Ein heißes Mitgefühl blitzte in ihren Augen auf.
„Ja, Doktor, es ist doch eigentlich sonderbar, daß Sie Ihr Leben hier so vertrauern. So rasend klug wie Sie sind und gebildet! Sie könnten doch eine Rolle spielen, könnten in großem Maßstabe wirken für die Allgemeinheit!“
Er lächelte höhnisch.
„Wenn mir die Allgemeinheit bloß nicht so verdammt gleichgültig wäre!“
„Oh!“
„Sieh mal, Kind, ich hab’ in meinen Brausejahren ja auch die Welt aus den Angeln heben wollen. Und zum Arzt war ich gewiß nicht gemacht. Ohnmächtig hingeschlagen bin ich, als ich das erstemal in den Seziersaal kam. Alles in mir hat sich aufgebäumt gegen den Anblick von Gebresten und Tod. Zu meiner Mutter bin ich hingestürzt: ‚Umsatteln! Ich will nicht Medizin studieren. Literaturhistoriker.‘ —
Na, die Antwort hättest Du hören sollen! Arzt werden sei ein Brotstudium, und das habe sie als Witfrau doch wohl um mich verdient, daß ich sie in absehbarer Zeit ernähre. Na, schön, ich habe nachgegeben. Man gewöhnt sich ja auch. Aber man sieht bei diesem Beruf zu sehr, was für ein armseliges Ding der Mensch ist! Und um nicht verrückt zu werden über all den gräßlichen Bildern, hab’ ich mich in die Philosophie geflüchtet, habe mich in die seltsamen, narkotischen Philosophien des Ostens vertieft: China und Indien.“
Er starrte träumerisch geradeaus.
Da traf Monikas Antwort sein Ohr. „Feig’ ist das!“
Wie ein Schlachtruf klang’s. „Feig’! Sein Leben zu verträumen und verdösen in solch künstlicher Gemütsruhe. Wie ein Sumpf ist das. Ich aber will raus, raus in die See! Und wenn ich tausend blutige Schmerzen haben werd’, so werd’ ich auch tausend brennende Freuden haben! Und werd ’ leben, es in allen Adern fühlen, das herrliche, blutrote Leben!“