Mein erster Weg war nach dem Hause von Nasīb el Atrasch, um Fellāh ul 'Isas Brief zu überbringen. Nasīb ist siebenundzwanzig, obgleich er wohl zehn Jahre älter erscheint; er ist von kurzer Statur, glatthaarig, und seine Gesichtszüge, die mehr schlau als angenehm sind, tragen ausgeprägten drusischen Typus. Er empfing mich in seinem Mak'ad, wo er mit seinem Bruder Djadallah saß, letzterer ein schlanker junger Mann mit hübschem, aber ziemlich einfältigem Gesicht. Nachdem er mich mit »bon jour« begrüßt, verfiel er in Schweigen, weil er mit seinem Französisch zu Ende war. Und wie er sich eine einzige Redensart aus einer europäischen Sprache geborgt hatte, so auch ein einziges Kleidungsstück aus einer europäischen Garderobe: einen enormen hochstehenden Halskragen, der zu seiner arabischen Tracht ganz wunderlich paßte. Außerdem befanden sich noch einige kaffeetrinkende Drusen in dem Raume, und noch jemand, den ich sofort aus einen Fremdling schätzte. Er entpuppte sich als der Mudīr el Māl von der türkischen Regierung. Seine eigentlichen amtlichen Funktionen sind mir zwar unbekannt, aber der Titel weist auf einen Angestellten der Schatzkammer hin. Salchad ist eins der drei Dörfer im Djebel Druz (die anderen heißen Sueda und 'Areh), wo der Sultan einen Kāimakām sowie ein Telegraphenamt hat. Jūsef Effendi, der Kāimakām, und Milhēm Iliān, der Mudīr el Māl, waren nicht wenig überrascht, als ich ohne irgend einen Avis oder eine Erlaubnis aus der Wüste auftauchte; täglich gingen drei Telegramme von ihnen mit Berichten über alles, was ich sagte oder tat, an den Vāli von Damaskus ab, und wenn ich auch auf besten Fuße mit beiden stand (Milhēm erwies sich als der intelligenteste und angenehmste Mann im Dorfe), habe ich ihnen wohl leider viel innere Unruhe geschafft. Und hier lassen Sie mich einschalten, daß ich auf Grund meiner Erfahrungen die türkischen Beamten zu den höflichsten und gefälligsten Männern rechnen muß. Komme zu ihnen mit den gehörigen Ausweisungen, und sie werden alles in ihrer Macht tun, um dir beizustehen. Und gesetzt auch, sie sind dir hinderlich, so geschieht es nur, weil sie höherem Gebot gehorchen müssen. Ja, selbst wenn du, wie es hin und wieder notgedrungen geschehen muß, ihre stets in ausgesucht höflicher Sprache gegebenen Weigerungen nicht beachtest, verbergen sie doch ihren gerechtfertigten Verdruß und tragen dir die Mühe nicht nach, die du ihnen verursachst. Die Regierungsbeamten in Salchad haben eine schwierige Stellung. In den letzten fünf Jahren ist es zwar im Gebirgsland friedlich hergegangen, aber die Drusen sind ein wetterwendisches Volk und leicht gereizt. Milhēm wußte sie wohl zu nehmen, und seine Ernennung zu dem neuen Posten in Salchad beweist Vālis aufrichtigen Wunsch, in der Zukunft Reibereien zu vermeiden. Milhēm war früher viele Jahre in Sueda gewesen, und als Christ lag zwischen ihm und den Drusen nicht jene unüberbrückbare Scheidewand des Hasses, die die letzteren vom Islam trennt; überdies sagt er sich auch, daß im Interesse der türkischen Regierung im Djebel Haurān nur wenig von einem Volk gefordert werden darf, das dem Namen nach untertan, in Wirklichkeit aber unabhängig ist. Jūsef Effendi stimmte mit ihm in dieser Überzeugung ziemlich überein, und er wußte gewiß am besten, wie schattenhaft seine Autorität war: gibt es doch nicht mehr als 200 türkische Soldaten im ganzen Bergland; der Rest der ottomanischen Macht besteht aus drusischen Zaptiehs, die sich zwar die Dienstuniform wohl gefallen lassen und den Sold einstecken, der selten genug bis zu ihnen gelangt, im übrigen aber kaum als zuverlässiger Schutz gelten können, wenn ernste Streitigkeiten zwischen ihrem eignen Volke und dem Sultan entstehen. Wie es den Anschein hatte, lebten Nasīb und sein Bruder mit dem Kāimakām im besten Einvernehmen: sie saßen fortwährend in seinem Mak'ad und tranken seinen Kaffee, aber als wir einst zufällig allein waren, bemerkte Jūsef Effendi pathetisch in seinem hochtrabenden Türkisch-Arabisch: »Ich weiß nie, was sie vorhaben, sie betrachten mich als Feind. Und wenn sie den Befehlen aus Damaskus nicht folgen wollen, so zerschneiden sie den Telegraphendraht und tun, was ihnen gefällt. Welche Macht habe ich, sie zu hindern?«
Nasīb el Atrasch.
