Der junge Mann, der uns unsern Lagerplatz angewiesen hatte, ritt mit uns bis Salchad, weil er, wie er sagte, dort Geschäfte hatte und lieber in Gesellschaft den Weg zurücklegte. Einer geistlichen Familie entstammend, ist Saleh, wie er hieß, im Lesen und Schreiben bewandert. Nun zerfallen die Drusen in Geweihte und Ungeweihte, und ich hatte die Kühnheit, ihn zu fragen, ob er zu den ersteren ('akil) gehöre. Mit dem gesellschaftlichen Rang hat diese Bezeichnung zwar nichts zu tun, denn die meisten Turschānen sind Ungeweihte, aber er warf mir doch einen scharfen Blick zu, und seine Gegenfrage:
»Was glauben Sie denn?« machte mir meinem Verstoß klar, so daß ich das Thema fallen ließ.
Saleh war nicht einer, der sich die Gelegenheit, etwas zu lernen, entschlüpfen ließ. Er forschte gehörig nach unsern Bräuchen, auch nach unsern Gesetzen über Ehe und Scheidung. Zu besonderer Heiterkeit reizte ihn die Sitte der englischen Väter, einen Mann dafür zu bezahlen, daß er seine Tochter heiratet. So deutete wenigstens Saleh das Wesen einer Mitgift, und wir lachten beide über ein derartiges sonderbares Übereinkommen. Auch war er begierig, die Ansichten der Abendländer über die Schöpfung der Welt und den Ursprung der Dinge zu hören, und die mancherlei heterodoxen Auffassungen, mit denen ich ihm den Willen tat, erfuhren weit schärfere Beleuchtung, als ihnen meinerseits entgegengebracht wurde. Wir verbrachten trotz des Schmutzes und Gerölles einen angenehmen Morgen. Ein kleiner purpurner Krokus hatte es eilig, am Rande einer Schneewehe zu blühen, und auch der weiße Stern einer Knoblauchpflanze. Das Gebirge ist reich an Frühlingsblüten. Reizvoll war die Aussicht nach Süden zu über die große Ebene, die wir überschritten hatten, nordwärts erhoben sich die mit dickem Schnee bedeckten Hügel, und Kuleib, das Kleine Herz, sah mit seinem eisigen, halb von Nebel verhüllten Gipfel ordentlich alpin aus. Zwei Stunden nach Mittag sahen wir Salchad, unser erstes Reiseziel.
Fünftes Kapitel.
Salchad, der Wohnsitz von King Og in Baschan, muß von Anbeginn an ein befestigter Ort gewesen sein. Das neuere Dorf gruppiert sich um den Fuß eines kleinen Vulkans, auf seiner Spitze und direkt in den Krater hineingebaut liegt die verfallene Festung. Sie und ihre Vorgänger im Krater bildeten die Vorposten des Haurāngebirges nach der Steppe hin, waren die Vorposten der frühesten Zivilisation gegen die ersten Marodeure. Das Terrain fällt nach Süden und Osten zu steil ab und ebnet, nur ganz im Anfang von ein oder zwei vulkanischen Erhebungen unterbrochen, in die lange, bis zum Euphrat reichende Fläche aus; schnurgerade, wie der Pfeil, der den Bogen verläßt, läuft die Römerstraße von Salchad in die Wüste hinein, keiner der neueren Reisenden ist ihr über zwei oder drei Stationen gefolgt. Hier nimmt der Karawanenweg nach Nedjd seinen Anfang; er führt über Kāf und Ethreh am Wādi Sirhan entlang nach Djof und Haïl und wurde, so gefährlich er ist, von den Blunts und später von Euting bereist. Eutings Beschreibung ist, mit der Gelehrsamkeit und gründlichen Beobachtung der Deutschen verfaßt, die beste, die wir haben. Direkt südlich von Salchad liegt ein interessantes zerstörtes Fort, Kal'at el Azrak. Das Dickicht der Oase birgt eine Menge wilder Bären. Dussaud, der diesen Teil besuchte, hat zwar eine prächtige Reisebeschreibung geliefert, aber ohne Zweifel läßt sich noch viel mehr des Neuen auffinden, birgt die Wüste noch manches Geheimnis, und jene große Ebene lockt so verführerisch, daß der Fuß in Salchad nur widerstrebend die Weiterreise nach Süden aufgibt.
Burg, Salchad.