Ich sage Dir brieflich Lebewohl, weil ich weiß, daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann. Du bist die Erste, bei der mein Gefühl stärker war als mein Verstand. Ich weiß und fühle, daß diese Schwäche Dir gegenüber für mein ganzes künftiges Leben eine Gefahr bedeutet, eine Gefahr hauptsächlich darum, weil Du Deinen ganzen Anschauungen nach mich oft zu Handlungen und Unterlassungen wirst veranlassen wollen, die meiner innersten Natur widerstreben.
Lebe wohl, mein geliebter kleiner Schatz.
Georg.“
Monikas Hand, die den Brief gehalten, sank schwer herunter. Ihr wirrer Blick traf zufällig auf den Spiegel, vor dem sie gestanden. Und dieser Blick wurde allmählich bewußt, erkannte das Spiegelbild, und wie ein grenzenloses Erstaunen ging es ihr durch den Kopf: „Herrgott, kann man denn überhaupt so blaß sein?!“
Einige Sekunden lang irrte ihr Sinn noch herum wie ein Vogel, den die Kugel traf, der ängstlich flattert mit zuckenden Flügelschlägen und dann plötz lich, sich des Schmerzes bewußt werdend, aufschreit und niederstürzt.
Und dann Nacht...
Eine tiefpurpurne Finsternis, aus der sich die Sinne nur langsam und qualvoll allmählich wieder zum Bewußtsein ringen.
Das... das war doch nicht möglich! Das war doch nicht denkbar... nein, nicht auszudenken, daß diese Liebe, die strahlende Sonne, die ihr ganzes Leben erleuchten und erwärmen sollte, nur ein Irrlicht war, das eine flüchtige Sekunde aufschimmerte und dann versank...
Nein, nicht möglich! Und doch? Was stand da in dem Briefe? In dem Briefe, der ihren Fingern entglitten war, den sie nun vom Boden emporriß und von neuem las?
Und noch einmal...