Ich fragte die unsichtbare Bittstellerin, wo sich ihr Sohn befände.
»In Tripoli, in Tripoli, weit im Westen. Er ist ein gefangener Soldat und kam nach dem Kriege nicht mit den anderen zurück. Nehmen Sie diesen Brief mit und schicken Sie ihn durch einen sicheren Boten von Damaskus ab; die Post von Salchad ist mir zu unsicher.«
Während ich das Zelt öffnete und den Brief entgegennahm, fuhr sie fort:
»Nasībs Frau hat mir gesagt, Sie seien gütig. Das Herz einer Mutter, Sie wissen — ein trauerndes Mutterherz.«
Weinend entfernte sie sich, und ich habe den geheimnisvollen Brief von Beirut mit der Post abgesandt, aber ob er Tripoli im weiten Westen und den gefangenen Drusen erreicht hat, werden wir nicht erfahren.
Der Kāimakām kam am andern Morgen vor unsrer Abreise und versorgte uns mit einem drusischen Zaptieh, der uns den Weg nach Sāleh zeigen sollte. Es blies ein schneidend kalter Wind, und weiter im Gebirge oben lag der Schnee hoch; wir wählten deshalb den tiefer gelegenen Weg über Ormān, ein Dorf, das als Schauplatz des Ausbruchs des letzten Krieges bekannt ist. Milhēm hatte meinen Führer Jūsef mit der Post betraut, die eben in Salchad eingetroffen war; sie bestand aus einem einzigen Brief an einen Christen in Ormān, dem wir außerhalb des Dorfes begegneten. Der Brief kam aus Massachusetts von einem seiner drei Söhne, die alle drei nach Amerika ausgewandert waren. Es ging ihnen allen gut, Gott sei Dank! Im vergangenen Jahre hatten sie dem Vater zusammen 30 Lire geschickt. Das und mehr sprudelte er in freudigem Stolze heraus, als wir ihm den Brief mit den frischen Nachrichten einhändigten. In Ormān wandte sich der Weg bergauf — ich benenne ihn weiter mit dem stolzen Namen Weg, da ich keine Benennung weiß, die schlecht genug ist. Es gehört zu den drusischen Verteidigungsmaßregeln, keinen in das Gebirge führenden Weg so breit zu machen, daß zwei Personen nebeneinander gehen können, noch so eben, daß eine andere Gangart als ein mühseliges Stolpern darauf möglich wäre. Und sie haben dieses System auch wirklich sehr erfolgreich durchgeführt. Bald befanden wir uns in halb schmelzendem, halb gefrorenem Schnee, der die Löcher im Pfade wohl verbarg, aber keine genügend feste Decke bildete, um die Tiere vor dem Einbrechen zu schützen. Oft kamen wir auch an tiefe Wehen, in welche die Kamele mit dem größten Vertrauen hineinsteuerten, aber nur, um in der Mitte zu fallen und unser Gepäck zu verstreuen, während die Pferde hineinstampften und sich bäumten, daß wir Gefahr liefen, abgeworfen zu werden. Michaïl, der nicht beritten war, küßte den Schneebrei des öfteren. Die Zeichner der Karte von Palästina haben am Ostabhange des Djebel Druz ihrer Phantasie den weitesten Spielraum gelassen. Hügel sind meilenweit fortgehüpft, Dörfer haben Schluchten übersprungen und sich auf der gegenüberliegenden Seite niedergelassen. So findet man z. B. Abu Zreik, das auf dem linken Ufer des Wādi Rādjīl liegt, auf dem rechten eingezeichnet.
Besonders an diesem Tage schien sich alles gegen uns zu verschwören, und unser Elend erreichte seinen Gipfelpunkt, als wir ein endloses Schneefeld betraten, über das ein furchtbarer Sturm nadelscharfer Graupeln dahinfegte. In nebelhafter, schier unerreichbar scheinender Ferne sahen wir durch das Graupelwetter die Hänge schimmern, auf denen Sāleh steht. Meile um Meile quälten wir uns mühsam vorwärts (es war unmöglich, auf den stolpernden Tieren zu reiten, auch viel zu kalt dazu) und plätscherten und wateten am Spätnachmittag, nachdem wir sieben Stunden auf eine vierstündige Entfernung verwendet hatten, durch die Wassertümpel und schmelzenden Schneehügel, die die Stelle von Straßen in Sāleh vertraten. Im ganzen Dorfe war kein trocknes Fleckchen, und der Schnee fiel dicht; mir blieb keine andere Möglichkeit, als an die Tür Mohammed Nassārs zu klopfen, dem der Ruf großer Gastlichkeit vorausging. Mit Mühe nur stieg ich die eisüberzogenen Stufen zu seinem Mak'ad hinan.
Torweg in Habrān.