und zwar auf eine Art, die ich nicht von der Hand zu weisen dürfen glaubte, so ging meine Bitte an Sie, die Sie auch genehmigten, dahin, daß ich eine nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile auf eine nicht auffallende und Niemand compromittierende Art suchen dürfte. Und wenn ich alsdann beide Prinzessinnen in gleichem Maaße kennte, so wollte ich danach meine Wahl festzustellen suchen. Da Sie diese meine Ansichten gut hießen, so würde ich nicht nötig haben, jetzt wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, wenn ich nicht schon in jener ersten Unterredung in Charlottenburg bemerkt hätte, daß Ihr Wunsch es sei, meine Entscheidung möchte für Prinzessin Augusta ausfallen. Da Sie jedoch deshalb meine Pläne nicht misbilligten, so glaubte ich es auch wagen zu dürfen, auf deren Ausführung mein Augenmerk zu richten. Seit jener Unterredung kamen mir vielerlei Äußerungen zur Kenntnis, die mir das bestätigten, was ich von Ihnen selbst zu verstehen geglaubt hatte, daß nämlich, wenngleich gegen die ganzen Verhältnisse der Prinzessin Cecile nichts einzuwenden sei, was eine Verbindung mit ihr unmöglich oder unpassend machte, doch gerade ihre eigentümliche Stellung, diese Verbindung nicht vorzugsweise wünschenswert machte. Diese Ihre Ansicht glaube ich auch in Ihrer Äußerung enthaltend gefunden zu haben, die Sie mir machten, als ich bei Gelegenheit, daß Sie meine Reise hierher genehmigten, von meiner Zukunft sprach. Sie sagten, Sie müßten nur zu bedenken geben, daß die sehr unangenehme Möglichkeit obwalte, daß das Übel, an welchem der Vater der Prinzessin Cecile litte, auch erblich sei und auch mit überspringenden Generationen erblich sei; ich glaubte also aus dieser Äußerung schließen zu müssen, daß Sie mich durch dieselbe von meinen Absichten detournieren zu suchen wollten. Wenngleich ich die Möglichkeit einer solchen Erblichkeit nicht bezweifeln konnte, so konnte ich jedoch auch nur bemerken, daß mir bis jetzt nirgends ein Zeichen obzuwalten scheine, welches jene Möglichkeit anzeige. Seit meinem Hiersein erfuhr ich nun jedoch, daß diese mögliche Erblichkeit der Geisteskrankheit Ihnen so erheblich erscheint, daß Sie sich durch Hufeland haben ein Gutachten über diese Angelegenheit geben lassen, welches die Möglichkeit des Vererbens eines solchen Übels bestätigt und als wahrscheinlich angibt.