Da Lisa bemerkte, dass ich immer noch am Schmollen war, versuchte sie mich weiter aufzumuntern: "Ich möchte Ihnen noch danken, Mister, dass Sie meine Schwester gerettet haben. Es ist ja nicht selbstverständlich. Ich liebe sie nämlich und möchte sie nicht verlieren, obwohl wir uns hie und da necken." Sie wartete auf eine Antwort.
"Oh gern geschehen, Miss Lisa. Ich konnte sie ja nicht ertrinken lassen." sagte ich ausweichend. Ich hörte Pferdehufe von der Richtung, wo ich mit Sara hergekommen war. Es war Julia. Sie hing über ihrem Pferd und weinte bitterlich.
"Mama, Mama, ich war um dich besorgt", schrie Lisa.
"Sara, Sara—träume ich oder hab ich meinen Verstand verloren. Sara—bist du das wirklich. Bist du ok? Fehlt dir nichts? Bist du nicht verletzt? Wie hast du es nur geschafft?" schrie Julia. Sara rann ihr entgegen und die beiden umarmten sich und küssten sich und weinten. Sie schienen nicht genug voneinander zu bekommen. Besonders Julia wollte Sara einfach nicht loslassen.
Lisa war inzwischen auch hinzugerannt und nahm Teil an den Umarmungen und Küssen. Sogar mein hartes Herz wurde gerührt und ich wäre am Liebsten auch hingerannt. Eine Träne oder zwei rollten auch über meine Wangen.
Dann fingen die Mädchen an zu erzählen. Die Geschichte wurde immer aufgeblasener. Ich wurde als veritabler Held hingestellt. Ich hatte mein Leben riskiert, um ihres zu retten. Ich musste mit dem Fluss kämpfen. Ich ertrank beinahe selbst, als ich versuchte Sara die Böschung hinaufzubringen. Lisas Phantasie war heissgelaufen.
Nach einer Weile kamen sie näher und als Julia mich sah, erschrak sie. Sie erbleichte. Hatte sie mich erkannt? Was sonst ging durch ihren Kopf. Ich versuchte die Geschichte ein Bisschen realistischer zu machen und sagte: "Missis Carter, so dramatisch war es auch wieder nicht. Mein Leben war nie in Gefahr."
Doch sie hörte mir gar nicht zu, stattdessen kniete sie bei mir nieder, nahm meine Hände in die ihren, und dankte mir überschwenglich: "Oh wie kann ich Ihnen nur danken, Mister. Sie haben keine Ahnung, wie dankbar ich Ihnen bin. Ich glaubte schon, Sara verloren zu haben. Doch Sie haben sie gerettet. Ich weiss jetzt vom Geschehen, dass ich es nie hätte schaffen können. Ich hätte Sara nicht selber retten können. Ich hätte mein liebes Kind verloren." Dabei fing sie nochmals an zu weinen. "Doch Sie haben sie gerettet, und ihr eigenes Leben gewagt."
Sie sprach weiter und weiter bis es mir fast peinlich wurde. Es war so eine komische Situation. Da war meine Frau. Sie hielt meine Hände und war mir so nah und doch so fremd. Ich durfte ihr nichts zu erkennen geben. Ich durfte sie nicht merken lassen, wie familiär sie mir war, wie gut ich sie kannte, wie selbstverständlich es war, dass ich Sara gerettet hatte.
"Oh gnädige Frau, bitte beruhigen Sie sich. Ich hab doch nur getan, was natürlich war." Doch ich konnte sie nicht davon abbringen, mir noch ausführlicher zu danken. Jedesmal wenn ich etwas sagte, um mein Heldentum auf einen niedrigeren Stand zu setzen, fing sie von Neuem an, mir zu danken. So wurde ich still und sagte kein Wort mehr. Ich liess es einfach über mich ergehen.