Wie haben wir uns gefreut über die Rückkehr Nicolaus’ nach Petersburg; welche enorme Freude wird es gewesen sein. Gott sei gepriesen, daß die Campagne doch noch so endigte; denn die letzten Momente waren gar sehr beängstigend. Hoffentlich wird le grand Turc nun im Winter traitable werden.

Weimar, 11. November 1828.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auffallend es mir oft ist, in welchem Grade unsere Ansichten über fast alle Lebens-Verhältnisse und überhaupt über alle Gegenstände, die wir besprechen, zusammentreffen und übereinstimmen und wie dennoch Augusta Alles von demselben Gesichtspunkte aus ansieht wie ich. Wie sehr dadurch unser gegenseitiges Vertrauen wächst, läßt sich ermessen und wie froh wir zusammen einer glücklichen Zukunft entgegen sehen. Oft sagt man: die verschiedensten Charaktere geben die besten Ehen; ich denke aber, wir wollen beweisen, daß auch übereinstimmende es recht gut zusammen haben können.

Vorgestern hat die Großfürstin die Unterredung mit mir auf den Zeitpunkt der Vermählung gebracht und gleich damit angefangen zu sagen: nous en sommes pas du tout empressés de marier notre fille. Ich erwiderte, daß in dem Grade, wie man es hier vielleicht nicht sei, man es gerade bei uns im Gegenteil sei; doch ich müßte bitten, zu sagen, was für einen Termin man sich hier denke. Gegen Ende des Sommers, Anfang August, war die Antwort. Ich erwiderte, daß Ihre Ansichten und meine Wünsche darin nicht sehr abwichen, indem wir den Monat Mai wünschten, es also vielleicht nur auf einen Unterschied von zwei Monaten ankäme; doch müßte dieser Unterschied nach unseren Ansichten ausgeglichen werden, indem der Sommer und namentlich der August eine Periode sei, wo ein Beilager in Berlin gar nicht mit dem nötigen Glanze, der doch zu solchen Dingen gehöre und den ich durchaus wünschen müßte, begangen werden könne. Darauf meinte die Großfürstin: dann könnte man ja die Vermählung hier begehen. Dagegen opponierte ich auf das allerbestimmteste, ausführend, daß dies bei keinem Ihrer Söhne der Fall gewesen sei, daß alle meine Verhältnisse und Interessen zu innig mit der Idee, meine Vermählung in Berlin begangen zu sehen, vereint seien, daß ich nie davon abgehen würde. Die Großfürstin sagte darauf, daß, wenn man ihr alle Wünsche abschlüge, sie ihrerseits gewiß in dem des Termines nicht nachgeben werde, denn es sei ihre letzte Tochter und die wäre sie gar nicht expressiert zu verlieren, auch könnte das Trousseau nicht fertig werden, etc. Ich entgegnete, daß Sie gewiß nachgeben würden über den Punkt des Termines, wenn Ihnen Gründe vorgeführt würden, die haltbar seien; die bisher angeführten seien es in meinen Augen keineswegs und würden es auch in den Ihrigen nicht sein, um so mehr, da, wenn der Mai nicht bestimmt werde zur Vermählung, dieselbe bis zum November, December aufgeschoben bleibe, weil die Manöver bis zum Oktober dauerten, die Sie einen Teil des Septembers am Rhein beschäftigten, und dann auch Berlin bis zum December nicht so gefüllt sei, um den gehörigen Glanz den Festlichkeiten zu geben. Da meinte die Großfürstin, das sei um so besser, um so länger behalte sie ihre Tochter, worauf ich aber entgegnete: um so schlimmer, denn um so länger entbehrte ich ihre Tochter, und ich sei alt genug geworden, um keinen langen Aufschub mehr erdulden zu wollen, um so mehr, da auch Karl und Marie nur vom November bis Mai versprochen gewesen wären und Karl doch damals nur 25 Jahre alt war. Kurzum, Jeder blieb bei seiner Meinung und ich endigte damit, daß ich durch den intentionierten Aufschub auch noch die Unannehmlichkeit hätte, nicht einmal häufiger Besuche hier machen zu können, indem ich es mit meiner Pflicht nicht vereinbaren könnte, noch ein zweites Jahr so lange von meinem Wirkungskreise entfernt zu sein, wie in diesem Jahre, indem die Geschäfte nur zu sehr darunter litten, wenn man sie so lange anderen Händen anvertrauen müßte.

Ein ebenso streitiger Punkt war der des Termines der Verlobung. Die Großfürstin will ihn nach Neu-Jahr, weil da die halbe Trauer um ist und man auf einige Tage farbige Kleider und Diamanten usw. anziehen könnte, Conzerte geben ect. Ich versicherte, daß, da die Verlobung doch nur eine Ceremonie sei, ich nicht darauf halte, daß alle jene Dinge dabei sich zutrügen, ich aber durch den gewünschten Termin verhindert würde, früher wiederzukommen, indem ich gehofft hätte, nach Karls Beispiel, gleich nach den Petersburger Antworten verlobt zu werden, also etwa zu Weihnachten; denn daß ich noch einmal herkäme, ohne verlobt zu werden, würde ich natürlich und ganz gewiß nicht tun. Es hinge also nur davon ab, ob ich in 4 Wochen oder in 2 Monaten wiederkommen sollte. Ich werde nun noch mit dem Großherzoge vor meiner Abreise über Alles sprechen und mündlich die Resultate berichten...

Der Fürstin lege ich mich zu Füßen. Seien Sie versichert, daß wir gewiß Alle täglich Gott danken und preisen für das Glück und die Zufriedenheit, die Sie in Ihrem Besitz finden und wir mit Ihnen. Möge es Ihnen lange, lange erhalten werden.

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 12. November 1828.

Ach! Sie können sich denken, in welchem Zustande wir hier sind. Nein, wie war es denkbar, daß diese teuere Kaiserin[47], die so noch in der Kraft und Fülle der Gesundheit dazustehen schien, so bald uns entrissen werden würde. Ich betrauere in ihr ein Herz, das mir während 11 Jahren mit mütterlicher, wahrhaft mütterlicher Liebe zugetan war und das sich gerade jetzt diesen Namen mit Recht erringen sollte. O wie rührend ist sie noch in ihren letzten Stunden mit meiner Augusta und mir beschäftigt gewesen. Ich kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht mehr die Kunde erhielt, daß Alles am Ziel sei...

Weimar den 22. November 1828.