Aber wie immer war aus Karl nichts herauszubekommen.
Wenn man ihm eine Lüge nachgewiesen, fand er flugs eine andere. Ohne den leisesten Schimmer von Verlegenheit, ohne einen Augenblick des Nachsinnens strömten ihm die Ausflüchte zu. Er, der sonst eine so wenig rege Phantasie, eine so wenig lebhafte Geistestätigkeit besaß, war nie einen Augenblick verlegen darum, die kompliziertesten Geschichten zu erfinden.
Er faßte die Weigerung seiner Mutter, ihm auch nur einen Pfennig zu geben, ernster auf, als er sonst zu tun pflegte.
Sein rosiges Gesicht war blaß geworden; er klemmte die Unterlippe so fest zwischen die Zähne, daß ein Blutstropfen niederperlte.
„Ich muß das Geld haben, Mama.“
„Wir werden ja sehen, ob Du mußt.“
Er drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Er ging zu Monika.
Da es eine verhältnismäßig frühe Stunde war, war sie noch nicht fertig angezogen. Sie saß in einem Peignoir vor dem Spiegel, und ihre Jungfer bürstete ihr die schönen kastanienfarbenen Haare, die in mächtigen Wogen niederflossen.
Sie hatte Karl ohne weiteres in ihr Toilettenzimmer treten lassen; sie behandelte ihn noch ganz als Kind. Alle Leute behandelten Karl als Kind.
Er setzte sich in einen der weißen Louis-XV.-Sessel und sah zerstreut zu, wie die Jungfer die Frisur vollendete. Dann wurde das Mädchen auf seine Bitte hinausgeschickt, und nun bat er in seiner langsamen, ein wenig ungeschickten Sprechweise seine Schwester um die zweitausend Mark, deren Zahlung seine Mutter so entrüstet abgelehnt.