Wenn die Vorsehung uns irgend eine Entschädigung für die Mühsalen des heutigen Tages schuldete, so hat sie uns, wenigstens mich, mit einem reichen, ja übervollen Maße bezahlt durch den schönen Abend, den ich im Hause des Scheichs verbringen durfte. Mohammed Nassār ist ein Mann reich an Alter und Weisheit, der eine große Schar Söhne und Neffen um sich hat heranwachsen sehen, deren gute Geistesgaben er durch das vortreffliche Beispiel seiner eignen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit herangebildet hat. Jeder Druse ist ein geborner Gentleman; aber das Haus des Scheichs von Sāleh konnte hinsichtlich guter Manieren, natürlicher sowohl als auch anerzogener, nicht von den Edelsten der sogenannten aristokratischen Nationen, der Perser, Radjputs oder irgend eines anderen sich auszeichnenden Volkes, übertroffen werden. Milhēms Empfehlungsbrief war ganz unnötig, um mir einen Willkomm zu sichern: ich fror, war hungrig und war Engländerin — das genügte. Das Feuer im eisernen Ofen wurde angezündet, und ich meiner feuchten Oberkleider entledigt; unter des Scheichs eigner Leitung belegte man die Diwane mit Teppichen und Kissen, und schließlich stellte sich die ganze Schar der männlichen Familienglieder und der Seitenverwandten ein, um zur Belebung des Abends beizutragen. Es ließ sich gut an. Ich wußte, daß Oppenheim auf seine Reise in die Safa Begleiter aus Sāleh mitgenommen hatte, und führte zufällig auch sein Buch mit mir. Wie oft hatte ich schon bedauert, daß kein weiser Instinkt mich bestimmt, Dussauds zwei prächtige Bände anstelle von Oppenheims gewichtigem Werke zu wählen, das eine Menge mir für die jetzige Reife ganz unnützer Belehrungen enthielt. Die Stärke des Buches liegt in den Illustrationen, und glücklicherweise befand sich unter denselben eine Abbildung Mohammed Nassārs mit seinen beiden jüngsten Kindern. Nachdem ich Kieperts Karten ausgerissen, war ich großmütig genug, den Band einem Familienglied zu schenken, das den gelehrten Reisenden auf seiner Expedition begleitet hatte. Er ist in Sāleh verblieben, den Scheichs zur Ehre und Freude. Sie schauen die Bilder an, ohne sich mit dem Text herumzustreiten, und die Lücke in meinen Bücherreihen wird durch die Erinnerung an die Freude der Drusen reichlich ausgefüllt.
Wir erzählten den ganzen Abend ununterbrochen, eine kurze Pause entstand nur, als das vortreffliche Essen gebracht wurde. Der alte Scheich, Jūsef, der Zaptieh, und ich nahmen zusammen daran teil; die reichlichen Überreste wurden von den ältesten Neffen und Vettern aufgezehrt. Das Thema, dem man in Sāleh das meiste Interesse entgegenbrachte, war der japanische Krieg — ja im ganzen Gebirge drehte sich die Unterhaltung fast ausschließlich um diesen Stoff, da die Drusen meinen, mit den Japanern zu ein und demselben Volksstamm zu gehören. Die Gedankenreihe, die diese erstaunliche Schlußfolgerung gezeitigt hat, ist einfach genug. Ihre geheimen Glaubenslehren weisen auf die Hoffnung hin, daß eines Tages ein drusisches Heer von den fernsten Grenzen Asiens hervorbrechen und die Welt unterjochen wird. Nun haben die Japaner unbesiegbaren Mut gezeigt — auch die Drusen sind tapfer; die Japaner haben gesiegt, die Drusen der Prophezeiung werden unbesiegbar sein: also sind die beiden eins. Die Sympathie von ganz Syrien und Kleinasien ist auf Seiten der Japaner; eine Ausnahme bilden nur die Glieder der griechisch-katholischen Kirche, die in Rußland ihren Schirmherrn sehen. Es erscheint sehr begreiflich, daß die türkische Regierung sich über die Niederlage ihres alten Erbfeindes freut, schwieriger aber ist es, einen Grund für das Vergnügen der Araber, Drusen (abgesehen von den oben erwähnten geheimen Hoffnungen der Drusen) und Kurden zu finden, denn zwischen ihnen und den Türken ist doch wahrlich keine Liebe verloren. Diese Völkerschaften pflegen sich sonst nicht am Unglück der Feinde des Sultans zu erfreuen, da sie selbst zumeist dazu gehören. Jedenfalls liegt der Grund in einer gewissen Schadenfreude und dem natürlichen Bestreben, auf Seiten des kleinen Mannes gegen den großen Unterdrücker zu stehen, vor allem aber mag jenes große Band mitsprechen, das wir mit dem Namen »Erdteil« bezeichnen, und der Krieg wendet sich an das Gefühl der Asiaten, weil er gegen die Europäer geht. Mag man sich auch noch so sehr dagegen sträuben, Rußland als einen Teil der europäischen Zivilisation anzuerkennen, mag man auch noch so überzeugt sein, daß die Japaner ebensowenig Gemeinsames mit den Türken oder Drusen haben wie mit den Südseeinsulanern oder Eskimos — der Osten wendet sich an den Osten, und seine Stimme hallt wider vom Gelben bis zum Mittelmeer.
Drusischer Mak'ad, Habrān.
