Wären wir nicht in dieser Situation? Was meinte sie mit dem "wir". War da schon eine Familiarität zwischen den beiden. Ich sorgte mich ein Bisschen. Oh, Julia, werde mir nicht untreu, dachte ich, ich bin ja hier! Liebst du mich noch? Du bist ja immer noch so hübsch. Meine Knie werden immer noch weich, wenn ich dich sehe. Ich hab so ein komisches Gefühl in meiner Magengegend. Oder waren das die Ameisenstiche?
Nein, sie war wirklich noch wunderschön, so furchteinflössend. Sie hatte solche Macht über mich. So ist es mit der Liebe. Was für eine Macht eine Person, die man liebt, über einen hat. Was man nicht alles für sie tut. Sich mitten in der Nacht in einen Ameisenhaufen legen, nur so dass man ihre Stimme hören kann. Oh wie demütig ein Liebender doch wird, wie dienend, wie weich. Ja welche Macht die Liebe. Was ist ein Königreich, was ist die ganze Welt. Würd ich Julia dafür tauschen? Doch nie!
"Mom, ich wünschte Dad wäre hier. Glaubst du, er könnte uns verteidigen.", sagte Lisa. Oh danke, Lisa, dachte ich, das bringt ja alles gleich auf den Tisch.
"Lisa, wir wissen ja nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Eins weiss ich zwar, er würde alles tun um uns zu verteidigen", sagte Julia mit warmer Stimme. Oh vielleicht war da doch noch ein Bisschen Gefühl für mich übrig, dachte ich. Aber es gefiel mir nicht, dass sie nicht daran glaubte, dass ich noch am Leben war.
"Ich glaube, dass er noch am Leben ist", sagte Sara herausfordernd. Oh es war schön Saras helle Stimme zu hören. Ihre Stimme war so süss.
"Ich hoffe es, ich hoffe es auch", sagte Julia. "Ich geh zu Bett. Gute
Nacht ihr alle."
Oh wie gern hätte ich ihnen ein Zeichen gegeben, dass ich noch am Leben war. Doch das wäre nicht gut. Gerade jetzt war ich froh, dass ich es nie getan hatte. Denn jetzt konnte ich sie besser beschützen, als ich es sonst je hätte können. Sie gingen alle langsam in die Federn und ich kroch langsam gegen Billys Camp um zwischen den beiden Camps zu sein, so dass ich sehen konnte was in beiden vorging. Da ich im Wald nicht gut schiessen konnte—die Kugeln würden sicher von einem Ast oder Aestlein abgelenkt, es brauchte nicht viel—kroch ich an den Waldrand zwischen den beiden Camps. Von dieser Position müsste ich nur noch ein Bisschen in die Ebene hinausgehen und konnte auf beide Camps schiessen.
Ich schlief ein und wurde erst mitten in der Nacht geweckt, als Billy und seine Burschen haarnahe an mir vorbeitrampten. Sie gingen so leise, wie sie konnten und hätten doch eine Büffelherde aufgeweckt. Dazu wachte ich beim kleinsten Geräusch, was seine Vorteile und Nachteile hatte. Im Saloon zum Beispiel, schlief ich nie besonders gut.
Ich ging langsam und sehr leise hinter ihnen her. Als sie Jack und Stuart fesselten, liess ich sie gewähren. Julia sollte wissen, dass Stuart kein Beschützer war, und Jack sollte lernen, vorsichtiger zu sein. Ich brauchte die beiden nicht. Ich konnte mich dieser Burschen erwehren. Ich war schneller geworden. Sollten sie jedoch Jack und Stuart erschiessen wollen, war ich bereit.
Jetzt kamen sie schon mit Julia, Lisa und Sara. Ich konnte mitfühlen, wie es ihnen zumute sein musste. Sie fühlten sich ausgeliefert, hilflos und innerlich wütend und zornig über ihre Hilflosigkeit. Die Burschen waren jetzt alles andere als leise. Es war leicht für mich, mich wieder in den Wald hinein zu stehlen, bis sie an mir vorbei waren. Dann trat ich wieder auf die Ebene hinaus und folgte hinterher.