Kreyeh.

Den ersten Tag meines Besuchs bei Nasīb verbrachte ich, indem ich beobachtete, wie er für die zu erwartende militärische Expedition Getreide mahlen ließ, und ihn sowie die Größen seines Dorfes photographierte. Zum Frühstück in seinem Mak'ad gab es ein knirschendes, Packpapier ähnliches Brot und dibs, eine Art Sirup aus eingekochtem Traubensaft, sowie eine recht garstige Suppe, die aus saurer Milch und Fettstückchen bestand. Kirk heißt sie bei den Drusen und erfreut sich einer ganz unverantwortlichen Schätzung. Am Nachmittag mußte Nasīb gegen zehn Meilen südlich reiten, um einen Händel zwischen zwei seiner Dörfer zu schlichten. Er lud mich zwar ein, ihn zu begleiten, aber ich dachte, es würden wahrscheinlich noch andre Angelegenheiten vorliegen, bei denen die Anwesenheit eines Fremdlings nicht wünschenswert war, und daher beschloß ich, eine Stunde weit mit ihm zu gehen, dann aber abseits ein Grabdenkmal auf der Spitze eines Hügels aufzusuchen. Es geht unter dem Namen »Grab von El Chudr«, der kein andrer als der heilige Georg ist. Nasīb machte sich mit großem Pomp auf den Weg; 20 Bewaffnete ritten neben ihm her, er selbst trug einen langen dunkelblauen, schwarzbestickten Tuchmantel, zwischen die Falten seines weißen Turbans schlang sich ein blaßblaues Tuch. Auch jeder der Männer war in einen Mantel gehüllt, und die Flinte hielten sie quer über den Knieen, so daß der ganze Zug sehr stattlich aussah. Man händigte mir die Gewehre eins nach dem andern ein, damit ich die Zeichen darauf besichtigen sollte, und ich fand, daß Alter und Ursprung der Waffen sehr verschieden waren. Einige vorweltliche Exemplare waren türkischen Soldaten gestohlen worden, die französischen, als die meisten, waren ziemlich neu, etliche aber kamen aus Ägypten und waren mit V. R. und dem breiten Pfeil gezeichnet. Nasīb ritt eine Strecke mit mir, wobei er ein Examen über meine gesellschaftliche Stellung anstellte. Ritt ich zu Hause mit dem König von England aus, und wie groß waren die Reichtümer meines Vaters? Seine Wißbegierde hatte ihren besonderen Grund: der Druse schaut immer nach einem reichen Europäer aus, den er sich verpflichten kann, und der ihm im Fall eines neuen Krieges mit dem Sultan zu Geldmitteln und Waffen verhilft. Mit verächtlicher Miene hörte er meine Auskunft über unsre Finanzen an, so daß ich mich bewogen sah, ihn in freilich taktvollerer Weise zu fragen, was man »reich sein« in den Bergen nenne. Darauf erfuhr ich, daß der reichste Turschane, Hamūd in Sueda, ein Jahreseinkommen von 5000 Napoleons hätte. Nasīb selbst, als weniger reich, hatte gegen 1000 Napoleons. Vermutlich fließt es ihm meistens in Naturalien zu, denn alle Einkünfte dort entstammen dem Boden und schwanken natürlich bedeutend nach den jeweiligen Jahreserträgnissen. Die genannten Summen kamen mir ziemlich hochgegriffen vor, sie mochten wohl auf Grund einer besonders glücklichen Ernte normiert sein.

Jetzt blieb Nasīb zurück und begann sich im Flüsterton mit einem alten Manne, seinem Hauptberater, zu unterhalten, während die übrigen sich um mich drängten und mir allerhand Geschichten von der Wüste erzählten und von großen Ruinen nach Süden zu, die sie mir zeigen würden, falls ich bei ihnen bliebe. Am Fuße des Hügels stießen wir auf eine Gruppe Reiter, die Nasīb erwarteten, um ihm wichtige Mitteilungen über die Araber zu machen. Michaïl und ich hielten abseits, denn der argwöhnische Blick, den uns unser Wirt verstohlen zuwarf, war uns nicht entgangen. Wir merkten weiter nichts, als daß die Kunde nicht gut war, und auch so viel verrieten weder Nasībs unbewegliche Züge noch auch die mit den Lidern bedeckten Augen. Offenbar wollte er auch die geringste Spur seiner Gedanken verbergen. Wir verließen ihn zu seiner sichtlichen Erleichterung und ritten bergan. Nun gibt es im ganzen Drusengebirge keinen einigermaßen bedeutenden Hügel, der nicht ein Heiligtum auf seinem Gipfel trüge, und dasselbe erweist sich immer als eins jener alten Monumente des Landes, die bis in die Zeit vor der Einwanderung der Drusen oder Türken zurückdatieren. Welche Geschichte sie haben? Wurden sie nabathäischen Felsen- und Berggöttern errichtet, Drusāra und Allāt, oder jenem Götzenbild mit semitischen Inschriften, dem die Wüste auf dem Ka'abah und manch einsamem Hügel Opfer darbrachte? Wenn es der Fall war, so lassen sich die alten Gottheiten noch unter anderm Namen dienen, denn noch steigt das Blut von Ziegen und Schafen, auf die schwarzen Türpfosten ihrer Wohnstätten gesprengt, zu den Göttern als süßer Geruch empor, noch vernehmen sie die Gebete der mit grünen Zweigen und Blütenbüscheln geschmückten Pilger. Das Grabdenkmal von El Chudr enthält im Innern des Heiligtums eine Art Sarkophag, der mit Streifen farbiger Lappen bedeckt ist; hebt man sie auf und blickt darunter, so zeigt sich ein seltsamer, durch die Verehrungsbezeugungen glattgeschliffner Stein — ein Bruder des Schwarzen Steins zu Mekka. Nahe dabei befand sich ein Steinbecken für Wasser — eine Eisschicht lag heute darauf. Durch die steinernen Türen war Schnee geweht, Schmelzwasser floß durch das Dach herab und bildete Schmutztümpel am Boden.

