Du hast in der letzten Zeit manchmal gesagt: wenn Dein Vater noch lebte, wärst Du nie so geworden!
Aber das ist ganz falsch. Das hat gar nichts mit Papas Tode zu tun — als ob ich jetzt weniger Angst hätte! Denn Angst habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehabt!
Aber mir sind im letzten Jahre so viele Gefühle und Empfindungen gekommen, ich weiß selbst nicht woher — so vieles, was gar nicht zu definieren ist.
Ich kann Dir nur sagen: wie Ihr mich zu Hause behandelt habt, das ist mir oft vorgekommen, als wenn man eine Pantherkatze wie einen Kanarienvogel erziehen will! Ach Gott, wie schön muß das sein, wenn man frei ist! Frei in der herrlichen Welt, sich sein Glück zu erkämpfen. Ich möchte Glück! Ich möchte alles haben, was schön ist und reich! Ich möchte den Ruhm und die große Liebe und Rausch und Glanz!
Jetzt wirst Du wieder sagen, ich sei zu frühreif. Ja, aber Frühreife ist doch auch eine Reife! Und dabei dann gequält werden mit tausend Verboten und Vorschriften, und mit Klavierüben und Anstand und Staubwischen! Gequält werden mit tausend Nichtigkeiten und Kinkerlitzchen! —
Uebrigens, ich hätte Dir zuliebe sehr viel davon ausgehalten, liebe Mama, aber was nicht auszuhalten war, das war die Behandlung, die Du mir durch Alfred und Heinrich angedeihen ließest. Warum waren die mir zu Aufpassern und Richtern bestellt? Warum? — Sind sie besser als ich oder reifer? —
Ich würde mich schämen, wenn ich nur die Hälfte so dumme Streiche machte wie die.
Sind sie klüger als ich? — Ich möchte wissen wo!
Da sind sie nun im Gymnasium, haben die besten Lehrer — und sind so faul, daß sie die eine Hälfte ihres Pensums nicht wissen und die andere Hälfte abschreiben.
Und ich mit meinem glühenden Wissensdurst und meiner ungewöhnlich guten Auffassungsgabe werde mit dem Bröckchen der Mädchenschulerziehung abgespeist und alle Werte der Menschheit erhalte ich ad usum Delphini zurechtgemacht — wenn Du soviel Latein verstehst, Mamachen.