Auch „Ordnung halten“ erklärte Olga Nikolajewna für eine von Berthas schädlichen Angewohnheiten. Dieses ewige Wegräumen war schrecklich! Jedenfalls bäte sie, ihre Sachen nicht anzutasten. Die lägen so, wie sie müßten.

Und Bertha schenkte diesen Ausführungen ein williges Ohr. Sie nahm ja so leicht die Anschauungen ihrer Umgebung an. So wie sie früher auf die Ansichten ihrer deutschen Kolleginnen geschworen, die aus dem naiven, jungen Mädchen eine Frauenrechtlerin gemacht, ebenso ließ sie sich jetzt die Ansichten des internationalen Kreises aufpfropfen, der ihren Verkehr bildete.

Es waren gar verschiedenartige Leute, die sich da oft in ihrem kleinen Wohnzimmer zusammenfanden. Viel Platz war nicht auf dem roten Kattunsofa und den paar wackligen Rohrstühlen. Aber es standen eine Anzahl umgestülpter Kisten bereit, die als Sitzgelegenheiten dienten.

Die Bewirtung beschränkte sich auf Tee. Rauchmaterial brachte jeder selber mit.

Oft verschwamm das Stübchen in einem wahren Schwaden von Rauchwolken. Und man diskutierte über die neuesten Heilmethoden, über philosophische Systeme, über uralte und ewig ungelöste Menschheitsfragen.

Es hatte sich ein ganz bestimmter Kreis herausgebildet, Stammgäste, die immer wiederkamen: Dimitri Iwanowitsch Lagin, ein Landsmann von Olga, der einen düsteren Märtyrerkopf und schmutzige Fingernägel besaß; Hans Fischer, ein sehr jugendlicher Mediziner, der ein Schüler von Berthas Vater gewesen und Bertha den gleichen angstvollen Respekt entgegenbrachte wie dereinst seinem Ordinarius; Marie Kramer, eine freundliche dicke Blondine, die nun schon im achten Semester studierte und immer noch unglaublich erstaunt darüber war, daß sie es fertig gebracht, „ihre Angehörigen zu verlassen, ihrer inneren Stimme zu folgen“.

Und Melitta Göritz war da, ein schlankes, sehr brünettes Mädchen, das ein sehr verschlossenes Wesen hatte und von dem überhaupt niemand etwas Näheres wußte.

Dann noch ein norwegisches Ehepaar: die Steens. Merkwürdigerweise hatten die beiden äußerlich Aehnlichkeit miteinander. Sie waren beide sehr groß, sehr schlank, hatten weißblonde Haare und blaue, ein wenig vorstehende Augen, die an Fischaugen erinnerten.

Sie studierten beide Philosophie. Sie behandelten andere Leute überaus höflich und nett, sich gegenseitig aber mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit. Sie warfen sich Grobheiten an den Kopf, schimpften sich auf norwegisch und trennten sich nie, wie ein Pärchen Wellensittiche, ob aus Liebe oder Haß, blieb unerfindlich.

Auch Edith von Gräbert kam oft, eine norddeutsche Offizierstochter in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, die Lehrerin an einer Töchterschule gewesen, dann aber ihren Hang zur Medizin entdeckt.