Taf. IV.
Frontale aus der Kirche zu Quern in Holstein.

Die Frontalien des XII. Jahrhunderts geben sehr oft Vorgänge aus der Heilsgeschichte, meist in 3 Reihen von Bildern, wieder, so das Antemensale aus Stroddetorp im Museum zu Stockholm[336] ferner die Reste eines norwegischen kupfernen Frontale, das Bendixen in den Bergens Museums Aarsberetning for 1890 bespricht. Um 1200 scheinen die früher beliebteren scenischen Darstellungen der Anbringung einzelner Figuren in umgrenztem Felde zu weichen und für Letztere wurde Einteilung und Inhalt der Darstellung, wie sie die Querner Tafel zeigt, typisch. Bis in die Zeit der Gothik hinein hat sich diese Tradition, ohne freilich zur ausschließlichen Herrschaft zu gelangen, erhalten. So finden wir in einem hölzernen gotischen Antemensale in Riseby (Kreis Eckernförde) das Haupt in den Anfang des XII. Jahrhunderts setzt[337] bei gleicher Einteilung Christus mit den Aposteln in gleicher Anordnung wieder. Dasselbe ist in einem ungefähr gleichzeitigen norwegischen Frontale aus der Kirche von Ulvik in Hardanger[338] der Fall, nur ist hier die Aureole abweichend gestaltet.

Die Darstellung des Heilandes in der Aureole, umgeben von den Evangelistensymbolen, ist in romanischer und frühgotischer Zeit eine überaus häufige. Seit dem XII. und XIII. Jahrhundert scheint man meist die, auch in unserer Tafel angewandte Reihenfolge der Symbole (geflügelter Mensch und Adler oben, Löwe und Ochse unten) bevorzugt zu haben.

Es würde aber doch nicht unbedenklich erscheinen, die Reihenfolge der Evangelistensymbole als weiteren Anhaltspunkt zur Datierung der Querner Tafel zu benützen. Ebensowenig dürfte die Darstellung der Symbole in ganzer Figur (wie in dem Querner Altarvorsatz) oder in halber Figur (wie im Komburger Frontale) auf einen zu verschiedenen Zeiten allgemein üblichen Gebrauch zurückzuführen sein. Auch ist es mir zweifelhaft, ob die anthropomorphe oder nichtanthropomorphe Gestaltung der Symbole ein für die Datierung zu benutzendes sicheres Merkmal bildet. Dagegen darf zur Bestimmung der Entstehungszeit darauf hingewiesen werden, daß Petrus in dem uns vorliegenden Antemensale als Attribut den Schlüssel in den Händen hält. Das XII. Jahrhundert stellt die Apostel entweder mit einer Schriftrolle oder mit einem Buch versehen dar. Die Gotik charakterisiert die einzelnen Apostel durch bestimmte Attribute. Das XIII. Jahrhundert beginnt damit, Petrus mit einem solchen zu versehen und zwar wird ihm entweder das Schwert gegeben, wie die aus dem Frontale zu Hellewadt erhaltene Figur des Apostels zeigt, oder man stellt ihn den Schlüssel tragend dar. Ich möchte glauben, daß die letztere Art der Charakterisierung des Petrus die jüngere ist. Jedenfalls scheint die Petrusfigur aus dem Hellewadter Frontale, die neben dem Schwert auch noch die ursprüngliche Schriftrolle trägt, älter zu sein, sie stammt, wie oben gesagt, aus der Zeit um 1200. Das Querner Frontale würde danach in den Anfang des XIII. Jahrhunderts zu setzen sein.[339]

