In allen Poren fühlte sie, welche Macht sie über diesen Mann besaß, der jede Bewegung an ihr ver götterte, jedes Wort, das sie sprach, jeden Gedanken, den sie dachte... Der sie liebte maßlos und schrankenlos...
Das war’s, was ihr wie ein Rausch ins Blut drang, diese Erfüllung ihrer jungen Sehnsucht: über alle Schranken hinaus...
Georg hatte sie in Schranken gehalten und sich selbst auch. Hatte er sie überhaupt je geliebt? War das Liebe, die nach Zügeln fragte und nach Grenzen? Georg war ein Egoist gewesen, immer; im Mittelpunkte seines Denkens hatte er selbst gestanden, er und seine Karriere.
Würde er ihr je eine Ueberzeugung geopfert haben? Von Harry Lork aber wußte sie, daß er es mit Freuden sehen würde, wenn sie alle ihre Gefühle, alle ihre Gedanken wild wuchern ließ, daß sie üppige Triebe und Blüten reckten. Mit Lork würde sie frei sein können im Denken und Tun — und überschüttet von Reichtum und fortgerissen von Leidenschaften.
Sie sah wieder sein Gesicht vor sich, wie sie es neulich im Musikzimmer gesehen, als die Sonnenstäubchen drüber hingeflirrt und die Linien beleuchtet, die die Leidenschaft hineinriß...
Da wußte sie, was sie dem Grafen Harry Lork antworten würde, sobald er wiederkam.
Sie war mit ihrem inneren Leben so sehr beschäftigt, daß sie es vermied, andere zu sprechen. Sie war fast unhöflich, gab kaum Antwort, wenn einer der Hotelgäste sie in ein Gespräch zu ziehen suchte.
Am nächsten Vormittag schwamm sie weit in den See hinaus. Die scharfe körperliche Bewegung tat ihr wohl, lenkte sie ab von der heißen Arbeit ihres Gehirns.
Aber als sie dann nachher auf dem weißen Sande des Badestrandes lag, waren sie alle wieder da, die Zukunftsträume. Die waren nicht mehr in den rosigen Farben ihrer ersten Jugend gemalt, sondern in Purpur und Gold ihrer wissenden Frauenphantasie.
Und das Gefühl eines wilden Triumphes überkam sie: nie mehr „Sitte“ und „Pflicht“... nur alle heißen Träume wahr machen, die ihr Gehirn je bewegt, — — jede Phantasie Wirklichkeit werden lassen!