St. Petersburg, 23. Januar/4. Februar 1828.

Die Gelegenheit des Generales Bazaine[11] lasse ich nicht unbenutzt, um einiges mitzuteilen, was ich im letzten Briefe nur ganz oberflächlich berührte, da er durch die Post ging. Es ist dies die Mitteilung und Ansicht des Grafen Tatischtschew[12] aus Wien auf die erhaltene Instruktion, dem österreichischen Hofe zu erklären, daß jede Besetzung Seitens Österreichs von türkischem Gebiete, falls Rußland sich zur Occupation von Fürstentümern genötigt sehen sollte, als eine gegen Rußland gerichtete Feindseligkeit betrachtet werden würde. Graf T. behauptet mit Gewißheit versichern zu können, daß Österreich eine solche Maßregel nicht beabsichtige, so lange nämlich rein von der Erfüllung des Tractats vom 6. Juli nur die Rede ist und der Ergreifung aller Mittel, die zu diesem Zwecke führen. Österreich sei viel zu schwach, aber auch viel zu ängstlich deshalb, um es wagen zu wollen, allein gegen Rußland aufzutreten, eine Ängstlichkeit, die sich bei jeder Gelegenheit verrate, trotz den befohlenen Kriegsrüstungen, die überhaupt eine Finte zu sein scheinen, um ihre eigentliche Schwäche zu cachieren. Wenn sie jedoch durch den Lauf der Begebenheiten, einen ausbrechenden Krieg, eine andere Tendenz erhielte, nämlich die der Eroberung und Teilung des türkischen Reiches, so würde in diesem Falle Österreich gewiß nicht ruhiger Augenzeuge bleiben, sondern tätigen Anteil nehmen wollen und zu dem Ende sich den drei Alliierten anschließen, um gemeinschaftliche Sache zu machen. Ja es existierten darüber schon Äußerungen, die anzeigten, daß Österreich in diesem Falle Rechnung mache, Herzegowina, Bosnien und Serbien zu acquérieren, daß es sich, im Falle einer so bedeutenden Vergrößerung Schwierigkeiten opponiert werden sollten, auch mit beiden Ersteren oder gar nur mit einem Teile derselben begnügen würde. Graf T. versichert, die Wahrheit seiner Angaben verbürgen zu können, ebenso wie auch, daß die Sprache, welche er instruiert sei zu führen, falls eine feindliche Maßregel gegen Rußland im Werke zu sein scheine, gewiß das Unterbleiben der Ausführung herbeiführen werde. Denn da er instruiert sei, diese Instruktion geheim zu halten und nur im Notfall davon Gebrauch zu machen, so habe er auch nur gesprächsweise gegen Jemand, von dem er wisse, daß er bestimmt sei, ihn auszuhorchen, etwas von der Möglichkeit solcher Ansichten seines Hofes fallen lassen, was seinen Zweck nicht verfehlt habe, indem einige Tage nachher mehrere Rüstungsbefehle zurückgenommen sein sollen.