Dafür spricht auch der Stil der Figuren selbst. Auf den ersten Blick erinnern die in lange Gewänder gehüllten, wenig proportionierten Gestalten, mit den schmalen, schräg abfallenden Schultern, den stark herausgetriebenen Köpfen und den mehr in die Fläche zurücktretenden nackten Füßen an die Plastik des beginnenden XI. Jahrhunderts, etwa an die Erzthür im Dom zu Hildesheim. Bei aufmerksamerer Betrachtung entgehen uns aber in dieser unbeholfenen und zum Teil rohen Arbeit nicht die Züge, welche die Kunstblüte im Anfang des XIII. Jahrhunderts auszeichnen. Der Trieb nach treffenderer Wiedergabe des Wirklichen, nach freierer Bewegung der Gestalten und die nicht ungeschickte Behandlung des Stofflichen. Die rechte, segnend erhobene Hand des Heilandes ist noch völlig konventionell. Sie steht fast in rechtem Winkel zum Arm, eine Haltung, die in Wirklichkeit außerordentlich schwierig, wenn nicht unmöglich sein würde. Die Stellung der Finger der segnenden Hand (der kleine Finger und der Ringfinger sind eingeschlagen, während die übrigen 3 Finger gestreckt sind) findet sich schon sehr früh, z. B. auf dem erwähnten Buchdeckel des heiligen Bernward im Domschatz zu Hildesheim und vielen anderen Stücken; ebenso noch in der spätromanischen Zeit, u. a. in einer Miniatur in einem Evangelienbuch aus der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts in der Königl. Schloßbibliothek zu Aschaffenburg.[340] — Gut beobachtet dagegen ist die Stellung des linken Beines; es ist stark angezogen, um dem Buche als Stütze zu dienen. Bekleidet ist der Heiland mit einem langen, weitärmlichen Gewand, das am Halse mit einem breiten, gemusterten Kragen abschließt und in der Mitte des Körpers von einem breiten etwas nach oben verschobenen Gürtel gehalten wird. Nur über die linke Schulter geworfen ist ein Mantel, welcher das linke angezogene Bein bis übers Knie deckt. In ganz derselben Weise finden wir den Salvator aus dem Antemensale zu Hellewadt bekleidet, auch dort liegt der Mantel nur auf der linken Schulter, ist dann freilich über beide Beine geschlagen und rechts im Gürtel befestigt. Große Ähnlichkeit mit dem Salvator in der Querner Tafel zeigt der thronende Heiland in dem norwegischen Antemensale im Museum zu Bergen, nur thront er dort auf dem Bogen und hat zu beiden Seiten der Gloriole das Alfa und Omega. Leider ist in dem Querner Frontale der Kopf des Heilandes eingedrückt, doch kann man deutlich erkennen, daß bei der Behandlung des Bartes und Haares zu feinerer Ausarbeitung der Stichel angewandt ist. Seine Anwendung finden wir nur noch einmal bei dem Apostel in der vom Mittelfeld aus ersten Bogennische oben rechts im Frontale wieder. Die Figuren lassen ein gewisses Streben nach natürlicherer und freierer Gestaltung nicht verkennen. Bei Einzelnen wird der oft nicht ganz geglückte Versuch gemacht, durch die Kleidung die Körperformen sehen zu lassen, so bei dem geflügelten Menschen, dem Symbol des Matthäus. Hier ist auch die Behandlung des Faltenwurfes eine recht gute. Beim Petrus zeigen sich die Knie deutlich durch das Gewand. Einer der Apostel (im Frontale rechts unten der äußerste), ist ganz in Profilansicht gegeben. Er schreitet eilend vorwärts und die Kontouren seines Beines heben sich deutlich im Stoff ab. Überhaupt ist die Absicht unverkennbar, möglichsten Wechsel in Haltung und Gebärden der Figuren eintreten zu lassen. Wenn dennoch einmal 2 Gestalten große Ähnlichkeit mit einander zeigen, wie die beiden unbärtigen Apostel (in der oberen Reihe die äußersten), so muß man zur Erklärung in Betracht ziehen, daß es gar nicht leicht ist, 12 Figuren, die durch gleiche Bedeutung und gleiche Raumbeschränkung gebunden sind, überall in abweichender Stellung zu zeigen. Dazu kommt, daß die Figuren durch Säulen getrennt, keine Beziehungen zu einander haben. Allerdings könnte es scheinen, als ständen die 3 Apostel oben rechts in einem gewissen inneren Zusammenhang. Die beiden äußeren Figuren wenden sich der mittleren zu. Auch die Fußstellung würde mit solcher Annahme im Einklang sein. Doch ist das wohl nicht mehr als ein zufälliges Zusammentreffen, denn unter den übrigen Aposteln ist irgend eine Beziehung nicht zu konstatieren. — Die meist bärtigen Köpfe der Apostel haben entschieden eine in die Augen fallende Ähnlichkeit, dennoch besteht das Streben zu individualisieren wie in der Haltung und Bewegung so auch hier; man betrachte z. B. den Kopf des Petrus, ferner den des über Petrus stehenden Apostels mit dem zugespitzten Vollbart. Hier ist, wie bereits erwähnt, zur feineren Behandlung des Haares auch der Stichel angewandt. — Ein bemerkenswerter realistischer Zug zeigt sich in der Wiedergabe der Tierleiber. So ist der geflügelte Ochse, wenn auch nicht völlig richtig wiedergegeben, doch gut beobachtet in Bezug auf seine Bewegung und nicht ungeschickt modelliert. Die Wendung des Kopfes mit der herabhängenden Wampe findet sich freilich auch öfter in romanischen Werken früherer Zeit, ebenso das Hervortreten der großen und kleinen Rippen. Beim Löwen, wo der Anfertiger auf Vorbilder oder seine Phantasie angewiesen war, finden wir eine ganz typische Wiedergabe, die Füße sind sogar stilisiert. Einen naturalistischen Zug bekundet dagegen wieder die Bildung des Halses bei dem geflügelten Menschen. Hier zeigen sich deutlich die Knorpelringe des Kehlkopfes. — Nach Allem dürfen wir wohl im Stil der Figuren trotz ihrer augenfälligen Mängel Züge der Kunst des beginnenden XIII. Jahrhunderts als festgestellt annehmen.

