„Ach, und ich habe Sie so wenig gesehen, Doktor. Wie schade! So vieles wollte ich Sie fragen. Das ist so komisch mit mir! Ich möchte lernen, daß mir der Kopf raucht, alle schönen und alle großen Dinge möchte ich lernen — graben in den herrlichen und fruchtbaren Schächten der Weltgeschichte — die Pflanzen belauschen in ihrem Werden und Vergehen — den Tieren nachspüren, allen Tieren, bis hinab zu denen, die fast noch Pflanzen sind. Ach, lernen, immer mehr lernen! — Und dann wieder — dann lass’ ich alles im Stich, wenn ich bloß ein blaues Tüllkleid anprobieren soll und... und lass’ es gern im Stich! Und auf dem Ball lache ich mit den Herren und finde alles gelehrte Zeug geradezu blödsinnig. Und... und bin auch dann so rasend glücklich! Ich weiß nicht, ich verstehe mich selbst nicht...“
Sie brach ab.
Der Doktor nahm ihr rosiges Gesicht in seine beiden Hände. Er betrachtete lächelnd die schönen Augen, den naiv-genußsüchtigen, hochgewölbten Mund.
„Kind, wenn Du nicht so hübsch wärst, hätte aus Dir wahrhaftig was werden können,“ sagte er schließlich.
„Aber das Hübschsein ist doch kein Hinderungsgrund für geistige Bedeutung?“ fragte Monika kampfbereit.
„Doch Kind. Verträgt sich nicht miteinander. Das wirst Du schon noch sehen. Aphrodite und Pallas Athene haben sich nie leiden mögen.“
„Und welcher soll ich folgen?“ fragte Monika ihn mit dem ganzen inbrünstigen Vertrauen ihrer Kinderjahre.
Er lachte kurz auf.
„Du hast Dir einen schlechten Ratgeber ausgesucht. Ich hab’ mir selbst nicht raten können.“
Es war ein so bitterer Ton in seiner Stimme, daß Monika einen Augenblick sich selbst vergaß, einen Augenblick den jugendlichen Egoismus, der sich selbst das Interessanteste ist, beiseite ließ.