Monika hoffte nun mit ihrer Cousine allein sprechen zu können, aber auf dem roten Kattunsofa saß Olga Nikolajewna und rührte sich nicht. Als Bertha einen schüchternen Versuch machte, sie zum Verlassen des Zimmers zu bewegen, erwiderte sie ganz erstaunt:
„Aber wir haben doch bloß dieses Sofa!“ Wußte Bertha denn immer noch nicht, daß ihr Stühle unbequem waren?!
So verfügten sich denn die beiden Cousinen in Berthas Schlafzimmer, das mit seinen winzigen Abmessungen, mit seiner schmalen, eisernen Bettstelle einen sehr ärmlichen Eindruck machte.
Monika setzte sich auf einen Rohrstuhl am Fenster und Bertha ließ sich aufs Bett sinken; sie war noch immer unter dem Eindruck der großen Ueberraschung.
Monika hier! Und sie kam zu ihr die vier wackligen Treppen hinauf! All das kam ihr ganz unwahrscheinlich vor.
Freilich vermutete sie nicht so Entscheidendes, wie sie gleich darauf zu hören bekam.
Also Monika war fort von ihrem Mann! Für immer fort?!
Bertha fühlte bei dieser Nachricht erstaunlicherweise nicht die freudige Genugtuung, die sie bei ihren extremen Grundsätzen eigentlich hätte haben müssen. Nein, sie empfand nicht: „Gott sei Dank wieder eine, die das unwürdige Ehejoch von sich abschüttelt!“ — sondern in diesem Augenblick überwog Berthas frühere Natur: „Wie töricht von Monika, ihrem Mann davonzulaufen!“
Gut, daß, ehe sie diese Worte geäußert, ihr ihre neuerworbenen Grundsätze einfielen. Und so sagte sie denn, sie sei weit entfernt davon, Monikas Schritt zu mißbilligen. Sich durchsetzen, seine eigene Persönlichkeit zu bewahren, das sei das Höchste für ein denkendes menschliches Wesen, und die Zeiten, da man die Frauen nicht zu den denkenden menschlichen Wesen gerechnet, seien ja erfreulicherweise vorüber!
Es sei sehr vernünftig von Mone, daß sie gleich hierher gekommen zu ihr, die ihr sehr gern mit ihrem Rate zur Seite stehen wolle.