Diese Mitteilungen T.’s scheinen wohl sehr erwünschten Inhalts zu sein, in dem sie die Beruhigung gewähren, daß Österreich den kriegrischen Maßregeln des Tractats nicht hinderlich sein wird, die doch wohl zu erwarten stehen, und daß, wenn ein Vertreibungskrieg der Türken die Folge sein sollte, auch dieser nicht gegen Österreichs Interesse ist, wenngleich hiermit allerdings ausgesprochen ist, daß Österreich nicht so uneigennützig in diese große Begebenheit sich einlassen will, als die drei Alliierten es bei der Schließung des Tractates aussprachen sein zu wollen, wenngleich damals von keinem Exterminationskrieg die Rede war. Ob, wenn diese Ansicht Österreichs gegründet ist, (sie) nicht zu benutzen wäre (die in Beziehung auf die Expulsion der Türkei aus Europa mir auch ganz mit der Ihrigen in Übereinstimmung zu sein scheint), um der Pforte zu erklären, daß sie durch die fünf Mächte angegriffen werden würde, wenn sie sich nicht sogleich nachgiebig zeige, ist eine Frage, die sich unwillkürlich aufdrängt, vorzüglich der Kaiser von Österreich sich ja damals mündlich bereits zu einer kategorischen Sprache gegen die Pforte verstanden hat. Diese gemeinschaftliche Eröffnung, die freilich nur durch Preußen und Österreich wird gemacht werden können, da die drei anderen Gesandten nicht mehr in Konstantinopel sind und von deren drei Mächten ja die Pforte auch den Krieg wohl voraussieht, würde der Pforte jede Illusion über die Möglichkeit einer Teilung der Interessen und daraus möglicher Bekriegung der großen Mächte unter einander benehmen und gewiß das letzte Mittel sein, was vielleicht vor Ergreifung feindlicher Maßregeln noch zum Zwecke führte[13].

Ihr Sie zärtlichst liebender, gehorsamer Sohn
Wilhelm.

St. Petersburg, 27. Januar/8. Februar 1828.

Der Großfürst Constantin[14] ist gestern hier eingetroffen... da von ihm immer die allarmierenden Gerüchte über Preußens Rüstungen[15] kommen, so langte Ihr Brief und der des Grafen Witzleben[16] mit Ihren Befehlen sehr zum rechten Momente an, indem ich dem Kaiser Alles dieserhalb Beruhigendes von Neuem mitteilte. Da sagte mir der Kaiser, daß Constantin seine Meldungen keineswegs in dem Sinne jetzt genommen wissen wolle, als seien die questionierten Rüstungen gegen Rußland gerichtet, sondern vielmehr für dasselbe und daß es nur scheine, als wolle Preußen diese Rüstungen nicht Wort haben, um sie ganz geheim machen zu können. Auch diese Ansicht war mit der Revue des 5. und 6. Corps bald über den Haufen geworfen. Die heutigen Depeschen des Gesandten Lieven[17] sagen dem Kaiser, daß zu befürchten stände, daß die orientalische Frage bei Eröffnung des Parlaments so bald nicht zur Entscheidung kommen werde, indem so sehr viele wichtigere Fragen, die die innere Administration betreffen, erst zu beseitigen sein würden[18], was dem Kaiser natürlich nicht lieb ist. Die Ernennung Wellingtons[19] zum Premierminister frappiert allgemein. Lieven berichtet aber, daß derselbe sich täglich mehr an ihn anschlösse und ganz zu seiner früheren Ansicht über die orientalische Frage zurückgekehrt sei und daher seinerseits nur das Beste zu erwarten stände. Die Eitelkeit soll den moost honorable Duke gewaltig reiten; und da hat denn ein Brief, den Nicolaus ihm nach der Schlacht von Navarin schrieb[20], der aber erst mit dem letzten Courir anlangte, einen gewaltigen Effekt gemacht, indem Nicolaus, tuend, als ignoriere er gänzlich Wellingtons momentane Umsattlung seiner Ansichten, ihm zu dem großen Seesiege gratulierte und ihm dankt und zurückruft, daß er es gewesen sei, der bei seiner Anwesenheit 1826 hier den Grund zu diesem glorreichen Ereignisse gelegt habe, welches hoffentlich binnen Kurzem zu dem gehofften Resultate führen werde. Dieser Brief konnte nicht mehr à propos kommen als gerade in dem Augenblicke... Alle Anstalten sind gemacht, im Fall der Kaiser der Campagne beiwohnen will, was er jedenfalls nur dann tun will, wenn der Krieg wirklich ausbricht, d. h. also wenn die Donau überschritten wird. Bei Besetzung der Fürstentümer wird er keinen Falls zugegen sein, wie er mehreremals äußerte, da dies keine Eröffnung der Feindseligkeiten ist.

Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.

St. Petersburg, 4./16. Februar 1828.