Der Mittelstreifen und der obere Rand der Aureole zeigen 2 einander verwandte spätromanische Ornamente, die, zierlich in Zeichnung und Ausführung, viel Verständnis für die Füllung des Raumes beweisen und in ihrer Arbeit einen merkwürdigen Kontrast zu dem übrigen groben ornamentalen Schmuck des Frontales bilden. Von Letzterem fallen besonders die urnenartigen Gebilde in den Bogenzwickeln auf. Sie bestehen aus einem oberen, von einem Knopfe gekrönten, überquellenden und einem sich nach unten, unter Anschluß an die Linien des Bogenzwickels verengenden Teil. Dieser ist durch eine horizontale Linie geteilt und läßt unter ihr deutlich eine quadratische Vertiefung erkennen. Der obere Teil zeigt vom krönenden Knopf abwärts verlaufende Striche, mehr oder weniger deutlich unter der Farbe erkennbar. Ferner läuft eine Horizontale von einem Knopf zum anderen, nicht überall in gleicher Höhe über den Bögen. Unter ihr zu beiden Seiten der vortretenden Bogenwölbung ist wieder je eine quadratische Vertiefung zu bemerken. — Die deutschen Frontalien geben uns keinerlei Analogien für diese eigenartige Dekoration. Wohl aber zeigen nordische Arbeiten Ähnliches. In dem Superfrontale des Altares zu Lisbjerg (Dänemark) findet sich eine sehr ähnliche Bogenstellung, die in den Zwickeln klar erkennbare Architektur zeigt. Bei mangelhafterer Ausführung könnte sie recht wohl zu Formen führen, wie sie die Querner Tafel über den Bögen hat. In dem norwegischen kupfernen Frontale im Museum zu Bergen läßt sich auch hierin eine nahe Verwandtschaft mit der Querner Tafel konstatieren. Die Platten der zweiten und dritten Reihe haben dort nämlich in den Bogenzwickeln fast völlig gleiche Gebilde, nur kann man dort etwas deutlicher als hier erkennen, daß Türme mit Fenstern dargestellt werden sollten. So darf wohl angenommen werden, auch die Dekoration über den Bögen der Querner Tafel sollte Architektur darstellen. Die Verwendung von Architekturformen, Kuppeln und Türmen, über der Bogenstellung ist ja eine keineswegs seltene, sie will in naiver Weise gleichzeitig die Außen- und Innenansicht eines Domes geben. Sehr oft findet sie sich in Miniaturmalereien, aber auch in der kleinen und großen Plastik. Als Beleg für letztere erinnere ich z. B. an die Chorschranke der Michaelskirche in Hildesheim.

Die Kapitäle und Basen der Säulen in dem Querner Frontale sind, wo sie nicht verloren gingen, teils ornamentiert, teils glatt. Ein systematischer Wechsel bei der Anwendung beider Formen läßt sich nicht feststellen. Die glatten Stücke bilden einfach einen von 2 Rundstäben eingefaßten Wulst. Die ornamentierten Kapitäle und Basen tragen entschieden das Gepräge der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts. Auf dem gleichfalls von Rundstäben eingefaßten Mittelstück wechseln langgestielte Dreipaßblätter mit kurz gestielten, über denen sich zur Ausfüllung des Raumes kugelartige Gebilde befinden, die unter der Übergoldung nicht deutlich zu erkennen sind. Besonders beachtenswert ist, daß in dem Südportal der Querner Kirche selbst ein ganz ähnliches Kapitäl vorkommt[341]. Das auch dort von 2 Rundstäben eingefaßte Mittelstück hat ebenfalls, allerdings etwas abweichend gestaltete Dreipaßblätter. Das Südportal gehört offenbar dem Anfang des XIII. Jahrhunderts an. Es ist spitzbogig, wechselt mit roten und schwarzen Backsteinen, der innere Stab trägt das eben beschriebene Kapitäl, seinen Sockel bilden noch roh glasierte, schwarze, backsteinere Basen mit den romanischen Eckblättern.

Es haben in der Querner Kirche im Anfang des XIII. Jahrhunderts also Umbauten stattgefunden. Nicht unwahrscheinlich ist die Annahme, daß bei dieser Gelegenheit auch das Frontale, welches, wie wir gesehen haben, gleichfalls den Beginn des XIII. Jahrhunderts entstammt, zum Schmucke des Altares angeschafft wurde.

Nach Stil und Technik gehört die Querner Tafel dem Norden an. Und da sich, wie wir sehen, ähnliche, wenn auch nicht in Metall gearbeitete Altarvorsätze in Schleswig-Holstein gefunden haben (die Antemensale aus Ekwadt und Hellewadt), dürfen wir annehmen, daß auch das Querner Frontale im Lande selbst entstanden ist[342].