[22] Der preußische Gesandte in Konstantinopel.

[23] Dazu die ausführliche Äußerung Friedrich Wilhelms III. an seinen Sohn, Berlin, den 28. Februar/8. März 1828:.... mit einigem Befremden ersehe ich durch sie (d. i. Deine Briefe), daß man die politischen Verhältnisse Preußens aus einem Gesichtspunkte anzusehen fortfährt, den ich durchaus als unrichtig annehmen muß, ja, daß man Dich selbst fast dahin gebracht hat, diese Ansichten einigermaßen zu teilen. Allerdings haben sich seit Deiner Abreise von hier die orientalischen Angelegenheiten in einer für mich aber keineswegs unerwarteten Weise gestaltet. Die unsrigen sind jedoch dieselben geblieben und mußten auch ganz natürlich dieselben bleiben, wenn man nicht durchaus die Stellung Preußens verkennen will. Pour refraichir nos idées, wie man zu sagen pflegt, habe ich den Grafen Bernstorff beauftragt, ein Mémoire für Dich anzufertigen, das ich Dir.... überschicken werde. Es enthält eine deutliche Übersicht über die jetzige Lage der Dinge, und die darin abgesprochenen Grundsätze sind vollkommen die meinigen. Ich überlasse Dir, davon beliebigen, aber vorsichtigen Gebrauch zu machen. Im allgemeinen ist die Lage Europas sehr bedenklich, zumal wenn Rußland mit den Ansichten Englands nicht einverstanden sein sollte und isoliert zu handeln entschlossen wäre, woraus unabsehbare Verwicklungen entstehen müßten, die höchst traurige Folgen haben müßten. Daß also unter solchen Umständen an eine tätige militärische Teilnahme unsererseits nicht gedacht werden kann, liegt klar zu Tage. Truppen zu haben, ist allerdings eine wesentliche Sache, allein blos um dies zu erlangen, macht man noch keinen Krieg nicht....

[24] Friedr. Christ. Ad. v. Motz (1775/1830) war von 1825 an preußischer Finanzminister, der für das Zustandekommen des deutschen Zollvereines von größtem Einfluß war.

[25] Wie verworren die politische Lage in dieser Zeit war, zeigt ein Satz aus einem gleichzeitigen, umfangreichen Berichte Schölers an den König vom 9./21. Februar 1828; die preußischen Gesandten „an den verbündeten Höfen“ hatten berichtet, „als ob man in Paris die Besetzung der Fürstentümer von Rußland nicht anders als unter Zustimmung der beiden anderen Mächte befahre, in London aber zu dieser Besetzung weder als isolierte russische Maßregel noch im Auftrage der Alliance seine Zustimmung zu geben gedenke. Rußland seinerseits hingegen erklärt, daß es fortwährend nur mit seinen Verbündeten in Übereinstimmung handeln werde.“

[26] „In der Tat, es dürfte schwer sein etwas zu erdenken, was mehr im Stande wäre, die Mäßigung des Kaisers Nicolaus zu Ende zu treiben und den Entschluß, allein gegen die Pforte loszubrechen, bei ihm zur Reife zu bringen als diese wiederholten Versuche Österreichs, die Alliierten von Rußland in einen Mittelweg zu ziehen, zu dem sie ohnehin mehr oder weniger geneigt sind, auf welchem aber die Herstellung des russischen Einflusses in Konstantinopel voraussichtlich in dem Maße nicht erreicht werden kann, in welchem er früher bestanden, Kaiser Nicolaus ihn durch die Konvention von Ackerman ihn wiederzugewinnen und nie mehr aufzugeben feierlich erklärt hat. Das berührt gerade die Stelle, die Österreichs Politik in der griechischen Angelegenheit wund gerieben und so empfindlich gemacht hat, daß jede Berührung höchst bedenklich wird; aber es ist zugleich der Punkt, über den die Täuschungen des Fürsten Metternich so lange angehalten haben, daß deren Übung unmöglich geworden scheint.“ (Schöler, 16./28. Februar 1828.)

[27] Türkische Bezeichnung für einen Erlaß des Sultans, der einen hochpolitischen Inhalt hat. Schöler bezeichnet den hier in Frage kommenden Hatischeriff (am 22. 2./5. 3. 1828) als „ein Denkmal muselmännischen Unsinns und tief eingewurzelten Hasses gegen Rußland und die ganze Christenheit, in welchem der Sultan unverhohlen ausspricht, daß die in Ackerman eingegangenen Bedingungen sämtlich zu erfüllen keineswegs seine Absicht sei und er, im Voraus überzeugt, daß der Säbel entscheiden müsse, nur gezögert habe, um Zeit zur hinreichenden Rüstung zu gewinnen.“

[28] Der König an seinen Sohn, Berlin, den 20. März 1828:.... Sehr wichtige Nachrichten gabst Du mir durch Deine Briefe. Der Persische Frieden ist unter ihnen die erfreulichste. Die orientalischen Angelegenheiten verwirren sich immer mehr, ein klares Bild sich jetzt von ihnen zu machen, ist unmöglich, die von mir von jeher vermutete Verschiedenheit der Ansichten und Interessen der größeren Mächte Europas fangen an, sich sehr deutlich zu zeigen, da England einen ganz neuen und ganz anderen Weg einzuschlagen auf dem Punkte steht, doch weiß ich darüber noch nichts ganz offizielles. Spränge es gänzlich ab, so wäre die Verwirrung unberechenbar....