Indes sind Anzeichen vorhanden, daß das unruhige Volk der Bergbewohner sein Interesse jetzt anderen Dingen zuwendet als dem Kriege mit den Osmanen, vor allem den Dampfwerken, die das Getreide für Salchad und einige andre Ortschaften mahlen. Wer eine Dampfmühle sein eigen nennt, ist gebunden, die bestehende Ordnung aufrecht zu erhalten. Er, der sie mit beträchtlichen Kosten erbaut hat, wird nicht wünschen, sie von einer eindringenden türkischen Armee zerstört und sein Kapital vernichtet zu sehen; er hofft im Gegenteil, Geld daraus zu schlagen, und so erhält seine rastlose Energie eine neue, einträgliche Betätigung in dieser Weise. Ich habe den Eindruck, daß der Friede jetzt auf einer viel solideren Basis ruht als vor fünf Jahren, und daß die türkische Regierung nicht gesäumt hat, sich die Lektion des letzten Krieges zu Herzen zu nehmen. Hätte nur der Vāli von Damaskus gewußt, welch guten Eindruck seine wohlbedachten Maßnahmen auf die »ränkevolle Engländerin« machen — er hätte seinen Telegraphenbeamten ein gut Teil Arbeit ersparen können.
Eine Gruppe Drusen.
Es kann kaum ein besseres Beispiel geben für die Ungezwungenheit, mit der die Drusen ihre eignen Angelegenheiten erledigen, als ein Vorkommnis, welches sich am Abend meiner Ankunft zutrug. Es waren bereits Andeutungen über die Wahrscheinlichkeit kriegerischer Zusammenstöße zwischen den Bergbewohnern und der Wüste gefallen, und kaum hatten wir einen Nachmittag in Salchad verlebt, so war uns auch schon klar, daß der große, vor einigen Monaten ausgeführte Raubzug Nasīb und seinen Bruder besonders beschäftigte. Wenn sie auch nicht mit uns davon sprachen, so lauschten sie doch aufmerksam, sobald wir die gegen die Hassaniyyeh verübten Räubereien erwähnten und die Rolle, die die Suchūr dabei gespielt hatten. Sie lockten auch alles heraus, was wir über die jetzige Stellung der letzteren wußten oder vermuteten, wie weit die Räuber gekommen waren, in welcher Richtung sie den Rückzug angetreten. Die Maultiertreiber hatten Männer an den Straßenecken flüstern hören und zwar von Vorbereitungen zum Krieg. Die Gruppen um Michaïls Feuer, von jeher ein Zentrum sozialer Tätigkeit, sprachen von Vergehungen, die nicht unbemerkt bleiben durften, und einer der vielen Söhne von Mohammeds Onkel hatte den ausgehungerten Beirutern ein Frühstück serviert, das mit mancherlei dunklen Winken über ein zwischen den Wādi Sirhan und den Beni Sachr bestehendes Bündnis gewürzt war, welches im Keime erstickt werden müsse, ehe es beunruhigende Dimensionen annehmen könne. Der Raubzug würde sich kaum bis Salchad erstrecken, aber das Unheil brauchte auch gar nicht bis zu diesem Punkte zu warten, besonders nicht im Winter, wo alle Vierfüßler, außer den notwendigen Reitpferden, weit entfernt auf der südlichen Ebene sind.
Mein Lager befand sich außerhalb der Stadt, auf einem Felde am Fuße des Burghügels. Nach Norden zu waren die Hänge bis zu den verfallenen Festungsmauern hinauf dick mit Schnee bedeckt, und auch wo wir lagerten, befanden sich einzelne Schneewehen, die im Vollmondschein glitzerten. Eben ging ich nach beendeter Mahlzeit mit mir zu rate, ob es wohl zu kalt wäre, mein Tagebuch zu schreiben, als wilder Gesang die Stille der Nacht unterbrach, und eine mächtige Flamme von den obersten Mauern des Kastells zum Himmel emporloderte. Es war ein Leuchtfeuer, welches den zahlreichen drusischen Dörfern in der Ebene unten die Annäherung des Raubzuges verkünden sollte, der Gesang aber rief zu den Waffen. Der drusische Zaptieh, der an meinem Lagerfeuer saß, sprang auf und starrte erst auf mich und dann auf die rote Glut über uns.
»Wird es mir gestattet sein, hinaufzugehen?« fragte ich.