Wir sprachen auch von den Türken. Mohammed war einer der vielen Scheichs gewesen, die nach dem drusischen Kriege in die Verbannung geschickt worden; er hatte Konstantinopel besucht und kannte auch Kleinasien, so daß man ihm wohl ein maßgebendes Urteil über den türkischen Charakter zusprechen konnte. Ganz unbeabsichtigt von den Türken hatte diese Massenwegführung der drusischen Scheichs und ihr zwei- bis dreijähriger Aufenthalt in entfernten Städten des Reiches einen Erfolg gezeitigt, den selbst die umsichtigste Staatskunst nur schwer erreicht haben dürfte. Männer, die unter anderen Verhältnissen nicht 50 Meilen über ihr Dorf hinausgekommen wären, haben gezwungenerweise ein Stück Welt kennen gelernt und sind zurückgekehrt, um sich dann ebenso großer Unabhängigkeit zu erfreuen wie früher. Aber sie haben doch einen tiefen Eindruck von der Größe des türkischen Reichs und von der unendlichen Zahl der Hilfsquellen des Sultans mitgebracht und haben einsehen gelernt, wie unwichtig ein drusischer Aufstand in einem Reiche ist, das noch besteht, trotzdem es jede Art des Bürgerkrieges durchgemacht hat. Mohammed hatte diese Welt jenseits der Grenzen des Gebirges so schätzen gelernt, daß er zwei von seinen sechs Söhnen hineinzuversetzen versuchte, indem er sie in einem Regierungsbüreau von Damaskus unterbrachte. Der Versuch war mißlungen, weil die Knaben, obgleich in seinen Grundsätzen erzogen, zu eigenwillig waren. Eine knabenhafte Pflichtvergessenheit, ein strenger Verweis des Vorgesetzten hatte sie eiligst in ihr Dorf zurückgetrieben, wo sie als unabhängige Scheichs ein träges und doch geachtetes Dasein führen konnten. Mohammed hatte auf eine in Damaskus erscheinende Wochenschrift abonniert, und er und seine Söhne verfolgten mit dem größten Interesse alle politischen Neuigkeiten des Auslandes, besonders Englands, die dem Stifte der Zensur entgangen waren. Oftmals übersahen sie auch eine wichtige Nachricht — oder war es der Herausgeber? So fragte mich mein Wirt z. B. nach Lord Salisbury und war sehr betrübt zu hören, daß er schon seit einigen Jahren tot sei. Außer Lord Cromer, der immer und überall bekannt ist, kannten sie auch Mr. Chamberlain, und es entspann sich in dem Mak'ad von Sāleh eine belebte Unterhaltung über fiskalische Fragen, die ich meinerseits mit Beispielen aus dem türkischen gumruk, dem Zollhaus, reichlich illustrieren konnte.
Nur ein einziger Punkt wurde an diesem Abend nicht zur allgemeinen Befriedigung erledigt, das war meine Reise in die Safa. Ich hege den leisen Argwohn, daß Milhēms Brief, den er mir versiegelt einhändigte, so daß ich ihn nicht lesen konnte, dem ähnelte, den Praetus Bellerophon einhändigte, als er ihn zum Könige von Lydien sandte. Wurde nun Mohammed zwar nicht aufgefordert, die Überbringerin bei ihrer Ankunft hinzurichten, so war er doch sicher dringlich gebeten worden, ihren Plänen entgegenzuarbeiten. Jedenfalls meinte Mohammed, daß die Expedition nicht ohne Begleitung von wenigstens 20 Drusen unternommen werden könnte, und da mich das zu viel Vorbereitungen und Ausgaben gekostet hätte, sah ich mich genötigt, das Projekt fallen zu lassen.
Um 10 Uhr fragte man mich, welche Zeit ich zu schlafen wünschte. Zum augenscheinlichen Verdruß aller der Anwesenden, die nicht den ganzen Tag durch den Schnee geritten waren, erwiderte ich, daß die Zeit gekommen sei. Die Söhne und Neffen empfahlen sich, es wurden wattierte Decken gebracht und auf den drei Seiten des Diwans zu je einem Bette aufgetürmt. Der Scheich, Jūsef und ich wickelten uns hinein, und ich wußte von nichts mehr, bis ich im scharfen Frost der Dämmerung erwachte. Schnell stand ich auf und ging an die frische Luft. Sāleh lag noch fest schlafend im Schnee; selbst das kleine Bächlein, das ein Wasserbassin inmitten des Dorfes speiste, schlummerte unter seinem dicken Eispelz. In dem klaren, kalten Schweigen beobachtete ich, wie der Osthimmel sich rötete und wieder erblich, und wie die Sonne einen ersten langen Lichtstrahl über das Schneefeld entsandte, das wir gestern mit so vieler Mühe bezwungen. Nachdem ein kurzes Dankgebet für schönes Wetter meinem Herzen entstiegen war, weckte ich die Maultiertreiber und die Tiere in ihrem gewöhnlichen Ruheplatz unter den Wölbungen der Karawanserei, genoß das von Mohammed en Nassār gebotene Frühstück und sagte meinem Wirt und seiner Familie ein langausgedehntes, dankbares Lebewohl. Kein Wanderer durch Berg und Tal kann sich einer angenehmeren Gesellschaft und einer erquickenderen Nachtruhe erfreuen, als mir in Sāleh zu teil wurden.
Türbalken, El Churbeh.