Ein drusischer Pflüger.

Am nächsten Tage hatten wir bitteren Frost, einen bleiernen Himmel und scharfen Wind — die Vorboten von Schnee. Milhēm Iliān kam herab, um mich für die Nacht zu sich zu laden, aber da ich fürchtete, nach seiner erwärmten Stube die Temperatur in meinem Zelt zu eisig zu finden, lehnte ich ab. Da er einige Zeit blieb, legte ich ihm meinen Plan vor, in die Safa, die vulkanische Einöde östlich vom Djebel Druz, zu reiten. Er ermutigte mich nicht, hielt das Projekt unter den bestehenden Verhältnissen sogar für unausführbar. Hatte es doch den Anschein, daß die Ghiāth, der die Safa bewohnende Stamm, sich gegen die Regierung aufgelehnt hatten. Die Wüstenpost, die zwischen Damaskus und Bagdad fährt, war von ihnen angefallen und ausgeraubt worden, und die Räuber mußten nun ihrer Strafe vom Vāli gewärtig sein. Sicherlich würde die kleine Eskorte Zaptiehs, die mich begleiten sollten, von ihnen in Stücke gehauen werden. Indes war Milhēm mit mir der Ansicht, daß, wenn auch eine ganze Armee Soldaten nichts ausrichten würden, man möglicherweise doch mit den Drusen allein in die Safa gelangen könne, und er versprach mir einen Brief an den Scheich von Saleh, Mohammed en Nassār, den er als guten Freund von sich und einflußreichen klugen Mann bezeichnete. Die Ghiāth sind den Drusen gegenüber in derselben Lage wie die Djebeliyyeh: sie dürfen es mit den Bergbewohnern nicht verderben, da sie im Sommer auf die hochgelegenen Weideplätze angewiesen sind.

Gegen Sonnenuntergang erwiderte ich Milhēms Besuch und fand sein Zimmer voller Leute, traf auch Nasīb, der eben von seiner Expedition zurück war. Ich mußte ihnen von meinen jüngsten Erlebnissen in der Wüste berichten und fand, daß all meine Freunde von den Drusen als Feinde betrachtet wurden, und daß nur die Ghiāth und die Djebeliyyeh Verbündete der Drusen sind. Was die Scherarāt, die Da'dja, die Beni Hassan betraf, so sollte bis auf das Blut gegen sie gekämpft werden.

In der Wüste kommt das Wort gōm (Feind) gleich nach daif (Gast), in den Bergen aber nimmt es gar zu leicht die erste Stelle ein. Ich sagte:

»O Nasīb, die Drusen ähneln dem Volk, von dem Kureyt ibn Uneif sang: ‚Wenn das Unheil ihnen die Zähne zeigt, so bieten sie ihm Trutz, gleichviel ob verbündet oder allein’.« Die schlauen Züge des Scheichs verzogen sich einen Augenblick, aber da das Gespräch sich jetzt gefährlichem Grund näherte, erhob er sich kurz darauf und verabschiedete sich. Bald wurde sein Platz durch Neuankömmlinge ausgefüllt (Milhēms Kaffeetöpfe müssen vom Morgengrauen bis spät in die Nacht hinein kochen), und endlich trat einer ein, zu dessen Begrüßung sich alle erhoben. Es war ein kurdischer Agha, ein schöner alter Mann mit weißem Schnurrbart und glattrasiertem Kinn, der von Zeit zu Zeit in seinen eignen Angelegenheiten von Damaskus herabkam. Da Milhēm aus Damaskus stammt, wollte er allerlei wissen; die Unterhaltung verließ deshalb die Wüstenfragen und wandte sich den Städtern und ihren Gebräuchen und Ansichten zu.