[29] „Der am 3./15. März aus London in Petersburg eingetroffene Kurir überbrachte die Nachricht“, daß in der dortigen Ministerkonferenz die Abrede getroffen sei: noch einmal — also trotz des Hattischerifs — und zwar mit Zuziehung von Preußen und Österreich, Anträge in Konstantinopel zu machen. Dem gegenüber präzisierte Rußland seinen Standpunkt folgendermaßen: es fordert Genugtuung für die Verletzung seiner Traktate mit der Pforte und erklärt, selbige unverzüglich annehmen zu wollen, zugleich aber in Hinsicht der griechischen Angelegenheit den Vertrag vom 6. Juli zu befolgen. „Das gibt also eine Beratung, den Krieg zu vermeiden und den wirklichen Krieg daneben; wie lange wird hierbei das freundschaftliche Vernehmen unter den drei verbündeten Mächten bestehen können?“ (Schöler an den preußischen Minister des Auswärtigen, Graf Bernstorff, 3./15. März 1828.)

[30] Das Mémoire, in französischer Sprache — also wohl auch für den Zaren bestimmt —, stellte in 28 Punkten die Lage dar. Vgl. dazu [Anm. S. 11].

[31] Kaiser Nikolaus sagte auf der Parade zu Schöler am 3./20. März: „daß Preußen sich gegen die andern Mächte nach wie vor für Rußlands Recht erklärt, von einer tätigen Unterstützung ist nie die Rede gewesen“. Fast zur selben Zeit faßte der König in einem Brief an seinen Sohn (16./28. März 1828) die Lage dahin zusammen:.... Alles, was jetzt in der politischen Welt vorgeht, sind die Folgen des Protokolls und des trilateralen Vertrages; wollte man durch diese dahin kommen, wo wir gekommen sind, so ist der Zweck erreicht, denn daß das Resultat derselben das ergeben würde, was es ergeben hat, daran habe ich keinen Augenblick gezweifelt, daher ich auch die jetzige Lage der Dinge als etwas keineswegs unerwartetes betrachte. Wohin sie aber führen kann, ist nicht leicht vorauszusehen, denn daß der Trilateralvertrag ohne Krieg ein Unding war, war klar vorauszusehen. Et j’en reviens toujours à nos moutons, das heißt auf die Grundsätze, die ich über diese Angelegenheit von Anfang an ausgesprochen habe, niemand aber wollte darauf hören. Nun ist die Verwirrung der Meinungen da; meine Schuld ist es nicht, denn ich habe zu Gunsten Rußlands bei Österreich und England zu wirken versucht, so viel ich vermochte ohne Unterlaß, allein umsonst. Österreich blieb wenigstens seiner Politik treu, aber was soll man von England denken? Wellington ist freilich nicht Canning und was dieser gebraut hat, will jener nicht ausbaden, weil, wie es klar genug war, Englands Interesse keinen verderblichen Krieg mit der Pforte haben will.... Schöler präzisierte Preußens Notwendigkeiten und Möglichkeiten sehr scharf: „Nun scheint aber Preußen mir die Macht zu sein, die diese Aufgabe, Europa vor einem allgemeinen Kriege zu bewahren, und damit zugleich die Frage lösen könne, welche Stellung sie in dem europäischen Staatenvereine einnähme und alle Verhältnisse scheinen mir dazu anzumahnen, gleichsam zu dem Entschlusse hinzudrängen, dieser Lösung uns zu unterziehen. Wenn Preußen, mit allen seinen bisherigen Erklärungen übereinstimmend, ernst und milde ausspricht, öffentlich ausspricht, daß es Rußlands volle Befugnis, ja selbst Verpflichtung, die Pforte zu Paaren zu treiben, anerkenne, und im eintretenden Falle nach dieser Überzeugung verfahren werde, dann werden England und Österreich sich gewiß nicht zu Schritten entschließen, zu denen sie ohnehin keine wahrhafte Verletzung eines wesentlichen Interesse auffordert. Eine solche Erklärung berechtigt aber vollkommen andererseits auch hinzuzufügen, daß selbige nur auf das Vertrauen in des Kaisers Mäßigung und festen Entschluß, sich keine anderweitigen Vorteile anzueignen, begründet sei, folglich auch nur mit diesem Vertrauen bestehen und gültig bleiben kann.“ (Schöler an Graf Bernstorff, 1/13. April 1828, dem Sinne nach identisch mit einem zwei Tage vorher an den König abgeschickten Bericht.)